Ein schwuler junger Engländer kommt am Vorabend des Dritten Reichs nach
Berlin-Schöneberg, Motzstrasse. Das ist am Nollendorfplatz und ist das
Epizentrum der damals noch verbotenen Homosexuellen. Wohnt bei Frau Schröder
und das praktische daran ist: Die Frauen sprechen mit ihm von Frau zu Frau.
Und mit den Männern kann er von Mann zu Mann reden. Als Frau Schröder gehört
hat, dass er mal Medizin studiert hat, erzählt sie ihm sofort von ihren Sorgen
mit ihrem umfangreichen Busen und wie sie den verkleinern möchte.
Es wohnen noch weitere Leute in der Pension Schröder und eine , die immer ganz
züchtig die Augen niederschlägt, wenn er ihr auf dem Weg zum Bad begegnet,
aus dem sie gerade kommt, geht auf 'n Strich. Er gibt Englischunterricht bei
reichen Damen in Grunewald. Eine Schülerin schildert er so:
'Sie ist mir gegenüber neugierig, aber nur wie eine Kuh, die ihren Kopf durch
ein Gattertor steckt. Es liegt ihr im Grunde nichts daran, dass das Tor geöffnet werde.'
Es ist ein Episodenroman und die Kapitel heissen:
I Berliner Tagebuch
II Sally Bowles
III Auf Rügen
IV Die Nowaks
V Die Landauers
VI Berliner Tagebuch
Durch seinen unvoreingenommenen Blick als Engländer, seine Beobachtungsgabe als
Schriftsteller, seine intellektuellen Freunde, darunter W.H.Auden und Stephen
Spender und last but not least durch seine schwulen Kontakte, und seine Englisch-
stunden bekommt er ein gutes Bild vom Berlin am Vorabend des grossen Unglücks.
Wie, welches Unglück ?
Er fährt nach Rügen:
'Neulich sah ich ein splitternacktes etwa fünfjähriges Kind , das mit geschulterter
Hakenkreuzfahne mutterseelenallein vor sich hinmarschierte und ' Deutschland Deutschland
über alles' sang.'
Er zieht öfter um und wie die soziale Wirklichkeit in Kreuzberg am Kottbusser Tor aussah,
zeigt der Weg zum Klo den man abends zu bewältigen hatte:
Auf vier Wohnungen kam eine Toilette und seine lag einen Stock tiefer:
' Wenn ich vor dem Schlafgengehen ein Bedürfnis hatte, musste ich eine wahre Reise unternehmen :
durch das dunkle Wohnzimmer zur Küche, um den Tisch herum, ohne gegen das Kopfende von Nowaks
Bett anzurennen oder gegen das Bett zu stossen, in dem Lothar und Grete schliefen. Wie vorsich-
tig ich mich auch bewegte, - Frau Nowak wachte immer auf;
sie schien mich im Dunkeln zu sehen und brachte mich durch höfliche Anweisungen in Verlegenheit:
'Nein, Herr Christoph, nicht da, - bitte. Links in den Eimer am Herd.'
Er hat einen Freund, Peter, der durch Europa reist, um sich psychoanalytisch behandeln zu lassen.
Und er hat ' seinen' Freund, Otto, ein echtes berliner Proletarierkind.
Peter: 'Otto war ganz entsetzt, als ich ihm von dem Analytiker erzählte.
'Was?', sagte er, 'Sie geben dem Mann fünfzehn Mark am Tag, damit er sich von Ihnen was erzählen
lässt? Geben Sie mir zehn, und ich erzähl' Ihnen den ganzen Tag was und die Nacht noch dazu!'
Peter schüttelte sich vor Lachen, lief puterrot an und rang die Hände.
So merkwürdig es klingt: Es war garnicht so töricht von Otto , an Stelle des Analytikers
sich anzubieten. Wie viele durchaus sinnliche Menschen verfügt er über eine beträchtliche
instinktive Heilfähigkeit- sofern er sich dazu entschliesst, sie zu gebrauchen. Dann be-
handelt er Peter unfehlbar richtig.
Sitzt Peter zum Beispiel zusammengekrümmt am Tisch, den herabgezogenen Mund von kindlicher
Angst verzerrt, ein vollendetes Abbild seiner verdrehten, kostspieligen Erziehung, dann
kommt Otto herein, grinst, macht seine Grübchen, stolpert über einen Stuhl, gibt Peter
einen Klaps auf den Rücken, reibt sich die Hände und sagt albern:
' Ja, ja... so ist die Sache!'.
Im Nu ist Peter wie verwandelt. Er entspannt sich, nimmt wieder eine natürliche Haltung an;
sein Mund ist nicht mehr so verkniffen, seine Augen verlieren den gehetzten Blick . Solange
der Zauber wirksam ist, macht er durchaus den Eindruck eines normalen Menschen.'
So, jetzt erstmal wieder den Soundtrack von 'Cabaret'
reinziehen. Ladies & Gents, I beg Your Pardon.