Natürlich ist die Erde das Zentrum der Welt und am Himmel befestigt, natürlich dreht sich die Sonne um die Erde, ebenso wie alle übrigen Gestirne um die Erde rotieren, in ihrer jeweiligen Schale, die verhindert, dass sie vom Himmel herabfallen. Natürlich ist die Erde das Zentrum der Welt - wo, wenn nicht im Mittelpunkt der Schöpfung Gottes solle der Mensch denn stehen?
Das Bibel-fundierte selbstverständliche Selbstverständnis der römisch-katholischen Kirche, das Jahrhunderte überdauerte, wird erschüttert, als ein Professor der Mathematik zu Padua mittels des jüngst erfundenen Teleskops vier kleine Möndchen entdeckt, die scheinbar harmlos kreisend sich um den Jupiter bewegen - nach Verständnis des Ptolemäischen Weltsystem hätten sie dies gar nicht tun können, da die Monde die obligaten Begrenzungen der gedachten Himmelsschalen durchgebrochen hätten und vom Himmel einfach hätten herabfallen müssen.
Galileis Entdeckung, die den Beweis des Kopernikanischen Weltbilds bedeutet, erzeugt einen wissenschaftlichen Enthusiasmus, der den Physiker in morbidem, realitätsimmunem Optimismus alle pragmatischen Verhältnisse übersehen lässt: Vom Glauben an die Vernunft im Menschen und dessen Streben nach Wahrheit angetrieben, publiziert der renommierte Physiker seine Entdeckungen, um sie dem gewöhnlichen Volk zu Nutzen kommen zu lassen, nicht in Latein, der Sprache der Wissenschaft, sondern in der Nationalsprache Italienisch, der Sprache der Plebs, und erreicht damit die Massenwirksamkeit der Physik und ihrer Erzeugnisse. Galileo Galilei wird zum Popstar der Physik und begründet ein neues Zeitalter: ein Zeitalter des Zweifelns an gottgegebenen Verhältnissen.
"Sollen wir die menschliche Gesellschaft auf den Zweifel begründen und nicht mehr auf den Glauben?" - die Heilige Kongregation des Vatikans diffamiert Galileis Publikationen als Frevel und Blasphemie und denunziert die Vernunft als Substitut für den Glauben. Sie sieht das Ptolemäische Weltbild, das jeher als Legitimation der Macht des Klerus und des Adels diente, gefährdet durch Galileis Entdeckungen und damit die Autorität der Kirche und der Grundherren in Zweifel gezogen: Die Ehrfurcht des gewöhnlichen Volkes vor der Allmacht Gottes droht durch die vor der Wissenschaft und deren generierte Maschinen ersetzt zu werden.
Der Klerus droht - Galilei spricht: "Ich muss es wissen.", und forscht weiter. Die gesellschaftlichen Folgen seines Forschens und Entdecken in toto tangieren ihn kaum. Als ihm jedoch die persönlichen Konsequenzen in Form von Folter und Verhören durch die Heilige Inquisition präsent werden, die ihn bereits einmal acht Jahre lang wissenschaftlich pausieren ließen, sagt er seinen Idealen ab, widerruft das bereits Bewiesene und erschüttert hiermit die Grundfeste der freien Forschung: der Popstar der Physik also nicht als Märtyrer der Wissenschaft.
Bis zu seinem Tod steht Galileo Galilei unter der strengen Observation der Kirche und betätigt kirchenfreundliche und folglich belanglose Forschungsarbeit. Die beständige Furcht vor der Inquisition scheint ihn zu einen braven, streng religiösen Pseudo-Wissenschaftler mutiert haben zu lassen, dem nichts hochheiliger ist als die hochheiligen Prinzipien der hochheiligen Kirche. Erst spät wird dem Leser offenbart, wie die wahren Ambitionen hinter der Maske der religiösen Seligkeit aussehen: Die "Discorsi", eine Abhandlung Galileis die Mechanik und Fallgesetze betreffend, die auch heute noch als Grundlagen der Physik elementare Bedeutung genießt, belegen Galileis weiterhin vorhandenen Forschergeist, der eingezwängt im engen Korsett kirchlicher Unvernunft zwar gezähmt, nicht jedoch gänzlich unterbunden werden konnte.
Bertolt Brecht ist ein Drama gelungen, das unter Verwendung von humorvoll ironischer Untermalung, die mit zunehmender Brisanz der Handlung (im Dienste der Authentizität) in ihrer Präsenz geringer wird, das Leben und Wirken eines der bedeutendsten Physiker schildert, der keinesfalls als charismatischer Held dargestellt wird, sondern sich vielmehr als begeisterter Forscher exponiert, den einerseits die realitätsferne Überzeugung von der Vernunft im Menschen prägt, andererseits als Mensch wie Du und ich an Enttäuschung und Selbstkritik leidet nach dem scheinbar feigen Widerruf seiner belegbaren Entdeckungen ("Ich habe meinen Beruf verraten"). Durch Brechts implizierter Kritik an einem Zeitalter des Glaubens und nicht des Denkens stellt "Leben des Galilei" ein literarisches Werk dar, das auch in unserer als modern und aufgeklärt imprägnierten Welt von Belang ist: Galileo Galilei war seiner Zeit voraus und auch heute noch scheint wiederum die röm.-kath. Kirche noch nicht bereit die längst notwendige Anpassung an geänderte gesellschaftliche Umstände zu tätigen (Verbot der Verwendung von Präservativen, Untersagung der weiblichen Besetzung des Priesteramtes, Festhalten am geweihten Amt in der apostolischen Sukzession, etc.).
"Leben des Galilei" ist ein Lehrstück über Lüge, Selbstbetrug aus Machtgründen und ein Desiderat an Toleranz, das nur zu gut in das Entstehungsjahr 1938/39 und den Unterdrückungsapparat des NS-Regimes passt: "Wer die Wahrheit nicht weiß, der ist bloß ein Dummkopf. Aber wer sie weiß und sie eine Lüge nennt, der ist ein Verbrecher!"