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Yu Hua verharmlost die chinesische Geschichte
Was wohl will uns das Ausrufezeichen im deutschen Titel von Yu Huas Roman «Leben!» signalisieren? Ist es eine Apostrophe an das Leben an und für sich, oder steht es für das trotzige «Weiter so!» einer vom Leben nicht eben verwöhnten Kreatur? Sowohl das eine wie das andere und doch auch viel weniger: es markiert schlicht die Übernahme des Filmtitels, den der chinesische Starregisseur Zhang Yimou 1994 seiner Kino-Adaption gegeben hat. Diese weicht in etlichen Punkten von der Romanvorlage aus dem Jahre 1992 ab, und der Vergleich mit dem nun nachgereichten «Buch zum Film» fällt nicht unbedingt zugunsten des Buches aus. Der Text konfrontiert das Publikum mit einer geballten Ladung an Schicksalsschlägen, ohne reflektierende Distanz zum Erzählten erkennbar werden zu lassen.
Rückblenden
In einer Rahmenhandlung führt der Autor Yu Hua, von Hause aus Mediziner (geboren 1960 in Hangzhou), einen wandernden Sammler «bäuerlicher Volksdichtung» als Erzählfigur ein. Dieser stösst bei seinen Recherchen auf einen alten Bauern mit seinem Ochsen ein bewährtes literarisches Gespann, dem Shen Congwen bereits 1929 die Erzählung «Der Ochse» gewidmet hat. Im Laufe eines langen Arbeitstages erzählt der verschmitzte Alte während der Pause in Rückblenden seine erschütternde Lebensgeschichte, die den Hauptanteil des Buches ausmacht.
Mit diesem einfachen narrativen Kunstgriff unternimmt Yu Hua den ehrgeizigen Versuch, das halbe Jahrhundert volksrepublikanischer Geschichte vom Ende des Bürgerkriegs bis in die neunziger Jahre in Form der oral history exemplarisch am Leben von Xu Fugui, seiner Frau Chen Jiazhen und ihren beiden Kindern, der stummen Fengxia und ihrem Bruder Youqing, darzustellen. So erfahren die Leser in einfachen Worten, wie der Grundbesitzersohn einst das Erbe verspielte, als Kleinbauer zunächst von Chiang Kaisheks Bürgerkriegstruppen zwangsrekrutiert und später von Maos Volksbefreiungsarmee befreit wurde. Aus Xus naiver Perspektive erlebt man alsdann die Landreform und die Einführung der Volkskommunen mit, wird Zeuge der Hungerkatastrophe nach dem absurden «Grossen Sprung nach vorn» (1958/59) und der Brutalitäten während der Kulturrevolution ab 1966.
Schlag auf Schlag, im Gleichklang mit den Schrecken der Politik in der Volksrepublik, folgen auch die Leiden der Familie Xu: dem Sohn wird beim Blutspenden für eine Funktionärsgattin der letzte Tropfen Lebenssaft ausgesogen, die von Knochenerweichung aus Mangelernährung gezeichnete Ehefrau schuftet sich zu Tode, die Tochter stirbt im Kindbett und der Schwiegersohn bei einem Arbeitsunfall. Als der Enkel sich schliesslich an Saubohnen zu Tode isst, weil er derartige Leckerbissen nicht gewohnt ist, bleibt der Alte ganz allein zurück. Seine entspannte Weltsicht ist dem bedauernswerten Xu aber wunderbarerweise über alle Zeitläufte hinweg erhalten geblieben, die persönlichen Folgen der politischen Desaster nimmt er stoisch als Schicksalsschläge hin. Der Erzähler bestaunt seinen Informanten deswegen, ihm erscheint der seelisch anscheinend vollkommen unversehrte Xu Fugui als Inbegriff des genügsamen chinesischen Menschen schlechthin.
Traurige Mär
Yu Hua wirkt als Autor, der es besser wissen müsste, freilich nicht sehr glaubwürdig, wenn er nirgendwo durchschimmern lässt, er habe mehr Einblick in die gesellschaftlichen Zusammenhänge als die Erzählerfigur und sein Held oder er halte es angesichts der immanenten Komik, die in der schieren Unzahl schrecklicher Vorkommnisse liegt, wenigstens mit höheren Instanzen wie Ironie und Verfremdung. Anders als der Film und anders als beispielsweise Su Tong mit seiner zynischen Dekonstruktion chinesischer Familien- und Gesellschaftsideale in dem Roman «Reis» (vgl. NZZ vom 27. 1. 98) lässt der eher versöhnlerisch anmutende Roman allen Katastrophen zum Trotz keine grundlegenden Zweifel am sozialistischen Herrschaftssystem anklingen.
