Peter Singer provoziert wie nur wenige zeitgenössische Bioethiker, und das liegt, er spricht es klar und deutlich aus, durchaus in seinem Interesse. Wenn man sein Buch aufmerksam liest, merkt man unschwer, dass er selbst in dieser Hinsicht auch nur einer seiner Leser ist. Man hat den Eindruck, dass er sich an den Stellen, an denen er sich am weitesten von den von ihm als "Heiligkeit des menschlichen Lebens" bezeichneten alten ethischen Vorstellungen entfernt, durchaus selbst provoziert fühlt. Schon aus diesem Grund muss man ihn m.E. als Autor und als Suchender in Sachen Ethik ernstnehmen.
Singers Buch ist äußerst stringent aufgebaut, stets bemüht es sich um Orientierung seines Lesers. Zusammen mit der Tatsache, dass der Autor fast ausschließlich von Beispielen ausgehend argumentiert, sind seine Ausführungen handwerklich überzeugend. Dies bedeutet nun freilich nicht, dass man allen Vorschlägen Singers exakt in der Form folgen muss, die Singer vorstellt, ist dies doch noch nicht einmal von ihm selbst intendiert.
Um es vorweg zu nehmen: Es ist gerade ein Kennzeichen seiner Argumentationen, dass sie sich stets ihrer Vorläufigkeit bewusst sind und dies auch deutlich aussprechen. Es ist diese Einsicht in die kontextuelle Abhängigkeit menschlicher Urteile, die seine Aussagen vielleicht am auffälligsten von denen trennen, die davon ausgehen, ewig unveränderliche Wertvorstellungen seien dem Menschen geoffenbart worden. Singer begibt sich auf die Suche nach ethischen Normen, die diesen Status bei jeder signifikanten Veränderung der verschiedenen relevanten Kontexte immer wieder aufs Neue argumentativ verteidigen müssen. Solcherart ist es eben nicht mehr die Frage, wie es der Mensch schafft, sich an Geboten zu orientieren, sondern welchen Inhalts diese Gebote sein sollen. Der Mensch tritt aus seiner Passivität und stellt sich Fragen, die, fast ist man versucht zu sagen, "weiß Gott" unangenehm sind. Unangenehm, dabei aber unausweichlich!
Wie geht Singer vor? Er belegt durch zahlreiche Fallbeispiele, die in den allermeisten Fällen in ihrer Zeit beachtliche Aufmerksamkeit erregten, dass sich die ethische Wirklichkeit, gespiegelt in der Rechtsprechung westlicher Staaten, längst von dem entfernt hat, was sich unter Berufung auf die alten ethischen Normen vom absoluten Wert menschlichem Lebens rechtfertigen ließe. An den zeitlichen Rändern des Lebens haben sich, durch die Möglichkeiten der modernen Intensivmedizin drastisch beleuchtet, Unschärfen unserer Wahrnehmung ergeben. Von Fragen der Legalität eines Schwangerschaftsabbruchs bzw. der Frage nach der Terminierung legalen Schwangerschaftsabbruchs, über die Aufrechterhaltung des Lebens hirntoter oder irreversibel bewusstloser Menschen bis hin zu Fragen der freiwilligen Euthanasie unheilbar kranker und leidender Menschen spannt Singer seine Dokumentation der Infragestellung überkommenen moralischen Credos.
Dem Autor geht es hier zunächst allein darum zu belegen, dass es nicht er ist, der gleichermaßen von der theoretischen Seite her kommend, willkürlich an sich funktionierende ethische System kritisiert, sondern dass sich diese längst selbst als unbrauchbar herausgestellt haben. Unbrauchbar, indem sie entweder nicht länger konsistent sind, unüberbrückbare Widersprüche aufweisen und damit ihre Rechtfertigung verspielt haben, oder andererseits Menschen zu Handlungen zwingen würden, die nicht länger ihren ethischen Überzeugungen entsprechen, häufig freilich, ohne dass diese neuen Überzeugungen klar und schlüssig formuliert werden könnten. Es ist evident, dass es zunächst darauf ankommt, die These ihrer Überkommenheit zu dokumentieren, bevor, in einem zweiten Schritt, der Versuch gewagt werden kann, eine Diskussion adäquater ethischer Werte anzustoßen.
Ersteres gelingt Singer überzeugend. Zwei Beispiele, von beiden Rändern des Lebens, sollen an dieser Stelle genügen. Der von Singer als "Heiligkeit des menschlichen Lebens" bezeichneten alten Ethik gilt das menschliche Leben spätestens vom Zeitpunkt der Verschmelzung von Ei und Samenzelle als uneingeschränkt schützenswertes Gut, meist als Geschenk eines mehr oder weniger personal verstandenen Gottes gedacht, wobei auch säkularere Variationen entsprechenden Inhalts existieren. Dieser Zeitpunkt ist allerdings häufig den auf dieser Grundlage offenkundig fehlenden Alternativen gedankt, er ist somit willkürlich gewählt, ist doch beispielsweise, um nur einen Einwand zu bringen, bis zum 12.Tag der embryonalen Entwicklung eine Teilung des Zellhaufen in Zwillinge möglich, der ursprüngliche "Mensch", die "Person", das "Individuum" verschwindet. Stirbt er? Werden die Zwillinge erst zu diesem Zeitpunkt gezeugt? Das, was vorher war, mag gewesen sein, was es mag, ein Mensch in unserem, damit meine ich auch im christlichen Verständnis, kann es wohl nicht gewesen sein.
