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Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes
 
 
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Mao. Das Leben eines Mannes, das Schicksal eines Volkes [Gebundene Ausgabe]

Jung Chang , Jon Halliday , Jung Chang , Ursel Schäfer , Heike Schlatterer , Werner Roller
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (44 Kundenrezensionen)

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Produktbeschreibungen

Aus der Amazon.de-Redaktion

Wer gedacht haben sollte, über Mao Tse-tung sei im Wesentlichen alles gesagt, hat sich gründlich getäuscht! Im Gegenteil nämlich dürfte vieles, nein: das meiste, was in der Vergangenheit über Mao publiziert wurde, aufgrund dieses grandiosen Buches von Jung Chang und Jon Halliday als überholt gelten. Man wird sich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, wenn man voraussagt, dass diese Arbeit auf Jahrzehnte hinaus als die Mao-Biografie Bestand haben wird.

Mit Maos Lebensgeschichte resümieren die Autoren des klug gegliederten Bandes zugleich die Geschichte Chinas im 20. Jahrhundert. Schritt für Schritt folgen wir Maos Weg vom schwer erziehbaren Schüler in das Zentrum der Macht. Die Lektüre entlarvt den chinesischen Revolutionsführer außer als einen Mann, den der Anblick sich gegenseitig erschlagender Bauern körperlich erregte, als einen ökonomischen Analphabeten sonder gleichen: Während die eigene Bevölkerung Not litt, unterstützte Mao befreundete Länder, deren wirtschaftliche Situation zum Teil deutlich besser war als die eigene, chinesische Waffenlieferungen erfolgten in aller Regel ohnehin zum Nulltarif, die Rückzahlung von gewährten "Krediten", die zu gewähren man sich eigentlich überhaupt nicht leisten konnte, wurde von befreundeten Staaten nicht erwartet. Und selbst die nach der bisher einhelligen Lesart ihm zuzurechnenden militärisch-strategischen Leistungen, wie namentlich der "Lange Marsch" 1934/35, werden von den Autoren als ihm in den Schoß gefallene (Fehl-)Leistungen anderer entzaubert.

Mehr als ein Jahrzehnt haben Chang und Halliday recherchiert, zahllose Zeitzeugen, zum Teil aus der nächsten Nähe des Diktators befragt. Sie haben eine Unzahl von Archiven in aller Welt durchforstet, unbekannte Quellen gehoben, ausgewertet und schließlich aus einer unschätzbaren Zahl an Puzzlesteinen ein Bild vom "Großen Vorsitzenden" zusammengefügt, das endlich mit den Legenden aufräumt, die sich bis heute um ihn rankten. Unvorstellbar nach der Lektüre der knapp tausend Seiten, dass das Abbild dieses an nichts, aber auch gar nichts anderem als der Macht um ihrer selbst willen interessierten Massenmörders (ohne Berücksichtigung der Kriegstoten sollen seiner Herrschaft über 70 Millionen Menschen zum Opfer gefallen sein!) in China bis heute den Status eines Heiligenbildes besitzt. -- Andreas Vierecke

Kurzbeschreibung

Es war nicht das Wohl seines Volkes, das Mao Tse-tung, dem Großen Vorsitzenden der Volksrepublik China, am Herzen lag. Es war auch nicht die kommunistische Ideologie, obwohl er ihren weltweiten Sieg anstrebte. Das Motiv von Maos Handeln war ausschließlich und zu jeder Zeit sein absoluter Wille zur Macht. Ob auf persönlicher, auf nationaler, auf internationaler Ebene - sein Machthunger war grenzenlos. Mao Tse-tung hat nicht alle, aber viele seiner Ziele erreicht, und China hat teuer dafür bezahlt: mit dem Leben von 70 Millionen Menschen.

Kein Buch über China hat je mehr Leser und Anhänger gefunden als Jung Changs Erinnerungsbuch WILDE SCHWÄNE, das in 30 Sprachen übersetzt und zehn Millionen Mal verkauft wurde. Jetzt erscheint ihr lang erwartetes neues Werk - eine bahnbrechende Biographie über Mao Tse-tung, den Mann, dem es gelang, sich auf vielfach gewundenen Pfaden zum Alleinherrscher über Hunderte Millionen Menschen aufzuschwingen.

