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Alexander Lernet-Holenia in einer Biographie von Roman Rocek
Von Rüdiger Görner
Allein der Name: Alexander Maria Norbert Lernet (ab 1920 auch noch Holenia nach dem Mädchennamen seiner Mutter, Sidonie, verwitwete Freiin von Boyneburgk-Stettfeld), ein Name, klangvoll genug, um für mindestens zwei Leben zu reichen, ein bürgerlich-aristokratischer Name und Künstlername in einem, ganz und gar «kakanisch», aber auch ein unheilvolles Omen verbergend, an dem dieser österreichische Dandy, wenn es je einen gab, sein ganzes Leben zu leiden hatte. Die Unsicherheit seiner Herkunft quälte ihn, Mütterlicherseits fand er sich tief im Kärntischen verwurzelt; das Familiengeäst reicht bis Spanien, Böhmen und Ungarn. Mutter Sidonie hatte in zweiter Ehe, auffallend knapp vor der Geburt ihres Alexander, den Linienschiffleutnant Lernet geheiratet und sich bald wieder von ihm getrennt. Allem Anschein nach war diese Heirat eine klassische Habsburglösung; denn der eigentliche Vater des künftigen Dichters dürfte Erzherzog Karl Stephan gewesen sein, ein Habsburger mit Sinn für Fragen der Torpedowaffen, ganz wie der Fähnrich Lernet im «Marinetechnischen Comite», den man im Frühherbst 1897 zum Strohgattendienst abkommandiert.
ORAL HISTORY
Lernet-Holenias erster Biograph, Roman Rocek, ausgewiesener Kenner des Gesamtwerkes und Herausgeber sämtlicher Gedichte dieses zeitlebens streitbaren erzösterreichischen Schriftstellers, lässt sich ausgiebig in diese Vorgeschichte ein, eben weil sie für den Dichter ein Hauptproblem geblieben ist. Rocek schöpft jedoch nicht nur aus seinem archivarischen Wissen, sondern auch aus dem Fundus seiner eigenen Erinnerungen an Lernet-Holenia sowie aus den mündlichen Überlieferungen seiner Freunde. Entsprechend versteht dieser Biograph seine Arbeit als ein Plädoyer für die Oral history, die seine Biographie dieses kauzig-skurrilen, über die Massen produktiven Schriftstellers lebendig macht.
Was sonst nur Katzen sprichwörtlich zukommt, nämlich neun Leben, schreibt Rocek auch Lernet-Holenia zu: Vorleben, Zeit bei den Dragonern, Zwischenleben (die Förderung des jungen Dichters durch Hermann Bahr und Rilke), der Stückeschreiber, der Erzähler, Lernet-Holenia im Nationalsozialismus, das «Wiedererwachen des Abgelebten» nach 1945, der streitbare frühe Repräsentant der Zweiten Republik, schliesslich Lernets Weg ins «Nachleben». Im Grunde widerspricht Roceks These von den «Neun Leben des Alexander Lernet-Holenia» jedoch dem, was seine Biographie veranschaulicht: die hartnäckige Konsistenz dieses Schriftstellers, sein Beharren auf rebellischem Anachronismus, sein «linker» Monarchismus bei gleichzeitiger scharfer Kritik am Hause Habsburg, seine Verachtung ideologischen Denkens (geschweige: Schreibens). Was immer man von Lernet-Holenias zu vielen Romanen und zum Teil unsäglichen Stücken hält (Rocek urteilt durchweg erfrischend kritisch und nicht als Apologet), eines wird man ihm nicht absprechen können: seine Lust am Unkonventionellen, seine Zivilcourage. Dazu gehörten Selbstironie und Dauerbohème, während seiner letzten zweieinhalb Lebensjahrzehnte in einer «Ehrenwohnung» in der Wiener Hofburg.
Durch diese Biographie erleben wir einen Schriftsteller, der seine Texte meist in Bewegung konzipierte, der schwimmend zu seinen Stoffen gelangte, auf der Ruderbank, während Strassen- und Eisenbahnfahrten, ein Dichter, der Schreibtische nicht mochte, den Bücher störten, ein Aufklärer, der dem Spiritismus fallweise zugeneigt war, einer, der sich mondän gab, elegant auftrat und sich insgeheim danach sehnte, ein Pindar zu sein, ein Horaz, bei dem die Grossen eine Ode in Auftrag geben.