Es wird im Verlauf der Lektüre zu einer Tatsache, dass es keinen vernünftigen Grund gibt, diesen (menschlichen) Zellhaufen mehr zu schützen als andere (nicht menschliche) Zellhaufen, da dieser eben nur ein Haufen Zellen ist, der irgendwann zu einem Menschen werden kann. Ganz offensichtlich aber neigen wir bislang dazu, genau dies zu tun, bzw. haben ein schlechtes Gefühl, wenn wir dies als Gebot Wahrgenommene nicht befolgen. Wir behandeln diesen Zellhaufen zwar inzwischen nicht anders, aber wir meinen, es "eigentlich" doch tun zu müssen. Das ist ein eklatanter Widerspruch, der zeigt, dass an dieser Stelle weitergedacht werden muss.
Es bleiben uns zwei Möglichkeiten: Entweder, wir schützen alle vergleichbaren nichtmenschlichen Zellhaufen, wie wir es eigentlich für den menschlichen fühlen, dann verhungern wir vermutlich, da selbst Pflanzen komplexer strukturiert sind, oder wir etablieren verantwortlich andere, vernünftige Kriterien, an denen wir einen weiter reichenden Schutz bestimmter Lebensformen zu einem bestimmten Zeitpunkt festmachen können. Singer ist nicht der erste, der Empfindungsfähigkeit, Bewusstsein u.a. in die Diskussion einbringt.
Solange aber das Tier, das Sonntagsbraten, Objekt tödlicher Medikamentenversuche oder Opfer schlichter, schließlich ebenfalls tödlicher Verdrängung ist, weniger Rechte besitzt als menschliches Leben in einer frühen Phase der embryonalen Entwicklung, obwohl ersteres deutlich mehr Bewusstsein und Leidensfähigkeit aufweist, solange ist auch unsere neue Ethik inkonsistent und sinnentleert. Singers Schlussfolgerung ist eindeutig! Er fordert natürlich nicht eine bedenkenlose Abschlachtung menschlichen Lebens bis zu dem an den relevanten Kriterien gemessenen Niveau vergewaltigter Nutztiere hin, sondern umgekehrt eine Ausweitung des Schutzes nichtmenschlichen Lebens.
Das zweite Beispiel soll, wie oben erwähnt, vom anderen Rand der menschlichen Existenz genommen werden. Nicht nur die überkommene Ethik, auch der hippokratische Eid verbieten eine Tötung unschuldigen Lebens. Durch die moderne Medizin stehen uns Möglichkeiten der Verlängerung des Lebens bei schwersten, unheilbaren, mit unvorstellbaren Schmerzen verbundenen Leiden zur Verfügung. Die Beispiele Singers zeigen, wie unglückselig diese Kombination inzwischen für alle Beteiligten, die Patienten, deren Angehörige, die Ärzte und schließlich häufig involvierte Richter geworden ist. So ist es in westlichen Ländern gängige Praxis, alte Menschen, die an einer oben beschriebenen Krankheit leiden und die auch wiederholt den Wunsch geäußert haben, endlich sterben zu dürfen, da ihnen weder ein Suizid ermöglicht noch ihr Leben aktiv beendet werden darf, an einer nicht behandelten Infektionskrankheit, wenn sie denn endlich eintritt, sterben zu lassen. Das mit dieser Praxis bei allen angerichtete Leid ist nur vor dem Hintergrund der obigen "Heiligkeit des menschlichen Lebens" notwendig. Das Leben gleichermaßen als Geschenk, das nicht zurückgegeben werden kann! Dass Singer in solchen Fällen für ein selbstbestimmtes, würdevolles Sterben argumentiert, kann wohl nur mehr wenige aufrichtige Menschen provozieren.
Die Vorschläge der inhaltlichen Ausgestaltung, die Singer am Ende seines Buches unterbreitet, sind, das sei zugegeben, auch nach der Lektüre der diese vorbereitenden Kapitel noch immer eine Herausforderung, für viele auch eine Provokation, aber sie sind nicht länger ein Skandal. Ich spreche sie bewusst hier nicht an, wer neugierig geworden ist, lese das Buch, aber bitte von der ersten Seite an. Denn der solcherart aufmerksame und aufrecht interessierte Leser hat zu diesem Zeitpunkt dann verstanden, dass der ethische Ist-Zustand in diesem Zusammenhang in keinem Fall länger tragbar ist. Zu diesem Ist-Zustand gehört eine Moral, die im Wort- wie im übertragenen Sinne indiskutabel ist, auf der einen, das ethische, meist unartikulierte, in jedem Fall aber von dieser deutlich geschiedene ethische Empfinden einer wachsende Anzahl von Menschen auf der anderen Seite. Der in den letzten Jahren versuchte Kompromiss ist gescheitert und scheitert viele Mal, Tag für Tag aufs Neue, mit schrecklichen Folgen. Singer hat dies erkannt, dargestellt und ... er artikuliert. Denkansätze in all ihrer Vorläufigkeit, nicht mehr, aber auch nicht weniger.