Jung Chang hat die letzten zwölf Jahre damit verbracht, allen Spuren dieses Menschen nachzugehen, der zu den einflussreichsten politischen Gestalten des 20. Jahrhunderts gehörte, dessen Aura Staatsmänner in aller Welt beeindruckte, und dessen Gedanken und Worte in millionenfacher Verbreitung in zahllosen Ländern auf Begeisterung stießen. Doch der Mann, den sie in ihrem Buch für den Leser lebendig werden lässt, weist ganz andere Züge auf - es sind sehr viel hässlichere.
Die jahrelangen Recherchen in allen relevanten Archiven und die zahllosen Gespräche mit Zeitzeugen - mit Politikern in Ost und West, die mit Mao in Berührung gekommen waren, mit unbekannten chinesischen Betroffenen, mit Führungsfiguren aus Maos engsten Zirkeln, die sich nie zuvor geäußert hatten, haben die Autorin in die Lage versetzt, endlich und zum ersten Mal ein wahrheitsgetreues, ein realistisches Bild jener Epoche aufzuzeigen, kein von kommunistischen oder persönlichen Machtinteressen gefärbtes und verbrämtes. Und so gelingt es ihr, die Wahrheit hinter zahlreichen, von den Kommunisten gehegten und gepflegten Mythen ans Licht zu bringen und viele, teils von Mao vorsätzlich und gekonnt verbreitete Falschdarstellungen zu entlarven.

Klappentext

"Dieses Buch rüttelt auf, es verstört, und es zwingt jeden Leser, sich mit der 'Schriftgläubigkeit', dem Vertrauen in Experten und vor allem auch mit ihren eigenen, früheren Beurteilungen des 'Großen Vorsitzenden' kritisch auseinander zu setzen. ... Die Biografie von Jung Chang und Jon Halliday fordert heraus, sich Gedanken über den Wandel der Wahrnehmung von angeblichen Wahrheiten zu machen. Jeder, der mit China zu tun hat, ob als Politiker oder als Vertreter der Wirtschaft, ob als Student oder als Tourist, sollte dieses Buch lesen."
Die Zeit

"Eine gigantische Studie über jenen Mann, der in den späten 20er Jahren antrat, sein Schicksal mit dem seines Landes so zu verketten, bis er - wie alle erfolgreichen Diktatoren - die beiden Existenzen nicht mehr auseinander halten konnte. Und da es sich um keine wohlwollende Diktatur handelte, ist das Buch auch eine schonungslose um Lückenlosigkeit bemühte Anklageschrift. ... Vor zehn Jahren erschütterten die Aufzeichnungen von Maos Privatarzt Li Zhisui die Anhänger des früheren Parteivorsitzenden, indem sie das Bild eines zynischen, missgünstigen, von Sex besessenen, rachsüchtigen Politikers malten. Chang und Halliday vertiefen dieses Porträt um die historische und die politische Dimension. Sollten die Befunde stimmen, wird man die jüngere Geschichte Chinas in entscheidenden Punkten neu erzählen müssen."
Süddeutsche Zeitung

"Die eigentliche Sensation des Buches liegt in der Art, wie es Stück für Stück die heroischen Mythen von Maos Weg nach oben demontiert."
Die Welt

Über den Autor

Jung Chang geboren 1952 in China, verheiratet mit dem britischen Historiker Jon Halliday, lebt seit 1978 in London. Für ihr Buch WILDE SCHWÄNE, das in über 12 Ländern auf Platz 1 der Bestsellerlisten stand, errang sie zahlreiche Preise.

Auszug aus Mao von Jung Chang, Jon Halliday, Chang Jung, Ursel Schäfer, Heike Schlatterer, Werner Roller. Copyright © 2005. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.

