Jetzt ist der dritte Band mit Martin Walsers Tagebüchern erschienen, der aufschlussreiche Einblicke in sein Leben und sein Schreiben in den Jahren 1974 bis 1978 gibt. Der eine oder andere Weggefährte wird sich darin vergeblich suchen, denn Walser kann nicht jeden, dem er in seinem Leben begegnet ist darin vorkommen lassen. Walser ist einer der sprachmächtigsten Autoren die wir in Deutschland haben und so muss für eine Weg- Begleitung in den Tagebüchern schon ein sprachlicher Reiz vorhanden sein.
Im Gegensatz zu Thomas Mann sind die Walser Tagebücher "hingeschrieben", wobei das häufigste darin vorkommende Substantiv "Schmerz" ist. In diesen 70 er Jahren hat man es mit einem Schmerzensmann" Walser zu tun, der den vielsagenden Satz prägt :"Die meisten Menschen sterben nicht, sie werden kaputtgemacht, denn im Gegensatz zum kurzen Abschnitt des Sterbens ist das kaputt gehen ein lebenslänglicher Prozess."
Bilanzierend kann man feststellen, dass der Tiefpunkt der verschiedenen Schmerzgrade zwischen Dezember 1975 und April 1976 stattgefunden hat. Es war der absolute Tiefpunkt von Martin Walsers Laufbahn. Begonnen hatte es damit, dass Siegfried Unseld vom Suhrkamp Verlag sich weigerte den Band "Der Grund zur Freude. 99 Sprüche zur Erbauung des Bewusstseins" zu drucken, in dem Zusammenhang Walser seine DKP Nähe vorwarf und auf Distanz zu ihm ging. Das Buch wurde 1982 im Rowohlt Verlag gedruckt.
1976 sei der Tiefpunkt gewesen, "schlimmer geht es in der beruflichen Laufbahn nicht mehr", schreibt Martin Walser. In diesem Jahr erschien sein Roman "Jenseits der Liebe" der bei den Kritikern nicht auf viel LIebe gestoßen ist. Die Herren Marcel Reich Ranicki von der FAZ, Joachim Kaiser von der Süddeutschen und der Feuilletonist Rolf Michaelis haben dem Buch und damit natürlich insbesondere dem Autor böse zugesetzt. In seinem brutalen Verriss unter der Überschrift "Jenseits der Literatur" hat Reich Ranicki Martin Walser quasi exkommuniziert. Walser empfand diese Kritik als Attentat,Reich Ranicki machte ihn zum "Bajazzo der revolutionären Linken" und platzierte ihn in der Zeit des Kalten Krieges und der Berufsverbote jenseits des seriösen Literaturbetriebes. Der Verleger hat die Drohgebärde" aufgenommen. In dieser Zeit war die wirtschaftliche Grundlage des Schriftstellers Walser war gefährdet, denn es war letztlich ein Versuch Walser aus dem Literaturbetrieb hinauszuwerfen.
Erleichtert erfahren wir in der Folge aus den Aufzeichnungen, dass zahlreiche Kritiker sich nicht parasitär verhalten haben, sondern Walser gemeinsam mit vielen Buchhändlern gerettet haben. Damit und das sein Buch schon zwei Wochen später auf den Bestsellerlisten stand konnte er nicht rechnen.
Der Vorfall Reich Ranicki beschäftigt Walser in seinen Tagebüchern auf über sechzig Seiten. Den quantitativ größten Anteil in den Tagebüchern hat also das Jahr 1976. Stets war Walser auf der Suche wie er in der Situation des tiefsten Schmerzes noch etwas bewegen konnte, denn er durfte sich bei dieser miesen Behandlung nicht aufgeben, nicht einer Ohnmacht erliegen. Dankbar empfand er es auch, dass er gerade in diesem Jahr so ungemein viel intellektuelle Solidarität erleben durfte.
Zwei Jahre später erscheint mit der Novelle "Ein fliehendes Pferd" Martin Walsers bis heute erfolgreichste Werk, das von Lesern und Kritikern gleichermaßen begeistert aufgenommen wurde. Allerdings hat die Kritik von Reich Ranicki ihn auch wieder schmerzlich getroffen. Er fand die Novelle grandios, gab aber zu bedenken das Walser dieses großartige Buch nicht geschrieben hätte, wenn er ihn zwei Jahre zuvor nicht für "Jenseits der Liebe" gedemütigt hätte. "So absurd ist der Literaturbetrieb" meint Martin Walser rückblickend, wobei die schärfste Waffe des Kritikers das Schweigen ist.
Der Misserfolg spielt eine große Rolle in diesen Jahren, wobei in dem Tagebuch auch die Annehmlichkeiten dieses Misserfolgs notiert werden." Man verliert auf jeden Fall, hat man Misserfolg verliert man Freunde, hat man Erfolg verliert man wieder andere Freunde".
Die Themen die sich durch die Tagebücher wie ein roter Faden ziehen, sind Gott, Glauben und Hoffnung.
Eine literarische Kostbarkeit, unzählige Reflexionsebenen auf denen man Martin Walsers Tageserlebnisse betrachten kann. Es gibt Bücher, in die verliebt man sich sofort. Wenn man sie zum zweiten Mal liest, dann wird man sehen wie viel wunderbare Verknüpfungen beim ersten Lesen gar nicht aufgefallen sind. Es geht von diesem Buch eine solche sprachliche Kraft und Genauigkeit aus, das man denkt ein Chronist sei mit einer Zeitmaschine zurückgegangen.