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Leben und Tod. Der Zusammenbruch der traditionellen Ethik
 
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Leben und Tod. Der Zusammenbruch der traditionellen Ethik [Sondereinband]

Peter Singer
3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
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Produktinformation

  • Sondereinband: 280 Seiten
  • Verlag: Harald Fischer Verlag (1998)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3891311206
  • ISBN-13: 978-3891311202
  • Größe und/oder Gewicht: 20,8 x 14,2 x 2,6 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 3.7 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (3 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 513.333 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)
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Peter Singer
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Produktbeschreibungen

Pressestimmen

"Singer handelt in dieser Arbeit die miteinander verwandten Themen Beginn und Ende menschlichen Lebens, Therapieabbruchsentscheidungen, Schwangerschaftsabbruch und Hirntodproblematik sowie Fragen der Tierethik gemeinsam ab und stellt seine Position zu diesen Fragen in der Gesamtschau dar. ... Das Buch vereint die Vorzüge der Singerschen Philosophie: die Skepsis gegenüber dogmatischen Regeln, eine einfache und klare Sprache, die Argumentation am konkreten Fall und - in meinen Augen besonders bemerkenswert - eine Fülle an lebensnahen Details, die aus abstrakten Fragestellungen konkrete Probleme des menschlichen Daseins machen." (Ethik in der Medizin)

Ethik in der Medizin, 1/2000

"Singer handelt in dieser Arbeit die miteinander verwandten Themen Beginn und Ende menschlichen Lebens, Therapieabbruchsentscheidungen, Schwangerschaftsabbruch und Hirntodproblematik sowie Fragen der Tierethik gemeinsam ab und stellt seine Position zu diesen Fragen in der Gesamtschau dar … Das Buch vereint die Vorzüge der Singerschen Philosophie: die Skepsis gegenüber dogmatischen Regeln, eine einfache und klare Sprache, die Argumentation am konkreten Fall und - in meinen Augen besonders bemerkenswert - eine Fülle an lebensnahen Details, die aus abstrakten Fragestellungen konkrete Probleme des menschlichen Daseins machen."

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7 von 7 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Sondereinband
Das Buch wurde mir von meinen Geschwistern empfohlen, weil ich mich mit ihnen zum Thema Organspende und Patientenverfügung unterhalten habe. In Österreich muss man ja seiner Organspende widersprechen, in Deutschland darf man nicht ohne seine Zustimmung ausgeräumt werden.

Worum geht's? Das Buch beschäftigt sich mit den unscharfen Rändern der Definition, was ein Mensch ist, und was das Leben für den Betroffenen lebenswert macht. Sehr viel Aufmerksamkeit wird dem Hirntod gewidmet, der aus Sicht der katholischen Kirche das Ende des Lebens darstellt, da sich die Seele vom Körper gelöst hat. Umfragen unter Krankenschwestern und Ärzten sagen, dass sie einen beatmeten Hirntoten nicht für tot halten. Angehörige würden keinen Hirntoten noch warm und atmend beerdigen.
Die Geschichte der Erfindung des Hirntodes wird beschrieben um das Dilemma zu vermeiden, dass man einem lebenden Leib Organe entnimmt.

Die unausgesprochene Hypothese, so wie ich es verstanden habe, ist dass es keine scharfe Abgrenzung des Beginns des menschlichen Daseins und des Endes gibt. Genau so wehrt sich Peter Singer gegen die scharfe Abgrenzung von Menschen und Tieren.
Einem Informatiker würde ich sagen, Peter Singer schlägt vor, für die menschliche Existenz Fuzzy Logic zu verwenden. Beim Lesen des Buches drängt sich einem unweigerlich der Gedanke auf, dass z.B. Schimpansen und Affen nicht zu 0% aber auch nicht zu 100% Menschen sind, sondern Zwischenwesen, wobei der Fuzzy-Logic-Grad zu wie viel Prozent ein Affe Mensch ist, nicht ausdrücklich angegeben wird.
Zusätzlich schließe ich aus seinen Beispielen, dass es schwierig ist, den Anfang einer Person zu bestimmen, sowie das genaue Ende.
Peter Singer behauptet aber nicht, dass man nie zu 100% lebt oder tot ist, sondern dass es eben einen Übergang gibt, wo man zwische 1 und 99% lebt.