TEIL EINS
Halbherziger Anhänger

1 Eintritt in die Moderne
(1893–1911, 1–17 Jahre)

Mao Tse-tung, der jahrzehntelang absolute Macht ausübte über das Leben eines Viertels der Weltbevölkerung, war verantwortlich für über 70 Millionen Tote in Friedenszeiten – kein anderer politischer Führer des 20. Jahrhunderts reicht hier an ihn heran. Mao wurde als Sohn einer Bauernfamilie geboren, die in der Provinz Hunan in einem Tal namens Shaoshan lebte, mitten im Herzen Chinas. Man schrieb den 26. Dezember 1893. Seine Vorfahren lebten seit 500 Jahren in diesem Tal.
Es war eine Welt uralter Schönheit, ein Landstrich mit einem gemäßigten, feuchten Klima und nebelverhangenen, welligen Hügeln, die seit der Jungsteinzeit besiedelt waren. Die buddhistischen Tempel stammten noch aus der Tang-Dynastie (618–906 n. Chr.), als der Buddhismus nach China kam, und sie wurden immer noch besucht. Ausgedehnte Bergwälder, in denen fast 300 verschiedene Baum- und Straucharten wuchsen, darunter Ahorn, Kampfer, Urwelt-Mammutbäume und der seltene Gingko, boten Tigern, Leoparden und Wildschweinen Unterschlupf. (Der letzte Tiger wurde 1957 erlegt.)
Die Berge, in denen es weder Straßen noch schiffbare Flüsse gab, schirmten das Dorf von der Außenwelt ab. Selbst eine Nachricht von so großer Tragweite, wie die vom Tod des Kaisers 1908, drang nicht bis in die Bergdörfer vor, und so erfuhr Mao erst zwei Jahre später davon, als er Shaoshan verließ.
Das Tal von Shaoshan misst ungefähr 5 auf 3,5 Kilometer. Die etwa 600 Familien, die dort lebten, bauten Reis, Tee und Bambus an und hielten Wasserbüffel, mit denen sie die Reisfelder bearbeiteten. Schon seit Jahrhunderten hatte so der Alltag ausgesehen. Maos Vater Yi-chang wurde 1870 geboren. Im Alter von zehn Jahren wurde er mit einem 13-jährigen Mädchen aus einem etwa zehn Kilometer entfernten Dorf verlobt, das jenseits eines Passes lag, der „Pass, wo Tiger ruhen“ genannt wurde, weil sich dort Tiger sonnten. Trotz der geringen Entfernung sprachen die Dorfbewohner so unterschiedliche Dialekte, dass sie sich untereinander kaum verständigen konnten. Als Mädchen erhielt Maos Mutter keinen Namen; sie war die siebte Tochter in der Familie Wen und hieß daher einfach Siebte Schwester Wen. Gemäß der jahrhundertealten Tradition waren ihr die Zehen gebrochen und die Füße gebunden worden, um sie am Wachsen zu hindern, damit sie dem damaligen Schönheitsideal der „Lotusfüße“ entsprachen.
Die Verlobung der Kinder entsprach einer altehrwürdigen Tradition. Sie wurde von den Eltern arrangiert und basierte auf praktischen Überlegungen: Ein Großvater des Mädchens war in Shaoshan begraben, das Grab musste regelmäßig besucht und gepflegt werden, also würde es nützlich sein, eine Verwandte im Dorf zu haben. Siebte Schwester Wen zog nach der Verlobung zu den Maos und wurde 1885 als 18-Jährige mit dem 15-Jährigen Yi-chang verheiratet.
Kurz nach der Hochzeit verpflichtete sich Yi-chang als Soldat, um Geld zu verdienen und damit die Schulden der Familie abzubezahlen, was ihm nach einigen Jahren auch gelang. Die chinesischen Bauern waren keine Leibeigenen, sondern frei. Es war allgemein üblich, dass man sich aus rein finanziellen Gründen zum Militär meldete. Yi-chang hatte Glück, er musste nicht im Krieg kämpfen, sondern lernte ein wenig die Welt kennen und schnappte ein paar Geschäftsideen auf. Im Gegensatz zu den meisten Dorfbewohnern konnte Yi-chang lesen und schreiben, und zwar gut genug, um seine Bücher zu führen. Nach seiner Rückkehr züchtete er Schweine und verarbeitete seine Reisernte zu Reis bester Qualität, den er in einem nahegelegenen Marktstädtchen verkaufte. Er kaufte das Land zurück, das sein Vater verpfändet hatte, erwarb noch Land dazu und wurde zu einem der reichsten Männer im Dorf.
