J. M. Coetzee entführt den Leser in seinem parabelhaften Roman "Leben und Zeit des Michael K." in ein von Krieg gebeuteltes und anarchistisches Kapstadt (wobei die Kaphalbinsel hier symbolisch für ganz Südafrika ist), ein Horrorszenario, in dem auf den Straßen geplündert und geschossen wird. Die Regierung führt einen "Krieg", der jeden betrifft, dessen Grund (bzw. Motivation) aber offensichtlich niemand verstehen kann. Michael K., der sympathische, vaterlose Antiheld, der in einem Heim aufgewachsen ist, der fast identitätslos und wurzellos ist, der die Welt nicht verstehen kann und auch nicht verstehen will, der eigentlich nur Gärtner sein will, flieht trotz seiner Apathie, trotz fehlender Leidenschaft, aus reinem Pflichtbewusstsein zuerst mit seiner Mutter, nach ihrem Tod nur noch mit ihrer Asche aufs Land um dort in Ruhe von dem zu leben, was das Land ihm geben kann. Einzig der Wunsch, Gärtner zu sein, scheint ihn zu beflügeln. Er wird von den Behörden schikaniert, in ein Lager gesteckt, aus dem er fliehen kann, bis er als vermeintlicher Helfer einer terroristischen Gruppe verhaftet, aber aufgrund seines schwachen Zustands in ärztliche Behandlung in ein weiteres Lager (hier wird ihm sogar das letzte bisschen Identität genommen, das er noch hat, er wird hier statt Michael K. nur mehr Michaels genannt) kommt. An dieser Stelle wechselt Coetzee die Erzählperspektive und lässt nun den Arzt fast Reporthaft seine Eindrücke schildern. Der letzte, ganz kurze dritte Teil ist dann wieder Michael K. vorbehalten.
Es ist faszinierend, wie einfach und lakonisch J. M. Coetzees Prosa ist, wie genau er mit wenigen Worten sagt, was er sagen will. Ein Roman, der Spuren hinterlässt, der betroffen macht, der sehr lange im Gedächtnis bleibt. Ein Meisterwerk und einer jener seltenen Romane, bei denen die Fünf-Punkte-Wertung eigentlich ungenügend ist...