Er dichtete im Schatten Rilkes, hymnisierte im Stile Hölderlins, polemisierte wie ein Karl Kraus, setzte als Komödiendichter (1926 mit dem Kleist-Preis ausgezeichnet) Nestroy fort, schulte seine Prosa an jener von Leo Perutz, wollte Hofmannsthal nahe sein und Doderer fern. Er konnte sich clownesk benehmen oder zugeknöpft geben, ein Reiter mit Monokel von vergessenen Schwadronen, ein Don Quijote fürwahr, der sich mit österreichischen Finanzämtern anlegte, als einer der ersten die «grüne Politik» entdeckte, die touristische Erschliessung seines geliebten Salzkammerguts geisselte, in erster Linie jedoch deswegen nach 1945 in Österreich unbequem wurde, weil er die Selbstgerechtigkeit anprangerte, mit der in der Zweiten Republik Vergangenheitsverdrängung betrieben wurde. Er sprach von Schuld, Scham und Ekel angesichts dessen, was in braunen Jahren geschehen und was nach 1945 an Infamie wieder salonfähig war. Bitter kritisierte er das Verhalten des Westens, die Politik der Entnazifizierung, die er selbst im Auftrage der Amerikaner in St. Wolfgang auszuführen hatte, aufzugeben, weil man gewisse Nazis, ob in Wirtschaft oder Wissenschaft, gegen die kommunistische Bedrohung brauchte.
Roceks Biographie zwingt dazu, unser herkömmliches Bild von Lernet-Holenia (sofern es ein solches im allgemeinen Leserbewusstsein noch gibt) zu revidieren. Denn dieses Bild sieht so aus: ein Herrenreiter, von elitärer Gesinnung, der nach 1938 mühelos umsatteln konnte (abermals 1945), einer, der sich im Zweiten Weltkrieg unabkömmlich stellen liess und als Leiter der Heeresfilmstelle übermässig Privilegien genoss. Rocek belegt, dass es unzulässig ist, so zu argumentieren. Er verweist darauf, dass die Nazis schon früh Lernet-Holenias spielerisches Schreiben als Produkt des «zersetzenden Ungeistes jüdischer Rationalität» bezeichnet hatten. Die Angriffe der Nazis auf Lernet-Holenia lassen sich mit Rocek auf Äusserungen des völkischen Germanisten, Adolf Bartels, bis auf das Jahr 1928 zurückverfolgen. Das «Kulturpolitische Archiv» bescheinigt Lernet-Holenia 1935, dass seine Texte «für nationalsozialistisches Publikum untragbar» seien.
Den eigentlichen Krisenfall jedoch lieferte sein Roman «Mars im Widder», ein Musterbeispiel dessen, was Rocek «die Kunst der subversiven Anspielung» in Lernet-Holenias Schaffen nennt und von der Bühne des Wiener Volkstheaters in den Roman transponiert hat. Ein kriegerischer Antikriegsroman, der die Vorbereitungen zum Polenfeldzug aus der Sicht des österreichischen Reserveoffiziers Wallmoden zeigt. Für den schreibenden Offizier, Lernet-Holenia, ist das Oberkommando der Wehrmacht erste Instanz für die Druckerlaubnis für Manuskripte. Im Juli 1940 erteilt das OKW diese Erlaubnis für Lernets Roman, der inzwischen in gekürzter Fassung in der Zeitschrift «Dame» vorabgedruckt wird. Ein knappes Jahr später erwirkt Goebbels die Aufhebung dieser Erlaubnis. Er erkennt den Widerstandscharakter des Romans, dessen Autor ihm schon länger suspekt erschien. Denn der Roman straft die offizielle Propaganda Lügen, indem er zeigt, dass der Überfall auf Polen von deutscher Seite minuziös geplant war. Überdies musste Goebbels die apokalyptisch-makabre Vision Wallmodens vom Zug der Krebse verdächtig unsoldatisch vorgekommen sein und auf phantastische Art wehrkraftzersetzend.
SNOB UND OPPORTUNIST
Minuziös zeigt Rocek, wie im Sommer 1941 zwei Entwicklungen im Leben Lernet Holenias parallel verlaufen: Des «Mars im Widder» wegen fällt er in Ungnade, erhält jedoch knapp zuvor von Goebbels den Auftrag, das Drehbuch für den Bismarck-Film «Die Entlassung» auszuarbeiten, das er für seinen Freund und Nachbarn am Wolfgangsee, Emil Jannings, skizziert hatte. In diesem Zusammenhang erfolgte denn auch seine Ernennung zum Leiter der Heeresfilmstelle, ein Ort des Überlebens, wie Friedrich Luft meinte, ein Äquivalent zu jenem legendären Heeresarchiv in Wien, in dem während des Ersten Weltkrieges manche Dichter und Intellektuelle «überwinterten» (darunter zeitweise auch Rilke). Rocek betont, dass Lernet-Holenia erst sehr spät «unabkömmlich» gestellt worden ist (am 13. Januar 1943); sein eigentlicher Fund jedoch ist, dass mit grosser Wahrscheinlichkeit der Vater von Lernets damaliger Freundin, Eva Vollbach, seiner späteren Frau, bei Göring wiederholt um Intervention für den Schriftsteller gebeten hat. (Adolf Vollbach war einer von Görings bevorzugten Jagdfreunden gewesen.) Die entscheidende Problematik bleibt jedoch weiterhin offen: Als Leiter der Heeresfilmstelle hat sich Lernet-Holenia für ein Regime exponiert, das ihm andererseits verhasst war. Er hat für Filme verantwortlich gezeichnet, die als Durchhaltefilme vom Schlage «Die grosse Liebe» mit Zarah Leander (1942) vom Propagandaministerium eingesetzt wurden. Das eben ist das Kuriose an diesem Schriftsteller, dass er Opportunist war und Snob, Überlebenskünstler und ein vom widrigen Dasein Angeekelter.