Zum einen durchleuchtet Peter Singer Argumente der Kirche, ab wann ein Mensch als Mensch gilt.
Ein sehr interessantes Beispiel war z.B. dass die Kirche früher meinte, ein Mensch hat dann seine Seele, wenn er sich zum ersten Mal im Mutterleib bewegt.
Auch sehr aktuelle katholische Ansichten werden durchleuchtet und nur durch Nachfolgen der Gedanken der katholischen Kirche so widerlegt, dass er eigentlich nicht mal argumentieren muss. z.B. behaupten viele Katholiken, dass ein Mensch dann als Person festgelegt ist, wenn er befruchtet ist. Genau genommen kann sich aber eine befruchtete Eizelle bis zu 2 Wochen später teilen. Wenn nun ein Mensch von Zeugung an eine Person ist, was ist, wenn sich diese Person nach 2 Wochen teilt. Wurden aus der Eizelle Maria Zwillinge Maria und Victoria. Welche der beiden ist aber Maria, die linke oder die Rechte. Wenn Maria zuerst da war, hat dann Victoria auch existiert und was ist mit ihr passiert, wenn sich die Zelle nicht teilt. Ist die Eizelle Maria gestorben und haben sich daraus Victoria und Marta gebildet? Hier führt Peter Singer Idee des Menschen ab der Zeugung ad absurdum, widerspricht aber der Abtreibung am Ende der Schwangerschaft, da sich ein Neugeborenes nicht bei der Geburt sprunghaft weiterentwickelt.

Wirklich schwerer Stoff sind die zahlreichen Beispiele nicht lebensfähiger Neugeborener.
Hier wird der Hirntod anhand der auf ein paar Tage begrenzten Lebensfähigkeit gehirnlos geborener Babys ad absurdum geführt. Gleichzeitig wird diskutiert, wie sehr sich medizinischer Aufwand lohnt und um welchen Preis ein Leben verlängert werden soll. Zusätzlich werden verheerende Beispiele gebracht, bei denen sich Eltern, Ärzte und Gerichte durch mehrere Instanzen bemühen einen Menschen zwangsweise am Leben zu erhalten oder seine Lebenserhaltenden Maßnahmen beenden dürfen. Achtung, das ist schwerer Stoff.

Besonderes Augenmerk legt Verfasser auf medizinische Entwicklung und die Auswirkung auf Betroffene. Oft beschreibt er, wie z.B. der medizinische Fortschritt zunächst Leben erhält oder verlängert, das sich schnell wieder erholt und der betroffene dankbar für seine Lebensrettung ist, bis der Fortschritt so lange am Leben erhält, dass es sich die Betroffenen nicht mehr wünschen. Besonderes Augenmerk wird auf die Rettung von Kindern mit offener Wirbelsäule gelegt, wobei sich trotz anfänglichen medizinischen Fortschritts herausstellt, dass einstweilige Schließung der Wirbelsäule viele Operationen und ein schwer behindertes Leben nach sich ziehen.
Dabei werden wieder zahlreiche Prozesse beschrieben, in denen Angehörige darum bitten, abschalten zu dürfen, oder trotz völliger Aussichtslosigkeit weiterer Behandlung diese fortführen wollen.

Peter Singer wehrt sich aber gegen die Euthanasie aus Bequemlichkeit.
Er beschreibt einen Gerichtsprozess gegen einen Arzt, der behindert geborene Neugeborene nur palliativ behandeln ließ, obwohl diese lebensfähig gewesen wären. Er wehrt sich auch gegen Abtreibung aus medizinischen Gründen an fortgeschrittenen aber behinderten Embryonen. Dabei wirft er einen kritischen Blick auf europäische Geschichte und außereuropäische Kulturen, in denen Neugeborene noch nicht als Menschen betrachtet werden und Behinderte einfach ausgesetzt werden.

