»Ist Glück machbar? Schon die Antwort macht glücklich: ja! Denn jetzt ist empirisch bewiesen, daß wir unser Glück tatsächlich 'machen' können, es ist erlernbar - wenn wir bereit sind, alte Vorstellungen büer Bord zu werfen. Geld, Faulsein, die schönen Dinge des Lebens genießen: Die drei Eckpfeiler konventioneller Glückskonzepte bringen es nämlich nicht. Nur 16 Prozent aller Deutschen bezeichnen sich als glücklich, und das, obwohl uns alle Möglichkeiten - vom Freizeitpark bis zum Klosterseminar - offenstehen. Selbst in Bangladesh ist man besser drauf als hier: Bei einer weltweiten Umfrage, wo die Menschen am glücklichsten sind, landete Deutschland abgeschlagen auf Platz 33. Was uns fehlt, bringt Mihaly Csikszentmihalyi (sprich: Tschik-sent-michali) auf den Punkt: 'flow' (engl.: fließen). Jene völlige Konzentration auf eine Tätigkeit, die alles andere um uns herum versinken läßt. Seit mehr als 30 Jahren erforscht der amerikanische Psychologieprofessor das höchste der Gefühle und hat jetzt seine gesammelten Erkenntnisse veröffentlicht, wann, warum und wie 'flow' entsteht und wie man es gezielt fördern kann. Herz, Wille und Geist sollen mit einer Stimme sprechen. Beispiel: Sie spielen Tennis. Im Idealfall denken Sie an nichts außer den Ball, das Netz, den Schläger. In Ihrem Kopf ist kein Raum für widerstreitende Gefühle, Gedanken an den Job, Sorgen um die Familie. Sie sind eins mit sich und der Situation. "Die Ziele und Handlungsregeln ermöglichen es dem Spieler zu handeln, ohne sich zu fragen, was er tun und wie er es tun sollte", erklärt Csikszentmihalyi. "Im Unterschied zu dem, was uns allzuoft im Alltag widerfährt, befinden sich unser Fühlen, Wollen und Denken in diesen Augenblicken in Übereinstimmung." Was man tut - Tauben züchten, Auto fahren, einen Gobelin weben --ist dabei relativ egal. Wie man es tut, ist entscheidend. 'Flow' bei der Arbeit gibt es häufiger als 'flow' in der Freizeit. Den Glücksforscher wundert das nicht: "Situationen, die hohe Anforderungen an uns stellen, große Fähigkeiten verlangen und von Gefühlen der Konzentration, Kreativität und Befriedigung begleitet werden, ergeben sich eher am Arbeitsplatz als zu Hause." Außerdem habe Arbeit einen gewissen Spielcharakter und klare Zielvorgaben und gebe Feedback, in dem man entweder erkennt, daß man seine Sache gut gemacht hat, oder gelobt wird. Allerdings bringt nicht jede Tätigkeit automatisch das ersehnte 'flow'. "Überfordert uns eine Aufgabe, reagieren wir erst frustriert, dann besorgt und schließlich ängstlich. Ist eine Anforderung im Verhältnis zu den eigenen Fähigkeiten zu leicht, ist man erst entspannt und dann gelangweilt." Mehr arbeiten macht also nicht glücklicher. Seinen Job so zu gestalten, daß er optimal zu den eigenen Fähigkeiten paßt, dagegen schon. Auch Freunde bringen 'flow'. Sie liefern Anregungen für Herz und Verstand, gemeinsam probiert man neue Dinge aus, entwickelt Ideen, hat Spaß, bewältigt Probleme. Soziale Kontakte gehören zu den besten Erfahrungen, die 'flow' bringen. Erstaunlich: Selbst ein Kaffeekränzchen wirkt anregender auf die persönliche 'flow'-Bilanz als passives Fernsehen. "Es gibt keine einfache Formel für Glück", schränkt Csikszentmihalyi ein. Dennoch könnten sich viele 'flow'-Erlebnisse zu einem erfüllten Leben summieren. Also einfach mal nachdenken, welche täglichen Beschäftigungen man als 'flow' empfindet - und ihre Häufigkeit gezielt erhöhen.« KST (Vital, 01.05.1999) »Die Anleitungen für ein glückliches und gutes Leben sind so unterschiedlich wie die Rezepte für einen leckeren Schokoladenkuchen. Jeder schwört auf seine eigene Erfolgsformel. Hier eine Brise mehr, da ein I-Tüpfelchen weniger. Kein Wunder also, daß neben Kochbüchern vor allem psychologische Erkenntnisgewinne und Lebenshilfe große Nachfrage und fetten Umsatz im Handel garantieren. Die Losung lautet vielfach: Der schnelle Ratgeber als Ersatz für die mühsame persönliche Selbsterkundung. In der tosenden Menge von Glücksuchern und Erfolgstrommlern lernt man bisweilen aber auch ruhigere und kompetentere Zeitgenossen kennen. Ein solcher ist der ungarische Psychologe Mihaly Csikszentmihalyi, der an der Universität Chicago lehrt und hierzulande in den letzten Jahren eine treue Lesergemeinde um sich geschart hat. Sein neuester Titel "Lebe gut" fordert die Leser dazu auf, sich nicht mit dem Erreichten zufriedenzugeben, ins Bequeme abzutauchen und das Berufsleben vor sich hinplätschern zu lassen. Zahlreiche Untersuchungen haben gezeigt, daß Berufstätigkeit oder Lernen die größten Hemmnisse für Glück und Motivation seien. Unzufriedenheit mit der Arbeit sei demzufolge weiter verbreitet als angemommen. Gegenmittel: zielbewußt, bereitwillig und in Demut der Fron des Arbeitsalltags begegnen. Dann erreiche man jenen Zustand, den der Autor flow nennt, eine Art blitzartiger Augenblick intensiven Lebens vor dem glanzlosen Hintergrund mausgrauen Arbeitsalltags. "Man ist in seinem Element, man verliert jedes Zeitgefühl, man ist völlig hingerissen, völlig gefesselt von dem, was man tut." Und dies sei nicht nur berühmten und erfolgreichen Menschen vorbehalten, sondern gelte "genauso für Klempner, Rancher und sogar für Fließbandarbeiter". Denn die äußeren Bedingungen sind nicht entscheidend für den Anteil unserer Arbeit an einem glücklichen Leben. Csikszentmihalyi hebt sich wohltuend von jenen Glücksaposteln ab, die alles im Leben für erreichbar halten, wenn man nur fest daran glaubt. Flow bekommt man nicht geschenkt, man muß es sich erarbeiten, privat und im Beruf. Ein kluges und weises Buch, das mit den esoterisch angehauchten Lebensweisheiten grundlegend aufräumt und sehr klare Lebenshilfe im besten Sinne des Wortes betreibt.« lix (Süddeutsche Zeitung, 27.02.1999)