Westfälischer Anzeiger, 08. Februar 2007
Essen- Seit einigen Jahren schon führte das Deutsche Plakatmuseum in Essen ein Schattendasein. Es hatte keine Ausstellungsräume mehr, die größte Plakat-Sammlung Europas mit rund 350 000 Exponaten war von Papierzerfall bedroht. Mit dem Antritt des neuen Direktors René Grohnert vor zwei Jahren bekam das Institut eine Perspektive. Und nun stellt es sich neu vor, mit einer großen Ausstellung im Folkwang-Museum. Die Schau "Zeitzeiger" soll zeigen, welche Schätze noch im Verborgenen ruhen. Und es weist in die Zukunft: Das Plakatmuseum soll Neubau des Folkwang-Museums 2010 wieder eröffnet werden. Knapp 300 Stücke vermitteln dem Besucher nun eine Übersicht vom 18. Jahrhundert bis zum Ausbruch des zweiten Weltkriegs. Ein Anschlagzettel von 1721 preist die Ablassbriefe als besonders wirksam an, die zur Amtseinführung von Papst Innocent XIII. ausgegeben wurden. Ein weiteres Blatt von 1818 wirbt für Eau de Cologne. Frühe Illustrationen aus Zeitschriften zeigen, wie das junge Werbemedium im Alltag ankam. Sei es, dass Honoré Daumier die beiden Feinde karikiert, die nebeneinander ihre Hassbotschaften plakatieren, sei es, dass Ludwig Löffler die Menschen abbildet, die sich 1871 um eine Liftasssäule mit frischen Nachrichten aus dem Krieg drängen. Ende des 19. Jahrhunderts kam es in Paris zur Plakat-Revolution, zur "Affichomanie". Jules Chéret und seine Nachfolger schufen eine eigene Bildsprache mit klaren Kompositionen, die von wenigen, schwungvollen Figuren im Vordergrund geprägt wurden. Die blonden Schönheiten Chérets scheinen zu springen, zu fliegen, wenn sie für das Revuelokal "Olympia" oder für Hustenpastillen werben. Ob Théodore Steinlen, ob Henri de Toulouse-Lautrec, die Klassiker sind hier in einigen ihrer schönsten Arbeiten zu bewundern. Und auch die großen Jugendstilmeister wie Alphonse Mucha und Maurice Verneuil findet man. Wie frech sie waren: Étienne-Maurice-Firmin Bouisset wirbt für Schokoladenbiskuits mit einem Laufburchen, der an die Wand pinkelt. Dazu werden die Parallelentwickelung in anderen Ländern wie Großbritannien, den USA, Belgien und Italien gezeigt. Und auch die Entwicklung in Deutschland ist zu bewundern, das ästhetisch lange im Schatten der französischen Entwicklung stand. Aber Ludwig Hohlwein in München (Kaffee Hag, 1913) und die Berliner Sachplakate, die von Künstlern wie Lucian Bernhard (Manoli, 1911) geprägt wurden, finden eine neue Sprache der Sachlichkeit. Auf einmal hatten sie Witz, wie Julius Klingers Werbung für Plakate von 1911 belegt: Er zeigt eine Gruppe von Kaktusmenschen, ein Blickfang durch eine absurde Idee, wie er heute auch oft praktiziert wird. Aber die Schau zeigt nicht nur Plakate als Zeugnisse eines Umbruchs in Lebensstil und Technik, vom frischen Schwung bei der Ausbreitung der Konsumkultur. Sie bietet auch frappierende Beispiele für das Plakat als Medium politischer Propaganda. Da wird der Bolschewismus in Form eines monströsen Affenmenschen personifiziert, da soll eine Mongolenfratze Spenden für die "Osthilfe" einbringen. Wirksam auch die Montage von Hindenburg und Hitler als "Der Marschall und der Gefreite", mit dem die Nazis 1933 Legitimation suchten. Aber auch Antifaschistisches zum Beispiel von Heartfield ist zu sehen. Die Ausstellung deutet darauf hin, dass der Neubau des Folkwang-Museums noch mehr Attraktionen bieten wird als gedacht.
W&V 9/2007
Das Plakat als Kunstobjekt. Der Katalog zur Ausstellung in Essen ist ein opulenter und farbiger Bildband über ein Instrument der Außenwerbung. Im Plakatmuseum Essen gibt es sie live. Noch bis zum 25. März. Hier ist sie im Katalog: die Ausstellung herausragender Plakate aus zwei Jahrhunderten, nach Epochen geordnet. Plakate aus Deutschland, Österreich und der Schweiz, aus Belgien, Frankreich, Großbritannien, Italien und den USA. Werbung für alles, von den frühen Plakaten des 18. Jahrhunderts bis 1939, opulent vorgestellt im Großformat. Jede Form von Neugierde befriedigt dieser Band. Er stellt die deutschen Zentren der Plakatentwicklung von Hamburg über Berlin bis München vor und schildert, was sich in Österreich und der Schweiz getan hat. Auch der Restaurierung von Plakaten ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Schließlich werden auch die Schöpfer der Plakate vorgestellt, von Frédéric Hugo de Alési bis Ludwig von Zumbusch, und die Abbildungen werden kommentiert. Interessant dabei die Schilderung, wie es zuging, bevor Ernst Litfaß mit der Anschlagsäule einen geregelten Betrieb in die deutsche Außenwerbung brachte. Da wurde wie wild geklebt. Jeder versuchte die besten Plätze zu erobern. Und doch kam es vor, dass schon nach kurzer Zeit ein anderer Druck an der Stelle prangte. Auch deswegen ist dieses Buch ein Muss.