Fortschreitend mit dem Buch beschäftigt sich Peter Singer mit dem Ende des Lebens und stellt Fälle vor, bei denen Betroffene darum kämpfen, nicht mehr am Leben erhalten zu werden. Dabei wird die scharfe Grenze zwischen Sterben lassen, das leid Lindern, das Sterben nicht aufhalten, das Sterben beschleunigen und aktiver Tötung durch Ärzte aufgeweicht.

Ein Kapitel beschäftigt sich der Autor mit der Frage, wie ethisch es ist, menschenähnlichen Tieren Organe zu entnehmen.

Die einzelnen Kapitel sind nicht leicht zu trennen, immer wieder bezieht sich der Autor in späteren auf frühere. Theoretische Ansichten von Gerichten und Lebensethikern werden gegen Eindrücke von Hinterbliebenen, Ärzten und Krankenschwestern gegenübergestellt.

Das letzte Kapitel heißt: Gebote neu schreiben.

Ich zitiere:"
"Alt: Nimm dir nie das eigene Leben und versuche immer, bei anderen zu verhindern, dass sie es sich nehmen."...
"Neu: Achte die Entscheidung einer Person, zu leben oder zu sterben."

Das Buch ist insgesamt ein Appell daran, gründlich zu erforschen, was ein Betroffener, der in der Zwischenwelt zwischen Leben und Tod, Mensch und Tier, wollen würde. Es ist ein Appell daran, das Leben nicht mit aller Gewalt aus ideologischen Theorien heraus qualvoll in die Länge zu ziehen. Gleichzeitig wehrt sich das Buch aber auch dagegen, nur aus Bequemlichkeit Tode vorzuverlegen, um Menschen Organe zu entreißen, die noch nicht ganz Tod sind.

Leider werden Gedanken zum Thema würdevolles und selbstbestimmtes Sterben dadurch behindert, dass Lebenserhaltungsgruppen immer auf die Euthanasie im Dritten Reich verweisen. Noch in vielen Köpfen herrscht der Gedanke vor, dass jedes Leben, also wirklich jedes Leben um jeden Preis erhalten werden muss, selbst wenn es der Betroffene nicht mehr möchte.

Ich widerspreche ausdrücklich den Rezensenten Jonas und Jaculus.

Peter Singer widerspricht nicht der Menschenwürde, sondern er meint, dass ein Mensch das Recht hat, sein Leben und auch sein Ende selbst zu gestalten. Er sagt, dass es nicht menschenwürdig ist, einen leblosen Haufen Fleisch oder einen Menschen, der um den Tod bettelt nicht sterben zu lassen.
Menschenwürde gemäß Verfassung bedeutet, dass der einzelne nicht zum bloßen Objekt gemacht werden darf, d.h. nicht zum bloßen Objekt katholischer Moralvorstellungen. Gemäß Bundesverfassung Deutschlands ergibt sich auch die Gewissensfreiheit aus der Menschenwürde.

Jaculus widerspreche ich überhaupt, Peter Singer ist nicht Hitler. Der Unterschied ist, dass Peter Singer dem Menschen selbst überlässt, den Wert seines eigenen Lebens festzulegen, was man ja von den Nazis nicht behaupten kann.
Nichts desto trotz wagt Peter Singer auch die Frage, inwieweit Angehörige oder Gerichte die Möglichkeit haben, den Willen des Betroffenen, wenn er ihn nicht mehr äußern kann, zu erforschen und gemäß diesem erforschten oder vom Betroffenen vorher geäußerten Willen zu handeln.