Obwohl Yi-chang relativ wohlhabend war, arbeitete er sein ganzes Leben lang hart und war sehr sparsam. Die Familie bewohnte sechs Zimmer in einem Flügel eines strohgedeckten Hofes. Später ersetzte Yi-chang das Stroh durch Ziegel, was eine erhebliche Verbesserung bedeutete, die Lehmwände und den Boden aus gestampfter Erde aber beließ er. Die Fenster hatten keine Scheiben, denn Glas war damals noch ein seltener Luxus. Die rechteckigen Fensteröffnungen mit hölzernen Stäben wurden nachts mit Holzläden verschlossen (die Temperatur sank selten unter den Gefrierpunkt). Die Möbel waren einfach: Holzbetten, schlichte Holztische und -bänke. In einem dieser spartanischen Räume, unter einer blauen, selbstgewebten Baumwolldecke und einem blauen Moskitonetz, wurde Mao geboren.
Mao war der dritte Sohn, aber der erste, der das Säuglingsalter überlebte. Das machte seine buddhistische Mutter noch frommer, und sie bat Buddha immer wieder, ihren Sohn zu beschützen. Mao erhielt den zweiteiligen Namen Tse-tung. Tse bedeutet „auf etwas scheinen“; dieser Name wurde allen Familienangehörigen seiner Generation gegeben, denn so hatte es die Familienchronik im 18. Jahrhundert festgelegt. Tung heißt „der Osten“; der ganze Name bedeutet daher „auf den Osten scheinen“. Als 1896 und 1905 zwei weitere Jungen geboren wurden, erhielten sie die Namen Tse-min (min bedeutet „das Volk“) und Tse-tan (tan bezog sich vermutlich auf die Region Xiangtan).
In den Namen spiegelte sich die tief verwurzelte Hoffnung der chinesischen Bauern, dass ihre Söhne im Leben Erfolg haben würden – und die Erwartung, dass dieser Erfolg möglich war. Hohe Ämter standen allen Chinesen offen, vorausgesetzt, sie verfügten über die entsprechende Bildung – die seit Jahrhunderten mit dem Studium der konfuzianischen Klassiker gleichgesetzt wurde. Hervorragende Leistungen ermöglichten es jedem jungen Mann unabhängig von seiner Herkunft, die kaiserlichen Prüfungen zu bestehen und ein Mandarin zu werden – es sogar bis zum Ministerpräsidenten zu bringen. Das Beamtentum war der Schlüssel für eine erfolgreiche Karriere. Die Namen drückten die Erwartungen aus, die in Mao und seine Brüder gesetzt wurden.
Ein großer Name konnte aber auch erdrückend sein und das Schicksal herausfordern, daher erhielten die meisten Kinder einen Kosenamen, der Bescheidenheit oder Härte oder auch beides signalisieren sollte. Mao war „der Junge aus Stein“ – Shi san ya-zi. Zu seiner zweiten „Taufe“ nahm seine Mutter ihn mit zu einem knapp zweieinhalb Meter hohen Fels, der als magisch galt, weil darunter eine Quelle entsprang. Mao erwies dem Felsen seine Ehrenbezeugungen und machte seine Kotaus. Danach galt er als Schützling des Steins, der Fels hatte ihn „adoptiert“. Mao mochte seinen Kosenamen sehr und benutzte ihn auch noch als Erwachsener. Als er 1959 nach Shaoshan zurückkehrte und die Dorfbewohner zum ersten (und einzigen) Mal als der Große Vorsitzende wiedersah, scherzte er zu Beginn des Essens: „Nun sind alle da, außer meiner steinernen Mutter. Sollen wir auf sie warten?“
Seine richtige Mutter liebte Mao mit einer Intensität wie niemanden sonst. Sie war eine sanfte und tolerante Frau, die, wie er sich erinnerte, nie die Stimme gegen ihn erhob. Von ihr hatte er sein volles Gesicht, die sinnlichen Lippen und die ruhige Selbstbeherrschung in seinem Blick. Sein ganzes Leben lang sprach Mao voller Zuneigung von seiner Mutter. Nach ihrem Vorbild wurde er als Kind Buddhist. Jahre später erzählte er seinem Stab: „Ich verehrte meine Mutter… Ich folgte ihr überallhin… ging zum Tempel, verbrannte Räucherstäbchen und Papiergeld, huldigte Buddha… Weil meine Mutter an Buddha glaubte, glaubte ich auch daran.“ Als Jugendlicher wandte er sich jedoch vom Buddhismus ab.
Mao hatte eine sorgenfreie Kindheit. Bis zum Alter von acht Jahren lebte er bei in Familie seiner Mutter, den Wens, in ihrem Dorf, weil seine Mutter sich lieber bei ihren Leuten aufhielt. Seine Großmutter mütterlicherseits liebte ihn abgöttisch. Seine beiden Onkel und deren Frauen behandelten ihn wie ihren eigenen Sohn, und einer von ihnen wurde zu seinem „adoptierten Vater“, der chinesischen Entsprechung des Taufpaten. Mao verrichtete leichte Arbeiten auf dem Hof, er sammelte Futter für die Schweine oder hütete die Büffel in den Kamelienhainen an einem von Bananenblättern beschatteten Teich. In späteren Jahren erinnerte sich Mao gern an diese idyllische Zeit. Während seine Tanten im Licht einer Öllampe spannen und nähten, lernte er lesen.

