Es ist ein langer Weg von Aristoteles' Metapherndefinition hin zu den in diesem Buch ausgebreiteten Erkenntnissen in Bezug darauf, wie Metaphern und vor allem in sich kohärente Metaphernsysteme unser Alltagsdenken und Handeln über den Kanal von Sprache und Kommunikation bestimmen. Dass eine solche Sicht auf die Dinge es trotz der breiten Rezeption des Werkes von Lakoff und Johnson bis heute längst noch nicht in die Klassenzimmer der Schulen geschafft hat, spricht weder für das deutsche Schulsystem noch für den einzelnen Lehrer, der seinen Schülern weiterhin vermittelt, was Lakoff und Johnson in wenigen Sätzen zu entkräften vermögen, nämlich dass Metaphern "ein Mittel der poetischen Imagination" und somit "eine Frage der Worte und nicht des Denkens und Handelns" seien. Doch wer sich auf die Gedanken der Autoren dieses Buches einlässt wird schnell erkennen, dass es tatsächlich so ist, dass in unserer Sprachgemeinschaft das Argumentieren weitestgehend in kriegerischer Metaphorik beschrieben und somit auch in den Gedanken der Menschen konzeptualisiert wird, sodass wir uns tatsächlich "angegriffen" fühlen, wenn jemand unserem Standpunkt kontra bietet. Wer kennt dieses Gefühl nicht? Doch man stelle sich vor, man befände sich in einer Kultur, in der Argumentieren als Tanz betrachtet und beschrieben würde - man würde automatisch die Aspekte von Kooperation und gemeinsamer Weiterentwicklung in den Vordergrund rücken und deutlich weniger Konkurrenzdenken und Dünnhäutigkeit an den Tag legen.
Genau so verhält es sich mit unzähligen anderen alltäglichen Aspekten des Lebens. Die Stringenz, mit der Lakoff und Johnson diese entscheidenden Auswirkungen des Metapherngebrauchs auf unser Denken und Handeln darlegen, ist ebenso beeindruckend und überzeugend wie von einer solchen Einfachheit und Evidenz, dass man sich geradezu zwangsläufig fragen muss, ob das nicht schon mal früher jemand herausgefunden hat. Und ja, das wird wohl so sein, auch wenn ich persönlich nicht den Überblick über die gesamte Fachliteratur haben kann und will, so glaube ich doch gerne, dass der ein oder andere Verweis auf frühere Linguisten sicherlich berechtigt gewesen wäre. Da dies jedoch eine Problematik darstellt, die die beteiligten Wissenschaftler tangiert und nicht denjenigen, der an den hier vorgestellten Theorien lernen und die immense Bedeutung der Sprache für unser aller Denken und Handeln nachvollziehen will, macht eine solche Debatte das Werk nicht weniger lesenswert. Die drei vorgestellten Metaphern-Typen, nämlich die Strukturmetapher nach der Folie von "Argumentieren ist Krieg", die Orientierungsmetapher, die einer Fülle von abstrakten Denkbereichen eine imaginäre Räumlichkeit verleiht (Glück ist oben, Trauer ist unten), die allein durch die Benutzung eben dieser Metaphern Realität wird, und die ontologische Metapher, die schwer fassbaren, nicht-physischen Dingen eine materiellen Rahmen, eine Substanz- und Entitätshaftigkeit verleiht (Zeit ist eine Substanz, die man etwa "verlieren" kann) - man sollte sich ihrer bewusst werden, um verstehen zu können, wie wichtig der Sprachgebrauch für unsere ganze Existenz ist. Man kann es natürlich als eine Selbstverständlichkeit hinnehmen, dass etwa Sexualität als "niederer Trieb" aufgefasst wird; wenn man sich aber bewusst macht, dass diese Zuordnung auf die Anordnung der Organe im menschlichen Körper (von oben nach unten) zurückgeht, und im Zuge dessen durch die konzeptuelle Metapher "Gut ist oben, schlecht/böse ist unten" mit dem negativen Unterton versehen wurde, den die Sexualität heute in vielen Kulturen teilweise immer noch hat, kann man nicht nur die Willkürlichkeit so mancher moralischer Urteile durchschauen, sondern sich auch die Freiheit nehmen, sie einfach umzukehren, für sich persönlich eine neue konzeptuelle Metapher zu schaffen, die dann plötzlich eine völlig neue, befreite und unverstellte Sicht auf gewisse Dinge hervorbringen kann. Eine tolle Chance, die sich für unser Denken an dieser Stelle bietet, und bei aller Diskussion um die "wissenschaftliche Lauterkeit" Lakoffs und Johnsons und um eventuell nicht rezipierte kontinentaleuropäische Vordenker bleibt es eine große linguistische Leistung, zur Verbreitung solch revolutionärer Thesen und Einsichten beigetragen zu haben.