Gleich zu Beginn stirbt Brian Jones. Ein Bruch scheint mir das zu sein mit dem bisherigen Konzept der "League of Extraordinary Gentlemen", deren Welt sich bisher aus fiktionalen Charakteren zusammensetzte. Hier jedoch bekommen wir auch noch Mick Jagger zu sehen, dazu noch den Auftritt der Stones im Hyde Park, der im 1969 wirklich dort stattgefunden hat. Wobei dann auch wieder der historische Jagger hier bei Alan Moore mit dem Rockstar aus dem Film "Performance" (gespielt damals von Jagger selbst) verschmilzt. Und da in diesem Film auch noch Jaggers (und Brian Jones) Freundin Anita Pallenberg mitspielt, die hier in der "League" jetzt natürlich auch auftaucht, verschwimmt das mit Fiktion und Wahrheit komplett. So muss man hier nicht nur nach Referenzen aus Film, Fernsehen und Literatur suchen, sondern auch noch nach solchen aus der Wirklichkeit. Das macht das alles noch komplizierter - fast traut man sich nicht, eine Rezension zu verfassen, ehe man nicht die üblichen Anmerkungen von Jess Nevins zu jedem einzelnen Bild gelesen hat.
Aber Moore und sein Zeichner Kevin O'Neill spielen ja nicht nur mit Referenzen, sie erzählen auch eine Geschichte. Die Geschichten aus "League 1910" finden hier eine Fortsetzung. Man erfährt, was aus Nemos Tochter geworden ist (wenn auch nur kurz) und vor allem erfährt man ein wenig mehr über das "Moon Child" und die okkulten Projekte eines Oliver Haddo - oder sollte ich hier angesichts des oben gesagten Aleister Crowley sagen? Jedenfalls bieten dessen Aktivitäten hier den Hintergrund, vor dem sich die Protagonisten der "League" dann vor allem wieder mit sich selbst und ihren Beziehungen untereinander beschäftigen. Gefühlte sieben Jahrzehnte mit denselben Begleitern nerven die Beteiligten hier offensichtlich, und das mit dem Älterwerden ist offenbar selbst dann nicht einfach, wenn man doch eigentlich keinem Alterungsprozess unterworfen ist. Da mag man noch so sehr die hippen, kurzen Röcke der Endsechziger verwenden, um sich dem Zeitgeist anzupassen. Und so wird die Idylle einer Liebesbeziehung, die das "Black Dossier" noch für die 50er Jahre erzählt, hier nicht fortgeführt.
Dennoch ist der Großteil des Buches weit weniger düster geraten als die bisherigen Ausgaben. Ein Äquivalent zum Massaker in Londons East End am Ende des letzten Bandes fehlt hier. Und auch die Bilder haben hier mehr Farben, wirken irgendwie froher und glücklicher, und vielleicht finden sich die Helden gerade deshalb in dieser neuen Zeit nicht wirklich zu Hause. Am ehesten wirkt für den Leser hier noch der durchaus zwiespältige Blick der Serie auf das Thema Erotik vertraut, wo auf der einen Seite Erfüllung, auf der anderen Seite aber auch immer Gewalt und Missbrauch thematisiert wird. In diesem einen Punkt ändern sich die Zeiten offenbar nicht.
Zuletzt gibt es da noch diesen Ausblick auf den dritten, abschließenden Teil des Bandes, der im Jahre 2009 spielen wird. Wer wäre denn in diesem Jahr - also in unserer Zeit - das literarische Äquivalent zu den großen Meistern der populären Literatur des späten 19. Jahrhunderts, mit dem die "League" eigentlich begonnen hat? Wer ist heute so erfolgreich, berühmt, prägt durch seine Werke die Sicht vieler Menschen auf diese Welt und lässt sie von einer besseren träumen? Offenbar wird es ausgerechnet eine Figur von J.K. Rowlings sein, die für das Ende noch eine Rolle spielen wird.