"Frankreich kann nicht Frankreich sein, ohne Größe," schrieb De Gaulle, um hinzuzufügen: "Selbst gerecht wird Frankreich sich nur, wenn es ganz vorne steht". Was der erste Staatspräsident der fünften Republik über sein Heimatland schreibt, ist auch das Motto des vorliegenden Buches. Peter Scholl Latour, selbst Deutsch-Franzose mit Vorfahren aus Lothringen hat sich mit Wonne; Lust und Liebe in seinen "Stationen eines halbes Jahrhunderts" mit einer Nation beschäftigt, die diese Beschäftigung ganz augenscheinlich auch verdient.
Ich habe dieses Buch mehr zufällig als Vorbereitung auf eine Frankreichreise gefunden und mich sofort darin fest gelesen. Scholl Latour Leser schätzen die profunden Kenntnisse dieses Autors, wenn es um Afghanistan, Russland oder China geht - beim Thema Frankreich scheint es praktisch keinen Bereich zu geben, über den der Autor nicht fundiert raisonnieren kann. Immer ist ein Zitat von Valery, Napoleon oder Hugo zur Hand, immer wird eine Beziehung zwischen jener Kirche oder diesem Gemälde mit einer bezeichnenden historischen Episode aufgezeigt, mühelos werden Brücken geschlagen zwischen dem lotharingischen Zwischenreich und der Europäischen Union, zwischen Karl dem Großen, Napoleon und Charles de Gaulle, zwischen Reims und Aachen - kurz: das Buch entfaltet eine monumentale Gelehrsamkeit, die den Leser geradezu abschrecken könnte, wenn - ja wenn Scholl Latour nicht die seltene Gabe besäße, seine kulturellen, soziologischen und historischen Exkurse mit persönliche Erlebnissen und Begegnungen zu kleinen Geschichten umzuformen, die so selbstverständlich daherkommen, dass man ihren Bildungsgehalt zunächst gar nicht bemerkt. Diese kleinen Geschichten, das ist die dritte Stärke des vorliegenden Buches werden in einer kraftvollen, bisweilen poetischen Sprache erzählt, die die über einhundert Kapitel des Buches weit über das Niveau bloßer Reportagen hinausheben.
Auch wenn es ganz aussichtslos ist, den Inhalt dieses 650 Seiten Werkes wiedergeben zu wollen, mag es doch interessant sein, die Themen und Zugangsweisen zu benennen, die das Buch prägen. Da sind zuerst und vor allem die großen historischen Gestalten, mit denen sich Scholl Latour mit Vorliebe beschäftigt: über Ludwig den Heiligen spricht er so, als sei er gestern erst gestorben, Johann von Orleans und das lothringische Kreuz" sind allgegenwärtig, ebenso Napoleon und Ludwig XIV - in der Gegenwart sind es vor allem Petain, De Gaulle, Adenauer und vielleicht noch Mitterand, die ihn interessieren - für Chirac, der schon in den Achtziger Jahren mit Saddam Hussein kungelte und dann vergeblich versuchte, den Irakkrieg zu verhindern, hat er wenig übrig. Pompidou, Sartre, Greco, Tapie, Rocard, Levy, aber auch Genet, Greco und viele andere mehr werden als prägnant skizzierte Figuren lebendig.
Das zweite Schwerpunktthema bildet das deutsch-französische Verhältnis - eine Schicksalsrelation Europas, die für Scholl Latour mit der Schlacht auf den Katalaunischen Feldern ( in der Germanen, Römer und Gallier im Jahre 451 die Hunnen zurückwarfen) beginnt, im karolingischen Frankenreich seine erste Fasson erhält, ehe sie sich in eine tausendjährige Rivalität verwandelte, die erst mit der epochalen Aussöhnung der "großen alten Männer" Adenauer und De Gaulle im Jahre 1963 endete.
Zahlreiche Betrachtungen gelten jenen "glorreichen dreißig Jahren 1947-1977" (S. 223), in denen aus dem überwiegend agrarisch geprägten Frankreich ein Industriestaat wurde. Mit den Harlekinen der 68er Revolution hat Scholl Latour sympathisiert, ernstnehmen können hat er sie nicht, wenngleich er ihnen in dem vorliegenden Buch eine packende Monographie widmet ( S. 210-236)
Scholl Latour notiert die vielfältigen Veränderungen Frankreichs wie die Metamorphose eines exemplarischen Staates, der schon so oft Modellstaat für die weitere Entwicklung des Kontinents gewesen ist. Was es dabei allerdings zu notieren gibt, ist nicht immer erfreulich: die gewaltige Zuwanderung maghrebinischer "Fremdarbeiter", das ist für Scholl Latour schon in den Achtziger Jahren klar, wird Frankreich in eine Identitätskrise führen, der Unwille der sogenannten akademischen Jugend sich auch akademischen Auswahlverfahren zu unterziehen, kündigt den zivilisatorischen Niedergang an, der politische Romatizismus der linken Schickeria erscheint ihm wie eine Mentekel für den Abschied des Landes von seinem weltgeschichtlichen Rang
Nicht jeder wird alle Urteile teilen, die der Meister fällt - interessant und lehrreich sind sie alle und - wenn man die Situation Frankreichs heute, eine Generation nach der Abfassung dieses Buches, betrachtet: die meisten von ihnen haben sich als richtig erwiesen.
Ein absolutes Muss für jeden, der sich wirklich für Frankreich interessiert.