Musik ist immer eine Frage des persönlichen Geschmacks. Trotzdem erlaube ich mir, das Album zu kommentieren.
Die Kombination aus einem Sänger mit einer 4-Oktaven - Stimme und einem talentierten Instrumentalspieler, v. a. Panflötisten, ist sehr gut gelungen. Sie ergänzen sich gut. Die Melodien sind harmonisch, die Texte größtenteils sehr nachdenklich, manches Mal auch melancholischSie passen gut zur Stimme Christian Frankes.
Während sich die früheren Lieder von Edward Simoni auch heute noch im Musikstil wiedererkennen lassen, hat sich Christian Franke in Melodie und Text etwas erweitert und m. E. sich deutlich gesteigert und zudem sein musikalisches Repertoire erweitert.
Besonders schön sind die Lieder:
Der Apfelbaum
Ein neuer Ozean
Ich habe gelebt
Ungeweinte Tränen
"Der Apfelbaum" erzählt von einem Vater, der sich mit seinem Sohn die Frage stellt, warum die Welt so ist wie sie ist, warum so vieles zerstört wird. Es drückt symbolisch Hoffnung aus, in Anlehnung an Tolstoi, mit einem Apfelbaum. Selbst wenn die Welt drohen würde unterzugehen, der Vater würde im letzten Morgengrauen noch einen Apfelbaum für seinen Sohn pflanzen - ein Zeichen von Liebe, Hoffnung und Vertrauen in und für das Leben, die Zukunft.
Ein neuer Ozean erzählt von der Sehnsucht nach neuen Erfahrungen und der Wagnis, die damit auch eingegangen wird. Metaphorisch ist es der Aufbruch zu einem neuen Horizont. Auslöser ist ein Bernstein an der Dünenküste, den ein Junge findet. Der Bernstein und der Küstenwind wecken die Sehnsucht nach der Welt hinter dem Horizont. Der Schluss der Ballade ist doppeldeutig. Der Reisende kehrt nie mehr wieder zurück. Ob er das Wagnis mit seinem Tode bezahlen muss, ob er irgendwo einen neuen, schönen Platz findet, oder ob er immer weiter reist, weil seine Sehnsucht nie gestillt ist - ist etwas uneindeutig. Nicht unbedingt gerade ermutigend, einen Aufbruch zu wagen. Dieses traurige Ende nach einem so hoffnungsvollen Beginn, wirkt geradezu deprimierend, erst recht nach dieser unglaublich beeindruckenden Stimme und Melodie, die einen sofort ganz tief berührt. In diesem Lied ist das umfangreiche Klangspektrum Frankes deutlich mehr zur Geltung gekommen als im Apfelbaum-Lied. Gesanglich und melodisch ist dieses Lied meines Erachtens das beeindruckendste Lied auf der CD - einfach unbeschreiblich. So lohnt es sich trotz des deprimierenden Endes, dieses Lied zu hören. Man hat etwas verpasst, wenn man diese Melodie und diese Stimme in dem Lied nicht gehört hat.
Gleiches gilt auch für "Ungeweinte Tränen". Auch hier spielt Franke mit seiner spektakulären Stimme zielsicher und harmonisch zum Text passend, allerdings nicht ganz so umfangreich und kraftvoll, sondern eher sanft. Ungeweinte Tränen trocknen nicht. Auch wenn eine Trennung oder ein Tod Menschen trennt und Träume zu früh sterben, es wird sich irgendwo eine Türe öffnen. Zurück bleibt die Liebe, wenn das Schicksal Menschen trennt. "Lass mich los" ist wohl eines der schwierigsten Herausforderungen und Botschaften des Liedes. Instrumental begleitet Simoni das Lied eher dezent und im Hintergrund, im Gegensatz zu den Soloeinlagen in "Der Apfelbaum".
"Ich habe gelebt" ist ein gewisses instrumentale Kontrastprogramm und zeigt die instrumentelle Vielfalt Simonis. Die kraftvolle Begleitung durch das Piano zeigt, dass Simoni nicht nur die Panflöte, sondern auch das Piano bravourös beherrscht. Der Liedtext beschreibt von den Schicksalsschlägen, Herausforderungen, Gefahren und auch von den Wunden, die das Leben mit sich bringt. Manches Mal wird es einem rückblickend klarer, welchen Sinn hinter den Auf und Abs des Lebens steckt. So ist das Lied ein Stück Bilanzierung und Rückblick. Franke wechselt dann jedoch in eine schöne Gegenwart, in eine Art Erwachen nach einem Trancezustand. Diese innere Lebendigkeit scheint wohl, wie in vielen anderen Liedern auch, wohl auf Verliebtheit zurückführbar zu sein, denn so ganz nebenbei bezieht er sich etwas unerwartet auf eine Du-Person, die vorher nicht erwähnt wurde und die ihn aus einer Art Trancezustand erweckt. Wer dieses Du ist, lässt der Sänger offen. Vermutlich ist es im Ansatz also auch ein bisschen Liebeslied. Melodisch zeigt dieses Lied vor allem wie hoch Frankes ungewöhnlich variable Stimme hinaufgehen kann, wenn er singt: Ich habe gelebt, mehr als ein Kind. Kann man mehr Lebendigkeit haben als ein Kind? Offenbar schon.
Zusammenfassend: Das Album ist sehr vielseitig bezüglich Liedtexte, Inhalt, Instrumentalbegleitung und der Melodie. Auch Brandes zeigt mit dieser Produktion, dass er ein breites Repertoire drauf hat und es versteht, Talente zusammen zu bringen und ihre Fähigkeiten gezielt einzusetzen.
Das Album Leben! zeigt die Palette was das Leben so mit sich bringen kann und hält zum Nachdenken über das Leben an - vielleicht auch deswegen das Ausrufezeichen im Titel.
So möchte ich Sie, liebe Leser/in motivieren, den musikalischen neuen Horizont von Christian Franke zu erkunden, in der Hoffnung, dass es Ihnen genauso gut gefällt wie mir, und in der Hoffnung, dass die Entdeckung des neuen musikalischen Horizonts für Sie und für Franke und Simoni ein erfolgreicheres Vorhaben ist, als das des Jungen mit dem Bernstein.