In die Literaturgeschichte ist Joseph Roth (1894-1939) vorrangig als Chronist des Zerfalls, des unausweichlichen Untergangs der Habsburger Monarchie eingegangen. Sein spezifischer Beitrag zur deutschsprachigen Literatur zwischen den beiden Weltkriegen ist weitgehend bestimmt durch die Themenwahl aus dem Bereich des einstigen Vielvölkerstaates.
Doch was für ein Mensch verbirgt sich hinter dem Autor, der vom jüdischen Außenseiter aus Ostgalizien zum Starjournalisten der Weimarer Republik wurde und schließlich mit seinen Romanen Weltruhm erlangte? Die Ausweglosigkeit der politischen Lage, die Isoliertheit in der Emigration sowie sein zunehmender Alkoholismus bestimmten dabei die letzten Lebensjahre.
In dem vorliegenden Taschenbuch aus dem Diogenes Verlag kommen nun Zeitgenossen und Freunde von Joseph Roth zu Wort. Den ersten Teil bestimmen persönliche Erinnerungen an den großen österreichischen Erzähler. So erinnert der Verleger Gustav Kiepenheuer in seiner "Reverenz vor Joseph Roth" an diesen rastlosen Wanderer, der ein heimatloser Gast in seiner Zeit war, und gleichzeitig "ein Kosmopolit und auch ein Mönch, dessen Klause die ganze Welt war". Seine langjährige Lebensgefährtin Irmgard Keun äußert dagegen: "Roth war gequält und wollte sich selbst loswerden und unter allen Umständen etwas sein, was er nicht war."
Zahlreiche Essays von deutschsprachigen und internationalen Autoren beleuchten im zweiten Teil das Werk von Joseph Roth. So würdigt Stefan Zweig die verborgene Kunst in Roths Roman "Hiob". Für ihn ein Buch von tiefer Zartheit und Einfachheit, das in seiner meisterhaften Menschenschilderung aber auch kraftvoll und schicksalhaft ist. Für den Literaturwissenschaftler Georg Lukács ist dagegen "Der Radetzkymarsch" eines der künstlerisch geschlossensten und überzeugendsten Werke der neueren deutschen Literatur.
Die gelungene Auswahl von Rezensionen und Essays gibt einen Überblick über Leben und Werk von Joseph Roth. Der Band versammelt immerhin 35 Texte aus den 20er Jahren bis heute und stellt damit einen guten Einstieg in das literarische Werk eines der größten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts dar. Auch Roth-Kenner werden hier neue Aspekte des "wahrscheinlich größten Dichters unter den anständigen Menschen" (André Heller) entdecken.
Manfred Orlick