Nicole Dill schreibt ihren eigenen Lebens-Krimi in einem hervorragenden Deutsch, spannend und unglaublich nahegehend bis zur letzten Seite. Selten habe ich ein ergreifenderes Buch gelesen, von dem ich glaube, dass es vor allem auch eine Aufarbeitung zu sich selbst geworden ist.
Wann macht sich ein Mensch wirklich Gedanken um seine Herkunft und all jene Dinge, die man gemeinhin als Schicksal bezeichnet? Frau Dill nutzt diesen dramatischen, tiefen Fall ins Bodenlose (ihr Ex-Freund entführt, vergewaltigt und versucht, sie zu töten), um eine Vielzahl von psychologisch unheimlich spannenden Facetten aufzureihen bzw. diese zu (er)klären, angefangen bei ihrer Jugend bzw. den Eltern.
Wie reagiert ein Mensch, der im Grunde aufgegeben hat, der sich dem Tod nähert? Welche Gefühle und Abwehrmechanismen wirken? Warum treffen Frauen einen bestimmten Typ Mann und welche Rolle spielt dabei der eigene Vater? Wie erkennt man psychopathische, gefährliche Narzissten und welches Abwehrverhalten wirkt am besten? Auf viele dieser Fragen gibt es keine allgemeingültigen Antworten, aber jeder kann in diesem Buch die für ihn geltenden finden.
Tatsache ist leider, dass Narzissten oft ebenfalls nur Opfer sind, deren Kern nichts anderes nach außen kommuniziert als die Verdeckung eigener Schwächen, eine Art Abwehrverhalten vom eigenen, leeren Selbst. Frau Dill beschreibt ihren Peiniger und analaysiert sein Leben bis hin zu einer freudlosen, harten Jugend. Sie trifft sich mit anderen Opfern und findet selbst den Weg in in neues Leben, angetrieben auch durch eine unerklärliche, tiefe Resilienz. Siehe auch
Der Soziopath von nebenan. Die Skrupellosen: ihre Lügen, Taktiken und Tricks. Noch schwieriger wird die Frage, wie man sich vor solchen Menschen schützen sollte, ja wäre eine öffentliche Liste relevant, in der Menschen mit ihren vergangenen Strafen öffentlich bekannt gemacht werden? Ab wann wäre ein Hausarzt verpflichtet, Angehörigen zu sagen, dass ein Mörder ein Mörder ist?
Das Buch wirft viele Fragen auf und analysiert diese Sachverhalte aus Sicht eines Opfers treffend. Mich freut sehr, dass Frau Dill nach diesem Martyrium wieder in das Leben zurückgekehrt ist, sie skizziert diesen Weg ausführlich und hilfreich für andere, hat heute eine neue Partnerschaft bzw. mittlerweile eigenen Nachwuchs. Dabei haben ihr die Hilfe von Kliniken, Therapeuten und Verwandten/Freunden langsam, aber sicher den Weg zurück geebnet. Sie hat im Grunde ihren Schicksalsschlag genutzt, um eigene Stärke zu entwickeln bzw. diese nicht mehr von anderen zu erwarten.
Am Ende folgt noch eine kurze Chronologie angekündigter Dramen (auch wichtige Ansprechpartner für Opfer in D und CH) sowie Interviews mit einem forensischen Psychiater, einer Oberrichterin/Strafrechtsprofessor sowie mit dem ehemaligen Leiter der Münchner Mordkommission. Es scheint eine Theorie zu geben, dass Menschen, die in der Kindheit Opfer von Gewalt wurden, dies auch später als Erwachsene anziehen. Diese Interviews sensibilisieren für einen Bereich, den wir gemeinhim an die sichere Klärung der Krimis im Fernsehen delegieren, den wir nicht wahrhaben wollen. Interessant fand ich, dass Frau Dill heute keine Actionfilme oder Krimis mehr sehen kann, weil sie automatisch die Leiden der Opfer miterlebt. Bewunderswert ist, dass sie in einer für sie erlebten gewalttätigen Welt wieder Vertrauen und Hingabe erleben kann.