Das 20. Jh. hatte drei große Diktatoren: Hitler, Stalin und Mao. Während die Lebensläufe des "Führers" und des "Woschd" mittlerweile umfassend erforscht sind, bleibt Mao immer noch eine mysteriöse Gestalt. Das vorherrschende Bild von ihm entspricht etwa jenem, das von Hitler bestehen würde, wenn dieser den Zweiten Weltkrieg gewonnen und die meisten inoffiziellen Quellen über sich unterdrückt hätte.
Erstmals ist nun ein Buch erschienen, das anfängt, diesem Mißstand abzuhelfen. In zwölfjähriger Suche haben die Autoren Jung Chang und Jon Halliday einen wahren Berg an unbekannten Informationen über Mao zusammengetragen und zu einer Lebensbeschreibung verdichtet, die in fast jedem Absatz Verweise auf neue Quellen enthält, neben Dokumenten aus russischen Archiven vor allem Interviews mit Zeitzeugen.
Nicht alles, was sie zu berichten haben, überrascht. Daß Mao ein skrupelloser Machtpolitiker war, der den Tod von Millionen verschuldete, wußte man schon lange. Auch pikante Details aus seinem Privatleben, seine persönliche Hygiene (er putzte sich nie die Zähne und duschte in seiner Amtszeit kein einziges Mal) und sein ausschweifendes Sexualleben (er ließ sich attraktive Frauen zu hunderten aus ganz China zuschicken) betreffend, waren geläufig. Dennoch neigten die meisten Betrachter dazu, die Leistungen des Großen Vorsitzenden stärker zu gewichten als seine Verbrechen. Als Feldherr, Staatsmann und Denker wurde Mao weithin bewundert.
Chang und Halliday zufolge muß diese Einstellung grundlegend revidiert werden. Ihre Demontage der gängigen Vorstellungen beginnt beim Privatmann, den sie uns als einen Menschen zeigen, der zeitlebens zu echter Freundschaft und Liebe unfähig war. Als seine dritte Frau auf dem Langen Marsch lebensgefährlich verwundet wurde, habe Mao, der ganz in der Nähe untergebracht war, es nicht für nötig gehalten, sie zu besuchen. Seine Söhne aus zweiter Ehe habe er aus Gleichgültigkeit jahrelang im Elend aufwachsen lassen, den Tod des Ältesten im Koreakrieg ungerührt zur Kenntnis genommen, seinen Weggefährten Chou-Enlai bewußt sterben lassen, indem er ihm die Behandlung seiner Krebserkrankung untersagte, usw.
Schon in jungen Jahren habe Mao zudem einen verblüffenden Mangel an Idealismus offenbart. So schrieb er als Student, Menschen wie er seien nur sich selbst verpflichtet und hätten es nicht nötig, auf andere Rücksicht zu nehmen. Dementsprechend finden die Autoren in Maos Werdegang auch keine Spur von Empörung über soziale Ungerechtigkeit. Sein Beitritt zur Kommunistischen Partei wirke zufällig und eher lustlos, was in auffälligem Gegensatz zu der "nie erlebten Ekstase" stehe, die er nach eigenen Worten verspürte, als er erstmals einer Folterung beiwohnte.
Nennenswerte militärische Fähigkeiten vermissen die Autoren bei Mao. Die ihm zugeschriebenen Siege seien entweder das Werk anderer Befehlshaber oder kommunistischer Agenten im Feindeslager gewesen. Nur infolge geschickter Intrigen sei der uncharismatische und rhetorisch unbegabte Lehrer aus Hunan zum Parteiführer aufgestiegen.