Die Beurteilungen von Jaculus und Jonas zeugen einfach nur davon, dass sie nicht bis ans Ende gelesen haben, sondern das buch vermutlich wutentbrannt nach 5 Seiten weggeworfen haben. Genau so wenig haben sie als Ärzte, Altenpfleger, Richter oder Krankenschwestern gearbeitet, sondern Moral nur gepredigt bekommen aber wahrscheinlich nie selbst anwenden müssen.
Alles in allem sollte man sich auf das Buch einlassen. Ethik ist eben nicht einfach durch Sonntagspredigten oder 10 Gebote vollständig zu erklären.

Eine letzte Warnung. Trotz seiner spannenden und leichten Lesbarkeit ist es sehr harter Stoff über aussichtslos Bewusstlose, Kinder ohne Darm, Krebskranke im Endstadium, Ärzte und Krankenschwestern, die aus Mitleid töten, dies aber nur in anonymen Umfragen zugeben.
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1 von 1 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Format:Sondereinband
Peter Singer provoziert wie nur wenige zeitgenössische Bioethiker, und das liegt, er spricht es klar und deutlich aus, durchaus in seinem Interesse. Wenn man sein Buch aufmerksam liest, merkt man unschwer, dass er selbst in dieser Hinsicht auch nur einer seiner Leser ist. Man hat den Eindruck, dass er sich an den Stellen, an denen er sich am weitesten von den von ihm als "Heiligkeit des menschlichen Lebens" bezeichneten alten ethischen Vorstellungen entfernt, durchaus selbst provoziert fühlt. Schon aus diesem Grund muss man ihn m.E. als Autor und als Suchender in Sachen Ethik ernstnehmen.

Singers Buch ist äußerst stringent aufgebaut, stets bemüht es sich um Orientierung seines Lesers. Zusammen mit der Tatsache, dass der Autor fast ausschließlich von Beispielen ausgehend argumentiert, sind seine Ausführungen handwerklich überzeugend. Dies bedeutet nun freilich nicht, dass man allen Vorschlägen Singers exakt in der Form folgen muss, die Singer vorstellt, ist dies doch noch nicht einmal von ihm selbst intendiert.

Um es vorweg zu nehmen: Es ist gerade ein Kennzeichen seiner Argumentationen, dass sie sich stets ihrer Vorläufigkeit bewusst sind und dies auch deutlich aussprechen. Es ist diese Einsicht in die kontextuelle Abhängigkeit menschlicher Urteile, die seine Aussagen vielleicht am auffälligsten von denen trennen, die davon ausgehen, ewig unveränderliche Wertvorstellungen seien dem Menschen geoffenbart worden. Singer begibt sich auf die Suche nach ethischen Normen, die diesen Status bei jeder signifikanten Veränderung der verschiedenen relevanten Kontexte immer wieder aufs Neue argumentativ verteidigen müssen. Solcherart ist es eben nicht mehr die Frage, wie es der Mensch schafft, sich an Geboten zu orientieren, sondern welchen Inhalts diese Gebote sein sollen. Der Mensch tritt aus seiner Passivität und stellt sich Fragen, die, fast ist man versucht zu sagen, "weiß Gott" unangenehm sind. Unangenehm, dabei aber unausweichlich!

Wie geht Singer vor? Er belegt durch zahlreiche Fallbeispiele, die in den allermeisten Fällen in ihrer Zeit beachtliche Aufmerksamkeit erregten, dass sich die ethische Wirklichkeit, gespiegelt in der Rechtsprechung westlicher Staaten, längst von dem entfernt hat, was sich unter Berufung auf die alten ethischen Normen vom absoluten Wert menschlichem Lebens rechtfertigen ließe. An den zeitlichen Rändern des Lebens haben sich, durch die Möglichkeiten der modernen Intensivmedizin drastisch beleuchtet, Unschärfen unserer Wahrnehmung ergeben. Von Fragen der Legalität eines Schwangerschaftsabbruchs bzw. der Frage nach der Terminierung legalen Schwangerschaftsabbruchs, über die Aufrechterhaltung des Lebens hirntoter oder irreversibel bewusstloser Menschen bis hin zu Fragen der freiwilligen Euthanasie unheilbar kranker und leidender Menschen spannt Singer seine Dokumentation der Infragestellung überkommenen moralischen Credos.