Im Alter von acht Jahren kehrte Mao im Frühjahr 1902 nach Shaoshan zurück, wo er im Haus eines Privatlehrers Unterricht erhielt. Die konfuzianischen Klassiker, die den Großteil des Unterrichtsstoffes ausmachten, überstiegen das Begriffsvermögen eines Kindes und mussten daher auswendig gelernt werden. Mao hatte ein außergewöhnliches Gedächtnis und war ein guter Schüler. Seine Mitschüler erinnerten sich an einen fleißigen Jungen, der die schwierigen Texte nicht nur auswendig aufsagen, sondern auch niederschreiben konnte. Mao machte sich außerdem mit den Grundlagen der chinesischen Sprache und Geschichte vertraut und bildete sich in den Künsten des Prosaschreibens, der Kalligraphie und der Poesie eingeführt, denn das Verfassen von Gedichten war ein wichtiger Bestandteil der konfuzianischen Erziehung. Das Lesen wurde für ihn zu einer Leidenschaft. Die Dorfbewohner gingen in der Regel bei Sonnenuntergang zu Bett, um Öl für die Lampen zu sparen, doch Mao las im Schein einer Öllampe, die außerhalb seines Moskitonetzes auf einer Bank stand, bis tief in die Nächte hinein. Jahre später, als er der höchste Herrscher Chinas war, bedeckten ganze Bücherstapel, die chinesischen Klassiker, die Hälfte seines riesigen Bettes, und in seine Reden und Schriften streute er gern historische Bezüge ein. Seine Gedichte allerdings verloren an Reiz.
Mit seinen Lehrern geriet Mao häufig aneinander. Von der ersten Schule lief er weg, als er zehn war, und behauptete, sein Lehrer sei ein Leuteschinder. Er flog von mindestens drei Schulen, besser gesagt, er „wurde gebeten, sie zu verlassen“, weil er eigensinnig und ungehorsam war. Seine Mutter war nachsichtig mit ihm, doch sein Vater war alles andere als erfreut. Der häufige Wechsel der Privatlehrer war nur eine Ursache für die Spannungen zwischen Vater und Sohn. Yi-chang bezahlte Maos Unterricht, weil er hoffte, sein Sohn könnte ihm zumindest einmal helfen, die Bücher zu führen und das Geld der Familie zu verwalten, aber Mao gefiel diese Aufgabe nicht. Sein ganzes Leben lang hatte er Probleme mit Zahlen, und in den Wirtschaftswissenschaften erwies er sich als hoffnungsloser Fall. Aber auch körperliche Arbeit war nicht nach seinem Geschmack. Als seine bäuerliche Phase hinter ihm lag, vermied er sie nach Kräften.
Yi-chang konnte den Müßiggang Maos nicht mit ansehen. Da er selbst jede Minute des Tages arbeitete, erwartete er von seinem Sohn das Gleiche und schlug ihn, wenn er sich nicht fügte. Mao hasste seinen Vater. Als er 1968 Rache an seinen politischen Widersachern nahm, sagte er den Kommandanten der Roten Garden, er hätte es gern gesehen, wenn auch sein Vater so brutal misshandelt worden wäre: „Mein Vater war schlecht. Wenn er noch am Leben wäre, sollte man mit ihm ›das Flugzeug machen‹“9 – eine qualvolle Haltung, bei der die Arme des Opfers hinter seinem Rücken verrenkt wurden und der Kopf nach unten gedrückt wurde.
