Nach sieben Jahren kehrt Natalie Merchant in ein Studio zurück und veröffentlicht ein Album, das einen Höhepunkt ihrer Karriere markiert. Mit über 130 Musikern vertonte sie sechs Jahre lang Gedichte, die sich mit dem Thema "Kindheit" auseinandersetzen.
"Ich konnte keine eigenen Songs mehr schreiben", entgegnete Natalie Merchant in einem Interview, auf die Frage, warum sie auf ihrem neuen Studioalbum Gedichte vertont. "Um eigene Songs zu schreiben, hätte ich mich abkapseln und komplett von der Welt zurückziehen müssen und in meiner derzeitigen Situation war das vollkommen unmöglich", verriet sie dem Musikmagazin Rolling Stone. Mit den Worten "derzeitigen Situation" spricht die 1963 in Jamestown (New York) geborene Sängerin von ihrer Tochter, die 2003 zur Welt kam. Im selben Jahr veröffentlichte sie ihr letztes Album mit regulären Studioaufnahmen "The House Carpenter's Daughter", auf welchem sie bekannte Traditionals und Songs aus der damals aktuellen Folk-Szene coverte. Ursprünglich habe sie mit dem neuen Projekt ein Album mit Kinderliedern veröffentlichen wollen. Schnell verwarf sie jedoch diesen Gedanken und begann die sechsjährige Arbeit an dem Mammut-Werk "Leave your Sleep".Letztendlich wich Merchant jedoch nicht weit von ihrer ersten Idee ab: Anstatt ein Album für Kinder zu machen, produzierte sie ein Album über Kinder.
Sie selbst nennt dieses Projekt ihr aufwändigstes und persönlichstes Werk: Insgesamt 26 Gedichte des frühen 20sten Jahrhunderts, die sich mit dem Thema der Kindheit beschäftigen, finden sich auf dem Doppelalbum zusammen. Dabei beschränkte sie sich nicht auf bekannte Lyriker, sondern suchte gezielt nach Gedichten, die zu ihrem Konzept passten. So beinhaltet die CD unter Anderem Werke von Robert Louis Stevenson, Edward Lear, Christina Rossetti, Robert Graves und Ogden Nash. "Zunächst hatte ich geplant ein Album mit Wiegen- und Kinderliedern aufzunehmen, doch dann fragte mich meine Tochter eines Tages was mit den Menschen passiert, wenn sie sterben. Ich beschloss ihr diese und andere Fragen musikalisch zu erklären", erzählte Merchant gegenüber dem Billboard-Magazine. So war geplant das Album zunächst in zwei Teilen zu veröffentlichen, die in einem Abstand von einem halben Jahr erscheinen sollten. Das Management riet jedoch davon ab, da auf diese Weise das Konzept des Albums leiden könnte.
Die folgenden fünf Jahre scharte die ehemalige Frontfrau der 10.000 Maniacs über 130 Musiker aus der Umgebung New Yorks um sich und nahm das Album ausschließlich in Live-Sessions auf. Dabei arbeitete sie mit bekannten Ensembles wie dem Wynton Marsalis Quintett, den New Yorker Philharmonikern und dem Chinese Music Ensemble of New York zusammen. Merchant blickt zufrieden auf diese Zeit zurück. Es habe sie ungemein inspiriert mit diesen großartigen Musikern zusammenzuarbeiten, verriet sie in einem Interview.
"Leave your Sleep" zeichnet sich besonders durch seine Vielschichtigkeit aus: Es gibt keine einheitliche Musikgattung, der man das Album zuordnen kann. In diesem Fall verhält sich Pop zu Country wie Blues-Rock zu chinesischer Volksmusik. "Wir wollten einen frischen, facettenreichen Sound kreieren, um zu zeigen, wie vielschichtig die Kindheit sein kann", erklärte Co-Produzent Andres Levin. Beiden ist es gelungen ein breites Spektrum an unterschiedlichsten Musikstielen zusammenzustellen. Besonders fällt jedoch auf, dass Merchant auf diesem Album einen Hang zur Irish-Folk Musik entwickelt hat. So klingt es bei dem treibenden "Calico Pie", dem friedlichen "Sleepy Giant" oder dem schunkelnden "Adventures of Isabel" wie in einem Irishen Pub, wo das Guinness in Strömen fließt. Durch die reine musikalische Vielfalt erreicht sie eine Gegenüberstellung von unterschiedlichsten Eindrücken. So prallen exotische Klänge wie von "King of China's Daughter" oder das mit indianischen Klängen angehauchte "Indian Names" mit dem souligen "The Peppery Man" aufeinander. Und der Pop Song "Griselda" sieht sich dem erdigen Blues "Janitor's Boy" gegenüber, wenn Merchant " Oh I'm in love with the Janitor's boy / And the Janitor's boy loves me" in das Mikro haucht. Allein das unbeholfene "Topsyturvey-World" geht in endloser Banalität aus Karibik-Percussion und zu lustig gezupften Mandolinen unter.
Besonders hervorzuheben sind die Jazz-Nummer "The blind Men and the Elephant", die sich durch erstklassige Musiker und intelligente Instrumentierung auszeichnet, die dem Stück eine mid-50er Patina verleiht, wie sie authentischer kaum sein kann; sowie die in jenseitige Harmonien gekleidete Ballade "Spring and Fall: To a young Child", die einem Kind den Tod eines Familienmitgliedes erklären soll. Wehmütig singt Merchant: "Ah! As the heart grows older / It will come to such sights colder / By and by, nor spare a sigh / Though worlds of wanwood leafmeal lie."
Die über 100-minütige Platte ist ein Spiegel der Kindheit. Sie malt ein gestochen scharfes Bild von Erfahrungen und Eindrücken, die Kinder in der Welt sammeln: Freude, Einsamkeit, Liebe und Tod. Für Merchant war der Aspekt der ersten Liebe besonders wichtig. "Mein persönlicher Favorit auf der CD ist 'Janitor's Boy'. Das Gedicht schrieb Nathalia Crane, als sie zehn Jahre alt war. Ich bin fasziniert von der Leidenschaft in diesem Werk" , so die Sängerin. Auf ihrem fünften Solo-Album und Debut beim Platten Label Nonesuch-Records führt sie all diese Fäden zusammen und beschert uns damit eine der besten CDs des gesamten Jahres 2010. "Mit diesem Album habe ich mir einen großen Traum erfüllt und ich bin glücklich ihn mit der Welt zu teilen", so Merchant gegenüber Billboard. Den Angaben ihres Managements zufolge werde man auf das nächste Album keine sieben Jahre warten müssen, da dieses bereits geschrieben sei