Neben der Demaskierung von Maos Persönlichkeit leistet das Buch auch eine Neubewertung zentraler historischer Ereignisse. So wird ausgeführt, daß
- die chinesischen Kommunisten bis zum Ende des Bürgerkrieges kaum mehr als Befehlsempfänger Stalins waren. Selbst die Gründung der Partei war nur auf sowjetische Initiative hin erfolgt,
- Mao sich schon früh stalinistischer Herrschaftspraktiken bediente. 1931, also mitten im Bürgerkrieg, ließ er 10.000 seiner eigenen Soldaten bei einer Säuberungsaktion exekutieren,
- Chiang-Kai-shek die Kommunisten auf dem Langen Marsch bewußt entkommen ließ, weil er sie als Gegenspieler der noch unabhängigen Kriegsherren brauchte,
- die berühmteste Heldentat des Langen Marsches, die Eroberung der Dadu-Brücke, reine Erfindung ist,
- die Privilegien der Parteiführung bis in die Anfänge der Bewegung zurückreichen. Auf dem Langen Marsch, den die meisten kommunistischen Soldaten nicht überlebten, ließ sich der völlig gesunde Mao Tausende von Kilometern in einer Sänfte tragen und verbrachte seine Zeit mit Lesen,
- sich die chinesischen Kommunisten während des Zweiten Weltkrieges ganz auf die Bekämpfung Chiang-Kai-sheks konzentrierten und fast nichts zum Widerstand gegen die Japaner beitrugen,
- Mao bereits unmittelbar nach Gründung der Volksrepublik von der Vorstellung besessen war, China zur militärischen Supermacht zu machen,
- Mao der Hauptanstifter des Koreakrieges war. Sein Kalkül: Im Gegenzug für seinen Kriegseinsatz sollte China von der Sowjetunion Zugang zu nuklearer Technologie erhalten.
Das für die Beurteilung Maos zentrale Ereignis dürfte der "Große Sprung nach vorn" sein. Schon lange war bekannt, daß dieses politische Experiment die furchtbarste Hungerkatastrophe der Geschichte herbeiführte (38 Millionen Tote), doch hielt man Mao bislang zugute, er habe es in bester Absicht unternommen und gar nicht geahnt, welche Folgen es für die Landbevölkerung heraufbeschwören würde. Chang und Halliday legen nun offen, daß Mao über die Situation der Bauern völlig im Bilde war und vor Beginn des "Großen Sprunges" sogar mit MEHR Opfern gerechnet hatte. Selbst auf dem Höhepunkt der Hungersnot ließ er Getreide in die Sowjetunion exportieren, um damit sein Rüstungsprogramm zu finanzieren. Als seine innerparteilichen Gegner ihn schließlich zum Abbruch dieser Politik zwangen, handelten sie sich Maos unversöhnlichen Hass ein.
Dabei erwies sich das Unterfangen auch wirtschaftlich als Fehlschlag. Die Ressourcen, die man den Bauern abpresste, wurden sinnlos vergeudet, was die Industrialisierung Chinas, die eigentlich vorangetrieben werden sollte, VERLANGSAMTE. Mao war so mörderisch wie Stalin und Hitler, aber dilettantischer als beide zusammen.
Zu den Vorzügen des Buches zählt neben seinem hohen Informationsgehalt auch der flüssige Stil, der die Lektüre über weite Strecken ausgesprochen spannend macht. Konzeptionell ist die Arbeit jedoch einseitig. Da von Leistungen oder Talenten Maos auf über 800 Seiten nie die Rede ist, bleibt sein Erfolg unverständlich. In der kommunistischen Partei Chinas muß es viele skrupellose Gestalten gegeben haben. Warum konnte gerade Mao sich durchsetzen und jahrzehntelang an der Spitze behaupten? Wie ist es außerdem zu erklären, daß dieser überragende Taktiker in seiner Laufbahn so häufig von innerparteilichen Gegnern in die Schranken gewiesen wurde? Und warum versuchten diese daraufhin nicht, ihn endgültig zu beseitigen?
Bedauerlicherweise liegt den Autoren an einer überzeugenden Beantwortung dieser Fragen ebensowenig, wie an der historischen Einordnung von Maos Laufbahn. Außerdem verzichten sie darauf, ihr Urteil über die weltanschauliche Gleichgültigkeit des roten Kaisers durch eine Analyse seiner Schriften zu erhärten.
Angesichts dieser Versäumnisse muß man den Schluß ziehen, daß Chang und Halliday von vornherein keine Biographie, sondern eine Anklageschrift schreiben wollten. Immerhin ist ihnen die Erschließung wichtiger Quellen zugute zu halten, was ihr Buch zur Grundlage jeder künftigen Beschäftigung mit Mao machen dürfte.