Man muss schon jedes Paradoxon aufbieten, um Lernet-Holenia zu beschreiben. Die innere Emigration wählte er nicht; sie war ihm zu wenig auffällig. Wirken wollte er; die Lust am Skandal hatte ihn auch in den braunen Jahren nie verlassen, für ihn, Lernet-Holenia, den opportunistischen Rebellen und anachronistischen Chronisten seiner Zeit, spricht jedoch, dass er unmittelbar nach dem Kriege eine Dichtung vorgelegt hat, seine Hymne «Germanien», die mit ungebrochener, ja gesteigerter Sprachkraft das Thema «Schuld» mit einer Folgerichtigkeit behandelt, die in der sogenannten Trümmerliteratur nicht ihresgleichen hat.
Im Nachkriegsösterreich wurde er zum Aushängeschild des literarischen Lebens. Hans Weigel witzelte damals, dass die österreichische Literatur aus zwei Schriftstellern bestehe: aus Lernet und Holenia. Er wurde zum Autokraten in der Republik des Geistes, aber ohne Amt. Schliesslich überredete man ihn, den Vorsitz im österreichischen PEN-Klub zu übernehmen. Er tat's und polterte, polarisierte, entgleiste mehr und mehr. Eklat folgte auf Eklat: Gegen die Verleihung des Nobelpreises an Heinrich Böll protestierte er vehement, weil sich dieser mit der Baader-Meinhof-Terrorgruppe abgegeben hatte, und erklärte seinen Austritt aus dem PEN. Bedenklich geradezu waren seine Auslassungen in Buchform über die «Geheimnisse des Hauses Österreich», dessen Scheitern er allen Ernstes auf die Vermischung habsburgischen Blutes mit dem der Lothringer schob und das Ende der fünfziger Jahre!
Wie aber soll man sich den unbändigen Zorn dieses alten Mannes erklären, gegen den sich ganze Autorengruppen des jungen Österreich von Mayröcker bis Jonke und Kolleritsch empörten? Sprach aus ihm die bittere Enttäuschung darüber, dass er dazu verurteilt war, ein Letzter zu sein mit unsicherer Herkunft und wenig Zukunft, ein Resteverwerter der kakanischen Literaturtradition, einer, der sich zerfasern musste zwischen dem Anspruch, nach antikem Vorbild dichten und wie Chesterton Kriminalromane schreiben zu können? Oder schwingt in seinen späten Tiraden gegen alles und jeden nicht auch Groll gegen sich selbst mit, Ärger darüber, dass er selbst zeitweise eben doch ein Mitläufer in brauner Zeit gewesen war?
Lernet-Holenia interessiert heute als Fall. Seine Kontroversen mit Gottfried Benn über den Wert der Lyrik dürfen noch eine gewisse Beachtung beanspruchen (aber wohl nur auf Grund der souveränen Entgegnungen Benns), eine Handvoll Romane, immerhin erstaunlich viele seiner Gedichte. Aus heutiger Sicht steht dieses austriakische Chamäleon zwischen Kitsch und Kunst, Gebrauchsnovellistik und phantastischem Realismus, Urteilsfähigkeit und Anmassung. Eine Grunderfahrung des Postmodernen hat er dabei vorweggenommen. In den Worten seines Wallmoden: «Dieses Nebeneinander war das sonderbarste. Aber es gab immer wieder nur dieses Nebeneinander.» Eben auch das Nebeneinander von anspruchsvollem Niveau einerseits und geschmacklosem Kolportageserialismus andererseits. Seine Theatralik, sein allürenhaftes Auftreten war im Grunde melancholischer Natur. Aber in seiner Hassliebe zum Österreichischen fand er einen gründlichen Testamentsvollstrecker, und zwar ausgerechnet in einem jener «jungen Querulanten», denen er als Vorsitzender des PEN ebenso gründlich misstraut hatte: Thomas Bernhard.
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