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Das Leben des Balthasar Rüssow.
 
 
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Das Leben des Balthasar Rüssow. [Taschenbuch]

Jaan Kross
4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)

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Produktinformation

  • Taschenbuch: 1465 Seiten
  • Verlag: Dtv (1999)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423125632
  • ISBN-13: 978-3423125635
  • Größe und/oder Gewicht: 21,6 x 13,4 x 7 cm
  • Durchschnittliche Kundenbewertung: 4.8 von 5 Sternen  Alle Rezensionen anzeigen (4 Kundenrezensionen)
  • Amazon Bestseller-Rang: Nr. 507.916 in Bücher (Siehe Top 100 in Bücher)

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Jaan Kross
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Produktbeschreibungen

Neue Zürcher Zeitung

Zwischen drei Pestseuchen

«Balthasar Rüssow»: ein historischer Roman von Jaan Kross

Von Roman Bucheli

Als 1986 in der DDR Jaan Kross' monumentale Lebensgeschichte des estnischen Chronisten Balthasar Rüssow erschien, blieb das Ereignis im Westen vollkommen unbeachtet. Immerhin befand man in der DDR – gegenüber der estnischen Literatur aus politischen Gründen schon immer aufgeschlossener – das Buch als unbedenklich genug, dass man es weder unterdrücken noch verschweigen musste. So liess auch das «Neue Deutschland» eine Besprechung in seine Spalten einrücken: allein, die Rezensentin befleissigte sich, die stilvolle Buchaufmachung zu loben, entledigte sich dann aber ihrer Aufgabe mit einigen kurzen Angaben zum Inhalt. Hielt man also das Buch, argwöhnisch wie man war, doch für gefährlich genug, als dass man es hätte an die grosse Glocke hängen wollen? Wie hätte denn ein Bürger der DDR diese Lebensgeschichte aus dem 16. Jahrhundert auch verstehen sollen, die ihm zwar einerseits von der gottesfürchtigen Schicksalsergebenheit Balthasar Rüssows berichtet, die ihm aber anderseits auch dessen lebenslanges Aufbäumen gegen die Anmassung und Arroganz der Staatsgewalt nahebringt? Was hatten sich die Zensoren bei ihrem Unbedenklichkeitsbescheid gedacht, wenn doch dieser an einer geopolitischen Bruchstelle zwischen Russland, Polen und Schweden liegende Stadtstaat Reval (heute Tallinn) ohne Unterbruch von dieser und jener Macht, doch vor allen Dingen vom Zarenreich bedrängt und drangsaliert wird?

Nicht ohne boshaften Unterton lautete der estnische Originaltitel «Zwischen drei Pestseuchen», den man den Bürgern des Arbeiter- und Bauernstaates dann doch nicht zumuten wollte, dem aber immerhin der Hanser-Verlag in seinem Nachdruck nun wieder zu seinem Recht hätte verhelfen können. An welche Lesart hätte sich anderseits die estnische Leserschaft halten sollen, wenn da von der zunehmenden kulturellen und gesellschaftlichen Dominanz der deutschen Zuwanderer berichtet wird, die das Land in zwei Klassen teilen: in gebildete Deutsche und ungebildete Esten, in vermögende Städter und verarmte Bauern, in angepasste Emporkömmlinge und solche wie Balthasar Rüssow, die selbstbewusst an deutscher Bildung partizipieren, aber gleichzeitig unbeirrt an ihren kulturellen Traditionen festhalten. Diese gesellschaftlichen Umschichtungen und die demographisch herbeigeführte Germanifizierung mussten das estnische Publikum doch aufreizend und nachdrücklich an ein brennendes Problem seiner eigenen Zeit erinnern.

Konfliktreiche Zeitspanne

Oder ist, was nun im Hanser-Verlag als Reprint aufgelegt wird, nicht mehr als ein historisches Epos über das späte 16. Jahrhundert, doch letztlich zahnlos und ohne Widerhaken, was unsere Zeiten betrifft? Und bliebe so dem heutigen Leser keine neue Schicht in diesem Palimpsest zu entdecken, nachdem unter den veränderten politischen Bedingungen alle Subtexte ihrer Funktion enthoben sind? Doch selbst wenn dem so wäre: Es bliebe heute die Aufgabe, diese von partikularen Erfahrungshorizonten diktierten Lesarten übereinanderzulegen, um in den Ober- und Untertönen der bestrickenden historischen Erzählung das zwischen den Zeilen unausgesprochen Mitgedachte zu hören. Seit «Der Verrückte des Zaren» (1990) und «Professor Martens' Abreise» (1992) ist Kross auch den westdeutschen Lesern als Meister des historischen Romans bekannt geworden. Mit welcher Virtuosität und Gewandtheit er das Genre beherrscht und wie souverän er über den Stoff verfügt und diesen mit der Fiktion durchwirkt, kann nun im 1500 Seiten starken Epos über den estnischen Chronisten Balthasar Rüssow nachgelesen werden.