Doch Mao war nicht nur Opfer seines Vaters. Er wehrte sich und war bei ihren Auseinandersetzungen oft der Sieger. Er sagte seinem Vater, dass er als der Ältere mehr körperliche Arbeit verrichten müsse als er selbst, der Jüngere – nach chinesischen Maßstäben ein unglaublich unverschämtes Argument. Laut Mao hatten er und sein Vater eines Tages Streit vor Gästen. „Mein Vater schalt mich vor ihnen aus, nannte mich faul und nutzlos. Ich war wütend und aufgebracht. Ich beschimpfte ihn und verließ das Haus… Mein Vater… lief mir nach, er verfluchte mich und befahl mir gleichzeitig, zurückzukommen. Ich erreichte den Teich und drohte hineinzuspringen, wenn er näher käme… Mein Vater gab nach.“ Als Mao diese Geschichte wieder einmal zum Besten gab, lachte er und fügte eine Beobachtung hinzu: „Alte Männer wie er wollen ihre Söhne nicht verlieren. Das ist ihre Schwäche. Ich traf ihn an seinem wunden Punkt und gewann!“
Die einzige Waffe von Maos Vater war das Geld. Nachdem 1907 auch der vierte Lehrer den Jungen nicht mehr unterrichten wollte, stellte der Vater die Zahlung für die Ausbildung ein, und der 13-Jährige musste den ganzen Tag auf dem Hof arbeiten. Doch er fand schon bald einen Weg, sich vor der Arbeit zu drücken und sich wieder seinen Büchern zu widmen. Yi-chang war sehr darauf aus, dass sein Sohn heiratete, denn dann, so dachte er, wäre er gebunden und müsse sich verantwortungsvoll benehmen. Seine Nichte hatte genau das richtige Alter für eine Ehefrau, denn sie war vier Jahre älter als Mao. Der Sohn fügte sich diesem Wunsch des Vaters und setzte nach der Heirat seine Ausbildung fort.
Die Hochzeit wurde 1908 gefeiert, als Mao 14 Jahre und seine Braut 18 Jahre alt war. Ihr Familienname lautete Luo. Das Mädchen selbst hatte keinen eigenen Namen, sondern wurde nur „Frau Luo“ genannt. Offenbar hat Mao sie nur ein einziges Mal in der Öffentlichkeit erwähnt, und zwar 1936 gegenüber dem amerikanischen Journalisten Edgar Snow. Mao spielte das Ganze sehr herunter, aber übertrieb den Altersunterschied: „Meine Eltern hatten mich als 14-Jährigen mit einem 20-jährigen Mädchen verheiratet, aber ich hatte nie mit ihr zusammengelebt … Ich hielt sie nicht für meine Frau und dachte wenig an sie.“ Dass sie nicht mehr lebte, erwähnte er mit keinem Wort. Frau Luo war bereits 1910 gestorben, nur gut ein Jahr nach der Hochzeit.
Seine frühe Heirat machte aus Mao einen erbitterten Gegner von arrangierten Ehen. Neun Jahre später schrieb er einen schneidenden Artikel zu diesem Thema: „In westlichen Familien akzeptieren Eltern den freien Willen ihrer Kinder. Aber in China entsprechen die Anordnungen der Eltern überhaupt nicht dem Willen der Kinder … Das ist eine Art ›indirekte Vergewaltigung‹. Chinesische Eltern vergewaltigen die ganze Zeit indirekt ihre Kinder…“
Gleich nach dem Tod seiner Frau bestand der 16-jährige Witwer darauf, Shaoshan zu verlassen. Sein Vater wollte ihn als Lehrling bei einem Reishändler in der Bezirkshauptstadt unterbringen, aber Mao hatte sich eine moderne Schule in den Kopf gesetzt, die etwa 25 Kilometer entfernt lag. Er hatte erfahren, dass die kaiserlichen Prüfungen abgeschafft worden waren. Stattdessen gab es nun moderne Schulen, in denen Naturwissenschaften, Weltgeschichte, Geographie und Fremdsprachen unterrichtet wurden, und genau diese Schulen boten Bauernkindern wie Mao ganz neue Möglichkeiten.

