Bei der Lektüre des ersten Kapitels hat man über etwa zehn Seiten hin den Eindruck, in einen Schelmenroman eingeführt zu werden. Der Ich-Erzähler berichtet von seinem "Faulenzerjob", der ihn aufs Land führt, wo er auftragsgemäß bäuerliche Dichtung sammelt. Wie mit ein paar Pinselstrichen skizziert er ein pralles ländliches Leben mit erotischen Abenteuern und einer die Einleitung abschließenden idyllischen Szene: Ein vergnügter alter Mann namens Fugui, was "der Glückliche und Edle" bedeutet, pflügt mit seinem Ochsen im Reisfeld. "Später an diesem Nachmittag setzte er sich zu mir unter jenen üppig belaubten Baum und erzählte von sich."
Und von nun an ist es die Ich-Erzählung dieses alten Mannes, die fast den gesamten Roman ausmacht. Die Einleitung, Teil einer äußerst knappen Rahmenhandlung, hat wohl nur die Funktion, in aller Kürze zu zeigen, wie oberflächlich und gelangweilt ein städtischer Intellektueller der jüngeren Generation das Leben der Bauern aufnimmt. Ein solcher Intellektureller ist offenbar der Erzähler der Rahmenhandlung, der den Bauern meistens müde gegenübertritt, so daß er bei ihnen als der "Gähner" bekannt ist.
Was der alte Mann aber erzählt, ist alles andere als eine gefällige Geschichte vom lustigen Leben auf dem Lande. Im Grunde wird nun die wechselvolle Geschichte Chinas der letzten 50 Jahre erzählt, und zwar als die Lebensgeschichte des alten Mannes und als Niedergang einer Familie.
Fugui, der Sohn eines Gutsbesitzers, verspielt den ererbten Besitz und wird zum Tagelöhner. Vom zum Kriegsdienst gepreßten Guomindang-Soldaten, vom Kriegsgefangenen der Roten Armee, vom Mitglied der Volkskommune bis zum einsamen alten Bauern mit seinem Ochsen auf wieder privatisiertem Besitz spannt sich ein Lebensschicksal, das härter nicht sein kann. Nach und nach sterben alle Mitglieder seiner Familie, weil die gesellschaftlichen Verhältnisse, und zwar politische Willkür, Armut und Not, kein menschenwürdiges Leben ermöglichen. In der Erzählung des alten Mannes treten die Schicksalsschläge derart unvermittelt ein, daß man als Leser geradezu betroffen innehalten möchte, weil man gar nicht glauben kann, daß auch der nächste furchtbare Schlag von diesem armen Menschen noch ertragen werden soll.
Der Roman liest sich wie ein flüssig und in einfacher Sprache geschriebener Bericht, dessen Begebenheiten durch wörtliche Rede und treffende Beschreibung eine große Anschaulichkeit und damit auch Glaubwürdigkeit erhalten.
Angesichts der großen sprachlichen Ferne zwischen dem Chinesischen und Deutschen ist die Arbeit des Übersetzers besonders hervorzuheben, denn es ist ihm gelungen, den Roman so zu übertragen, daß er sich glatt liest und die sprachliche Gestaltung der inhaltlichen Seite entspricht und angemessen erscheint.
Das unermeßliche Leid der Millionenbevölkerung Chinas in den Jahren von Bürgerkrieg, kommunistischer Machter- greifung, Hungersnot und Kulturrevolution kann wohl kaum besser verdeutlicht werden.
Dieser Roman ist ein Beleg dafür, daß durch die Literatur ein wesentlicher Teil der historischen Dimension des Menschen erfahrbar wird, weil sie die Geschichte an Personen konkret macht, für die der Leser Mitgefühl hat.
Ganz zum Schluß nimmt wieder der Erzähler der Rahmenhandlung seinen Faden auf, indem er die eingangs erwähnte ländliche Szene beschreibt: Der alte Mann am Pflug hinter seinem Ochsen, mit dem er spricht, entfernt sich und singt das Lied seines Lebens: "Junger Mann stromert rastlos umher, reifer Mann strebt nach Wohlstand sehr, alter Mann wird Mönch und will gar nichts mehr".
Im Klappentext wird wohl nicht zuletzt wegen dieses Schlusses folgende Deutung des Romans gegeben: "Der stoische und letztlich triumphierende Lebenswille des einzelnen ist seine Botschaft." Allerdings bildet die Rahmenhandlung für die schreckliche Lebensgeschichte des alten Mannes eine recht knappe Einbettung, die zudem noch Bilder einer freundlich-ländlichen Idylle enthält. Vielleicht sind diese malerischen Szenen ein Zugeständnis an den Film, für den sie eine gute Drehbuchvorlage sein dürften.
Über den letzten Satz des Romans und seinen künstlerischen Wert wird man nachdenken müssen. Er beschreibt den Einbruch der Nacht. Der Autor bedient sich hier plötzlich einer poetisierenden Sprache, die für die Gesamtheit des Textes nicht typisch ist: "Ich sah, wie die weite Erde ihre starke Brust entblößte - ein Ruf war das: Wie die Frauen ihre Söhne und Töchter, so rief die Erde die Nacht."
Günther Miklitz