Kurzbeschreibung
Das verborgene Venedig - abseits der bekannten Touristenpfade
Auf die Reisenden, die jedes Jahr zu Millionen nach Venedig kommen, wirkt die Stadt mit ihren Kanälen, Palästen und Kirchen wie ein großes Museum. Und doch ist Venedig putzmunter und lebendig. Dirk Schümer, der seit Jahren mitten in der Altstadt wohnt, stellt den Alltag der Venezianer abseits der ausgetrampelten Pfade vor.
Der Verlag über das Buch
Klappentext
Über den Autor
Auszug aus Leben in Venedig von Dirk Schümer. Copyright © 2003. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Im Morgenlicht kamen sie mit zwei Booten den Kanal heraufgefahren - ein erhabenes Bild: das spiegelblanke, schwarze Wasser des Rio dei Greci und dann im Gegenlicht der klaren Wintersonne die Kähne, vollbepackt mit unseren Möbeln und Kisten. Bereits in der Nacht hatten die venezianischen Spediteure auf der Parkplatzinsel unsere Habe vom Lastwagen auf die Boote gehievt. Anschließend hatten sie unsere vertrauten sächsischen Möbelpacker wie eine beliebige Ladung oben auf die Kartons gesetzt und wegen der eisigen Morgenluft in Pferdedecken gewickelt. Danach waren alle langsam durch den Canal Grande getuckert. Es muß eine herrliche Transportfahrt gewesen sein, während wir nervös in der leeren Wohnung auf und ab gingen.
So blickten die deutschen Transporteure, die nie zuvor in Venedig gewesen waren und sich auch nichts darunter vorstellen konnten, aus ihren Decken: übernächtigt, verwundert und vollkommen verstört. Wo waren sie hingeraten? Auf dem ersten Kahn standen unsere zwei Buchsbäume neben meinem Ergometer- ein surrealer Anblick. Und ich dachte plötzlich dasselbe: Wo sind wir hingeraten?
Die venezianischen Fuhrleute, die so eine Arbeit jeden Tag machen, bugsierten die Boote routiniert in den schmalen Rio del Osmarin direkt vor unserer Eingangstür und machten die Leinen fest. Nun konnte ausgeladen werden, zunächst über die Brüstung des Kanals hinweg, dann durch den Eingang über den Hof hinauf in den zweiten Stock. Wir hatten Glück. Am Himmel zeigte sich keine Wolke, null Grad. Das kann im Winter von Venedig auch ganz anders kommen. Es kann fürchterlich schütten und sogar Hochwasser geben, was vor allem für beladene Kähne ein Problem darstellt, weil sie dann nicht mehr unter den Brücken durchkommen.
Die Spedition hatte unseren Möbelpackern für alle Fälle sogar Gummistiefel besorgt, und unsere Möbel waren wasserdicht in Pappe und Folie gewickelt worden. Während der Berg aus Verpackungsmüll im Innenhof immer höher wuchs, dauerte es gar nicht lange, und unsere Schränke, Regale und Stühle standen am vorbestimmten Ort. Am Nachmittag konnten wir auf Bücherkisten den ersten Tee kochen und Butterbrote schmieren, die leere Wohnung verwandelte sich langsam in ein Heim. Dies ist immer wieder eine Erfahrung, die Venedig seinen Ankömmlingen bereitet: Der Abgrund zwischen der Normalität auf dem Festland und der Normalität in der Lagune will erstmal überbrückt werden. Daß die eigene Wohnung nicht am, sondern im Wasser steht, daß es keine Autos gibt und daß man plötzlich mit Ebbe und Flut rechnen muß, daß man sich - allen technischen Errungenschaften zum Trotz - ein klein wenig in eine Amphibie verwandelt, all das hatte man ja angst- und lustvoll zugleich erwartet. Doch das wirkliche Staunen setzte bei uns ein, als wir bemerkten, wie reibungslos diese Überfahrt unserer bürgerlichen Existenz nach Venedig funktionierte, wie alltäglich hier gerade das war, was von draußen so exotisch und sonderbar wirkte.
In Thomas Manns "Tod in Venedig" - vor allem in Viscontis Verfilmung, bei der Mahlers sehrendes Adagietto aus der Fünften Symphonie erklingt - ist die Überfahrt der melancholische Abschied von der Welt, ist der Gondoliere der Fährmann ins Totenreich, das bevölkert wird von den geschminkten Lemuren und Gauklern, die in der morbiden Stadt auf ihre Opfer warten.
Für uns wirkte Luigi ganz und gar nicht wie ein Charon. Der massige, gemütliche Mann, der die Möbelpacker umsichtig dirigierte und die sperrige Eingangstür kurzerhand ausbaute, damit die Schränke durchpaßten, sprach fließend Deutsch mit bayrischem Akzent. Er hatte zwanzig Jahre in München als Fliesenleger gearbeitet und erzählte uns stolz, daß er bei Franz Josef Strauß das Badezimmer gekachelt habe, nun mit dem Ersparten in seine Vaterstadt zurückgekehrt sei und sich nur noch ab und zu bei Umzügen und Transporten wie diesem nützlich mache. Luigi wußte, wo wir im Viertel Schrauben und Dübel bekamen, wann ein Boot die Kartonage abholen würde und wieviel Trinkgeld wir den Müllmännern geben mußten. Als Luigi sich am Mittag mit seinen Leuten verabschiedete und wieder den Rio dei Greci hinabfuhr, fühlten wir uns ein wenig verloren.
Die Abgeklärtheit der Venezianer übertrug sich aber langsam auch auf die aufgeregten, euphorisierten Sachsen, die in Deutschland unsere Habe verpackt hatten. Wir hatten ihnen dabei geschildert, daß Venedig im Wasser liege und daß die Kartons aufs Boot umgeladen werden müßten. Aber was die Oberlausitzer dann sahen, hatten sie sich nicht vorstellen können - ein Höhepunkt im Berufsleben, eine kniffigeTour, von der sie noch lange erzählen konnten. Mittags gingen wir in die Osteria "Da Remigio" gleich um die Ecke, aber die traditionelle Pasta mit Meeresheuschrecken und Tintenfischen wollte unseren Sachsen nicht gefallen. Sie hätten lieber eine Pizza gegessen, aber Gott sei Dank gab es auch "Spaghetti alla bolognese" und hinterher einen guten Kaffee.
Es war längst dunkel, als wir die vorläufig letzten Dübel in der Wand versenkt und das meiste Geschirr ausgepackt hatten. Dann machten wir noch einen Spaziergang mit den müden Männern zum Markusplatz. Hier war auffallend wenig los, doch San Marcos Kuppeln leuchteten wunderschön durch den heraufziehenden Winternebel. Die Möbelpacker bestaunten einen riesigen Muranoleuchter in einem Schaufenster und fragten sich, wie man den wohl auseinanderbauen und verpacken könne. An der Rialtobrücke brachten wir unsere Helfer zum Boot. Sie stiegen aufs Vaporetto, winkten fröhlich und fuhren durch den Canal Grande wieder davon, über den sie im ersten Morgenlicht mit unseren Möbeln gekommen waren. Wir blieben da.