Kross nimmt hier einmal mehr eine authentische historische Figur zum Anlass, um eine besonders konfliktreiche Zeitspanne aus der estnischen Geschichte zu rekonstruieren. Balthasar Rüssow, ein gebürtiger Este, erhielt um die Mitte des 16. Jahrhunderts seine theologische Ausbildung in Stettin und Wittenberg und amtierte seit 1563 als Prediger in Reval. 1578 liess er in Rostock eine «Chronica der Provintz Lyfflandt» drucken, mit deren Abfassung er insgeheim und unter Beschaffung vertraulicher Regierungsdokumente seit den 60er Jahren beschäftigt war. Darin schilderte er nicht nur die abwechselnden Belagerungen der Stadt durch die Truppen der angrenzenden und um die regionale Vormacht streitenden Russen, Schweden und Polen; gleichsam parallel und in allegorischer Analogie dazu liess er mit diesen die periodisch die Stadt heimsuchenden Pestseuchen alternieren. Dass der Chronist ausserdem weder seine Sympathien für die estnische Landbevölkerung verhehlte noch anderseits mit Kritik an der Willkürherrschaft des Landadels sparte, sorgte zwar für den guten Absatz der Chronik, bescherte Rüssow aber auch manchen Ärger mit den städtischen Honoratioren.

Glücklicher Fund

Für den Romanautor Jaan Kross wiederum erwies sich die Chronik als ausserordentlich glücklicher Fund. Nicht nur gibt sie ihm reichlich Stoff und Anschauungsmaterial, um ein zeitgemässes und lebendiges Bild des historischen Revals zu gestalten. In der Figur des Chronisten findet er ausserdem einen historisch verbürgten Esten, der sowohl als Identifikationsfigur für seine Leserinnen und Leser wie als Alter ego des Erzählers aufgefasst werden kann. Dem oft starrsinnigen und ehrgeizigen, aber im Innersten zweifelnden und daher auf Achtung und Respekt erpichten Rüssow stellt Kross im Statthalter der schwedischen Krone eine diabolische Gegenfigur zur Seite. Dieser kommt dem wegen der Chronik in Schwierigkeiten geratenen Rüssow zu Hilfe und bietet ihm seinen Schutz an unter der Bedingung, dass die zweite Auflage der Chronik eine dem schwedischen Königshaus, an das Reval inzwischen gefallen war, freundliche Gesinnung beweise: damit, wie es maliziös heisst, die Chronik «vom staatlichen Gesichtspunkt aus noch vollständiger und noch richtiger» werde. Dies aber stellt Rüssow vor die paradoxe Wahl, zur Fortführung seines Lebenswerks dieses aufs Spiel setzen zu müssen. Indem der Erzähler Rüssow einwilligen lässt, werden auch seine bis dahin durchaus lauteren, aber gerade deswegen politisch um so unbequemeren Absichten kompromittiert.

Das mag durchaus auch als autobiographische Reminiszenz von Jaan Kross gelesen werden, der immer nur im Umweg über den historischen Roman und damit unter Bedingungen einer selbstzensurierenden Camouflage seine eigene Zeit ins Visier nehmen konnte. Denn gerade dort, wo wir den Chronisten am Werk sehen, sei es als neugierigen Beobachter des täglichen Geschehens, sei es am klandestinen Schreibtisch, lässt Kross seine eigene Zeit wie in einem Zerrspiegel aufblitzen. Als König Johan von Schweden 1590 mit seinem Sohn und Prätendenten auf den polnischen Thron zu einem Gipfeltreffen nach Reval kommt, wird die Stadt in fieberhafter Eile zu einem Potemkinschen Dorf herausgeputzt, gerade so, wie wenn der Staatsratsvorsitzende oder ein Kremlgewaltiger auf Durchreise erwartet würde. Oder als Rüssow befürchten muss, dass seine Beteiligung am estnischen Bauernaufstand ruchbar werden könnte, tilgt er panikartig alle Stellen aus seiner Chronik, die auf eine derartige Verstrickung hindeuten und ihm, auch Jahre später noch, den Kopf kosten könnten. So erhält der Leser aus fiktiven und nunmehr gelöschten Chronikzitaten Aufschluss über das Ende des gewaltsam niedergeschlagenen Bauernaufstandes. Da zeigt sich nicht nur der gewiefte Erzähler, der seine Perspektive geschickt zu variieren weiss, das ist auch ein boshafter Seitenhieb auf die ihm über die Schultern guckenden Zensoren.