Ende des 19. Jahrhunderts vollzog sich in China ein dramatischer gesellschaftlicher Wandel. Die Mandschu-Dynastie, die seit 1644 herrschte, hatte den Aufbruch in die Moderne eingeläutet. Auslöser für den Wandel war eine Folge von schweren Niederlagen gegen die europäischen Mächte und Japan, die mit dem Sieg der Briten im Opiumkrieg von 1839–1842 ihren Anfang nahm, als die fremden Mächte erstmals an die verschlossenen Pforten Chinas klopften. Vom Hof der Mandschu bis hin zu den Intellektuellen war man sich weitgehend einig, dass sich das Land verändern musste, um überlebensfähig zu sein. Zahlreiche grundlegende Reformen wurden durchgeführt, darunter auch die Einführung eines völlig neuen Bildungssystems. Außerdem wurden Eisenbahnen gebaut. Die Förderung moderner Industrien und des Handels hatten oberste Priorität. Politische Organisationen wurden erlaubt. Zum ersten Mal wurden Zeitungen veröffentlicht. Studenten wurden ins Ausland geschickt, um dort Naturwissenschaften zu studieren, Mandarine wurden entsandt, um Erkenntnisse über Demokratie und parlamentarische Systeme zu gewinnen. 1908 verkündete der Hof ein Programm, mit dem China innerhalb von neun Jahren zu einer konstitutionellen Monarchie werden sollte.
Maos Heimatprovinz Hunan, die etwa 30 Millionen Einwohner hatte, entwickelte sich zu einer der freiheitlichsten und aufregendsten Regionen Chinas. Obwohl die Provinz von Land umschlossen war, gab es schiffbare Flüsse, die sie mit der Küste verbanden. 1904 wurde die Provinzhauptstadt Changsha zum „offenen“ Handelshafen. Zahlreiche Händler und Missionare aus aller Welt trafen ein und brachten westliche Sitten und Methoden ins Land. Als Mao von den modernen Schulen hörte, gab es in Hunan bereits über hundert, mehr als in jedem anderen Teil Chinas, darunter auch viele Schulen für Frauen.
Eine Schule lag in der Nähe von Maos Dorf: Die Ostberg-Schule auf dem Land der Wens, der Familie seiner Mutter. Schulgebühren und Unterkunft waren sehr teuer, aber Mao überredete die Wens und andere Verwandte, sich bei seinem Vater für ihn einzusetzen, bis dieser schließlich die Kosten für fünf Monate übernahm. Die Frau eines Wen-Cousins ersetzte Maos altes blaues handgemachtes Moskitonetz durch ein weißes, maschinell gefertigtes Musselinnetz, damit er es mit der Modernität der Schule
aufnehmen konnte.
Die Schule öffnete Mao die Augen. Zum Unterricht gehörten neue Fächer wie Sport, Musik und Englisch, die Lektüre umfasste unter anderem Biographien von Napoleon, Wellington, Peter dem Großen, Rousseau und Lincoln. Mao hörte zum ersten Mal von Amerika und Europa und lernte einen Mann kennen, der im Ausland gewesen war – einen Lehrer, der in Japan studiert hatte und von seinen Schülern den Spitznamen „falscher ausländischer Teufel“ erhielt. Noch Jahrzehnte später konnte sich Mao an ein japanisches Lied erinnern, das er von diesem Lehrer gelernt hatte und in dem der erstaunliche Sieg der Japaner 1905 über Russland gefeiert wurde.

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