Nach so viel Unglück, das ein namenloses, nur hie und da vorsichtig auch als KP Chinas dingfest gemachtes «Schicksal» über den Mitgliedern verschiedener Generationen einer einzigen Familie abgeladen hat, schreckt Yu Hua nicht davor zurück, seine Saga über das Leben an und für sich in Sonnenuntergangs-All-Einigkeit enden zu lassen. Dem Übersetzer Ulrich Kautz ist es gelungen, die traurige Mär mit all ihren Facetten und tragikomischen Einzelepisoden angemessen stimmungsvoll und werkgerecht zu übertragen. Ob dieser Roman allerdings auch ohne vorherige Verfilmung und Übersetzung ins Englische einen deutschsprachigen Verleger gefunden hätte, ist fraglich.
Christiane Hammer
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Und von nun an ist es die Ich-Erzählung dieses alten Mannes, die fast den gesamten Roman ausmacht. Die Einleitung, Teil einer äußerst knappen Rahmenhandlung, hat wohl nur die Funktion, in aller Kürze zu zeigen, wie oberflächlich und gelangweilt ein städtischer Intellektueller der jüngeren Generation das Leben der Bauern aufnimmt. Ein solcher Intellektureller ist offenbar der Erzähler der Rahmenhandlung, der den Bauern meistens müde gegenübertritt, so daß er bei ihnen als der "Gähner" bekannt ist.
Was der alte Mann aber erzählt, ist alles andere als eine gefällige Geschichte vom lustigen Leben auf dem Lande. Im Grunde wird nun die wechselvolle Geschichte Chinas der letzten 50 Jahre erzählt, und zwar als die Lebensgeschichte des alten Mannes und als Niedergang einer Familie.
Fugui, der Sohn eines Gutsbesitzers, verspielt den ererbten Besitz und wird zum Tagelöhner. Vom zum Kriegsdienst gepreßten Guomindang-Soldaten, vom Kriegsgefangenen der Roten Armee, vom Mitglied der Volkskommune bis zum einsamen alten Bauern mit seinem Ochsen auf wieder privatisiertem Besitz spannt sich ein Lebensschicksal, das härter nicht sein kann. Nach und nach sterben alle Mitglieder seiner Familie, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse, und zwar politische Willkür, Armut und Not, kein menschenwürdiges Leben ermöglichen. In der Erzählung des alten Mannes treten die Schicksalsschläge derart unvermittelt ein, daß man als Leser geradezu betroffen innehalten möchte, weil man gar nicht glauben kann, daß auch der nächste furchtbare Schlag von diesem armen Menschen noch ertragen werden soll.
Der Roman liest sich wie ein flüssig und in einfacher Sprache geschriebener Bericht, dessen Begebenheiten durch wörtliche Rede und treffende Beschreibung eine große Anschaulichkeit und damit auch Glaubwürdigkeit erhalten.
Angesichts der großen sprachlichen Ferne zwischen dem Chinesischen und Deutschen ist die Arbeit des Übersetzers besonders hervorzuheben, denn es ist ihm gelungen, den Roman so zu übertragen, daß er sich glatt liest und die sprachliche Gestaltung der inhaltlichen Seite entspricht und angemessen erscheint.
Das unermeßliche Leid der Millionenbevölkerung Chinas in den Jahren von Bürgerkrieg, kommunistischer Machter- greifung, Hungersnot und Kulturrevolution kann wohl kaum besser verdeutlicht werden.
Dieser Roman ist ein Beleg dafür, daß durch die Literatur ein wesentlicher Teil der historischen Dimension des Menschen erfahrbar wird, weil sie die Geschichte an Personen konkret macht, für die der Leser Mitgefühl hat.
Ganz zum Schluß nimmt wieder der Erzähler der Rahmenhandlung seinen Faden auf, indem er die eingangs erwähnte ländliche Szene beschreibt: Der alte Mann am Pflug hinter seinem Ochsen, mit dem er spricht, entfernt sich und singt das Lied seines Lebens: "Junger Mann stromert rastlos umher, reifer Mann strebt nach Wohlstand sehr, alter Mann wird Mönch und will gar nichts mehr".
Im Klappentext wird wohl nicht zuletzt wegen dieses Schlusses folgende Deutung des Romans gegeben: "Der stoische und letztlich triumphierende Lebenswille des einzelnen ist seine Botschaft." Allerdings bildet die Rahmenhandlung für die schreckliche Lebensgeschichte des alten Mannes eine recht knappe Einbettung, die zudem noch Bilder einer freundlich-ländlichen Idylle enthält. Vielleicht sind diese malerischen Szenen ein Zugeständnis an den Film, für den sie eine gute Drehbuchvorlage sein dürften.
Über den letzten Satz des Romans und seinen künstlerischen Wert wird man nachdenken müssen. Er beschreibt den Einbruch der Nacht. Der Autor bedient sich hier plötzlich einer poetisierenden Sprache, die für die Gesamtheit des Textes nicht typisch ist: "Ich sah, wie die weite Erde ihre starke Brust entblößte - ein Ruf war das: Wie die Frauen ihre Söhne und Töchter, so rief die Erde die Nacht."
Günther Miklitz
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