Man mag hier die dramaturgische Dynamik aus «Der Verrückte des Zaren» oder die kühnen historischen Spiegelungen aus «Professor Martens' Abreise» vermissen. Dennoch fügt Kross diese Lebensgeschichte vor dem aus zeitgenössischem Quellenmaterial geschöpften Hintergrund zu einem packenden Romanwerk, dessen Reize sich im Mass vermehren, wie die Konstellation von historischer Tiefenschärfe und unterschwelligem Eigenleben der Subtexte an Brisanz gewinnt. -- Dieser Text bezieht sich auf eine andere Ausgabe: Gebundene Ausgabe .

Kurzbeschreibung

Ein großes europäisches Geschichtsepos und zugleich der Bildungsroman eines lebens-prallen Helden. Balthasar, eine authentische historische Figur aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts und Verfasser einer Chronik von Lyfflandt, wird nicht nur zum Zeugen und Chronisten der politischen Intrigen und sozialen Umwälzungen einer aufregenden Epoche, sondern ist auch selbst in seinen existentiellen Widersprüchen mit Haut und Haar in die Geschichte seiner Zeit verstrickt. Dieses Epos vom Kampf um die estnische Unabhängigkeit steckt, obwohl es vor rund vierhundert Jahren spielt, voller Bezüge zur baltischen Geschichte unseres Jahrhunderts.


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Die hilfreichsten Kundenrezensionen
9 von 9 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
1 1/2 Tausend Seiten nahe an der Historie - und das in einem sonst leider nicht so oft behandelten Land zu einer grandiosen Zeit. Spannend und tiefgründig geschrieben, ohen dabei langatmig zu werden. Man kann sich alle Fakten sehr gut vorstellen und wird das Werk nicht aus der Hand legen. Vielleicht nicht, weil es spannungsmäßig vorantreibt, sondern weil es einfach entspannend zu lesen ist und man sich so erstklassig in diese Zeit & Thematik 'reinversetzen kann. Also für alle, die Spass am historischen Lesen haben.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Wunderbar! 11. April 2003
Von Ein Kunde
Format:Gebundene Ausgabe
Ein dickes Buch - spannend von der ersten bis zur letzten Seite. Literatur, wie sie mir gefällt - nicht mit der heissen Nadel gestrickt, sondern wunderbar einfühlsam und intensiv geschrieben, gut recherchiert und somit sehr detailgetreu. Ein spannendes Gemälde des 16. Jahrhunderts.
Jedem, der sich für die Geschichte unseres Kontinents und nicht zuletzt dafür interessiert, wie gross der deutsche Einfluss mit allen seinen positiven, aber auch sehr negativen Seiten, auf weite Teile Europas war, würde ich diese Lektüre empfehlen. Zumal sie uns mit Estland ein Land näher bringt, das - ganz zu Unrecht - lange Zeit fast völlig aus unserem Blickwinkel verschwunden war. Ich habe beim Lesen richtig Lust bekommen, das kleine Land im Norden einmal zu besuchen.
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8 von 8 Kunden fanden die folgende Rezension hilfreich
Ein rechter Schmöker 5. Januar 2003
Von Ein Kunde
Format:Taschenbuch
Auch wer mit Estland nichts zu tun hatte oder zu tun hat, ja selbst wer gar nicht recht weiß, wo Estland liegt, ist nach der Lektüre dieses Buches um einige Lesestunden reicher. Scheut man zuerst vor der Dicke des Schinkens zurück, liest man die ersten Seiten - und ist gefangen bis zum letzten Wort.
Wer in Deutschland ist sich heute noch bewußt, wie weit in den Nordosten Europas der Einfluß deutscher Kultur reichte? Wer kennt noch die Ortsbezeichnungen Reval, Dorpat, Pernau, Ahrensburg, Wesenberg, Weissenstein ...?
Kross, der auch von den Esten als derzeit wohl größter lebender Schriftsteller estnischer Sprache geachtet wird, bringt eine Geschichte zum klingen, die bis heute aus den Steinen Tallinns (Revals), Tartus (Dorpats, der Universitätsstadt, die im Mai 2002 ihr 370jähriges Jubiläum als Hochschulstadt und ihr 200jähriges als einziger Uni deutscher Sprache im russischen Kaiserreich feierte), Kuressaares (Ahrensburgs), Rakveres (Wesenberg), Paide (Weissenstein, der Heimat von Hermann Hesses so geschätztem Großvater) regelrecht schwitzt.
Der Leser wird gereizt sein zu erfahren, was es mit dem "Verrückten des Zaren" und mit anderen Werken von Kross auf sich hat. Er wird mit großer Literatur aus einem kleinen Land belohnt.
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