Dem Autor geht es hier zunächst allein darum zu belegen, dass es nicht er ist, der gleichermaßen von der theoretischen Seite her kommend, willkürlich an sich funktionierende ethische System kritisiert, sondern dass sich diese längst selbst als unbrauchbar herausgestellt haben. Unbrauchbar, indem sie entweder nicht länger konsistent sind, unüberbrückbare Widersprüche aufweisen und damit ihre Rechtfertigung verspielt haben, oder andererseits Menschen zu Handlungen zwingen würden, die nicht länger ihren ethischen Überzeugungen entsprechen, häufig freilich, ohne dass diese neuen Überzeugungen klar und schlüssig formuliert werden könnten. Es ist evident, dass es zunächst darauf ankommt, die These ihrer Überkommenheit zu dokumentieren, bevor, in einem zweiten Schritt, der Versuch gewagt werden kann, eine Diskussion adäquater ethischer Werte anzustoßen.

Ersteres gelingt Singer überzeugend. Zwei Beispiele, von beiden Rändern des Lebens, sollen an dieser Stelle genügen. Der von Singer als "Heiligkeit des menschlichen Lebens" bezeichneten alten Ethik gilt das menschliche Leben spätestens vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei und Samenzelle als uneingeschränkt schützenswertes Gut, meist als Geschenk eines mehr oder weniger personal verstandenen Gottes gedacht, wobei auch säkularere Variationen entsprechenden Inhalts existieren. Dieser Zeitpunkt ist allerdings häufig den auf dieser Grundlage offenkundig fehlenden Alternativen gedankt, er ist somit willkürlich gewählt, ist doch beispielsweise, um nur einen Einwand zu bringen, bis zum 12.Tag der embryonalen Entwicklung eine Teilung des Zellhaufen in Zwillinge möglich, der ursprüngliche "Mensch", die "Person", das "Individuum" verschwindet. Stirbt er? Werden die Zwillinge erst zu diesem Zeitpunkt gezeugt? Das, was vorher war, mag gewesen sein, was es mag, ein Mensch in unserem, damit meine ich auch im christlichen Verständnis, kann es wohl nicht gewesen sein.

Es wird im Verlauf der Lektüre zu einer Tatsache, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, diesen (menschlichen) Zellhaufen mehr zu schützen als andere (nicht menschliche) Zellhaufen, da dieser eben nur ein Haufen Zellen ist, der irgendwann zu einem Menschen werden kann. Ganz offensichtlich aber neigen wir bislang dazu, genau dies zu tun, bzw. haben ein schlechtes Gefühl, wenn wir dies als Gebot Wahrgenommene nicht befolgen. Wir behandeln diesen Zellhaufen zwar inzwischen nicht anders, aber wir meinen, es "eigentlich" doch tun zu müssen. Das ist ein eklatanter Widerspruch, der zeigt, dass an dieser Stelle weitergedacht werden muss.

Es bleiben uns zwei Möglichkeiten: Entweder, wir schützen alle vergleichbaren nichtmenschlichen Zellhaufen, wie wir es eigentlich für den menschlichen fühlen, dann verhungern wir vermutlich, da selbst Pflanzen komplexer strukturiert sind, oder wir etablieren verantwortlich andere, vernünftige Kriterien, an denen wir einen weiter reichenden Schutz bestimmter Lebensformen zu einem bestimmten Zeitpunkt festmachen können. Singer ist nicht der erste, der Empfindungsfähigkeit, Bewusstsein u.a. in die Diskussion einbringt.

Solange aber das Tier, das Sonntagsbraten, Objekt tödlicher Medikamentenversuche oder Opfer schlichter, schließlich ebenfalls tödlicher Verdrängung ist, weniger Rechte besitzt als menschliches Leben in einer frühen Phase der embryonalen Entwicklung, obwohl ersteres deutlich mehr Bewusstsein und Leidensfähigkeit aufweist, solange ist auch unsere neue Ethik inkonsistent und sinnentleert. Singers Schlussfolgerung ist eindeutig! Er fordert natürlich nicht eine bedenkenlose Abschlachtung menschlichen Lebens bis zu dem an den relevanten Kriterien gemessenen Niveau vergewaltigter Nutztiere hin, sondern umgekehrt eine Ausweitung des Schutzes nichtmenschlichen Lebens.

Das zweite Beispiel soll, wie oben erwähnt, vom anderen Rand der menschlichen Existenz genommen werden. Nicht nur die überkommene Ethik, auch der hippokratische Eid verbieten eine Tötung unschuldigen Lebens. Durch die moderne Medizin stehen uns Möglichkeiten der Verlängerung des Lebens bei schwersten, unheilbaren, mit unvorstellbaren Schmerzen verbundenen Leiden zur Verfügung. Die Beispiele Singers zeigen, wie unglückselig diese Kombination inzwischen für alle Beteiligten, die Patienten, deren Angehörige, die Ärzte und schließlich häufig involvierte Richter geworden ist. So ist es in westlichen Ländern gängige Praxis, alte Menschen, die an einer oben beschriebenen Krankheit leiden und die auch wiederholt den Wunsch geäußert haben, endlich sterben zu dürfen, da ihnen weder ein Suizid ermöglicht noch ihr Leben aktiv beendet werden darf, an einer nicht behandelten Infektionskrankheit, wenn sie denn endlich eintritt, sterben zu lassen. Das mit dieser Praxis bei allen angerichtete Leid ist nur vor dem Hintergrund der obigen "Heiligkeit des menschlichen Lebens" notwendig. Das Leben gleichermaßen als Geschenk, das nicht zurückgegeben werden kann! Dass Singer in solchen Fällen für ein selbstbestimmtes, würdevolles Sterben argumentiert, kann wohl nur mehr wenige aufrichtige Menschen provozieren.

Die Vorschläge der inhaltlichen Ausgestaltung, die Singer am Ende seines Buches unterbreitet, sind, das sei zugegeben, auch nach der Lektüre der diese vorbereitenden Kapitel noch immer eine Herausforderung, für viele auch eine Provokation, aber sie sind nicht länger ein Skandal. Ich spreche sie bewusst hier nicht an, wer neugierig geworden ist, lese das Buch, aber bitte von der ersten Seite an. Denn der solcherart aufmerksame und aufrecht interessierte Leser hat zu diesem Zeitpunkt dann verstanden, dass der ethische Ist-Zustand in diesem Zusammenhang in keinem Fall länger tragbar ist. Zu diesem Ist-Zustand gehört eine Moral, die im Wort- wie im übertragenen Sinne indiskutabel ist, auf der einen, das ethische, meist unartikulierte, in jedem Fall aber von dieser deutlich geschiedene ethische Empfinden einer wachsende Anzahl von Menschen auf der anderen Seite. Der in den letzten Jahren versuchte Kompromiss ist gescheitert und scheitert viele Mal, Tag für Tag aufs Neue, mit schrecklichen Folgen. Singer hat dies erkannt, dargestellt und ... er artikuliert. Denkansätze in all ihrer Vorläufigkeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger.
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0 von 10 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Jonas
Format:Sondereinband
Dieser Mensch möchte eine utilitaristische Gesellschaft in der die Schwachen keine Chance haben. Singer meint, dass das Leben von Menschen mit Behinderungen weniger Glück erleben kann, als unseres ohne dabei zu differnzieren, aus welchem Standpunkft dieses Glück gesehen werden muss. Hat ein Mensch eine Behinderung fordert Singer dessen Tötung, da ein anderes Leben mehr wert sei...
Er verstößt damit gegen Artikel 1 aus der Verfassung, in welcher die Würde des Menschen unantastbar sein muss.
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