Nach Merciers Nachtzug nach Lissabon" habe ich mit Spannung auf sein nächstes Werk gewartet und wurde nicht enttäuscht. Selten hat mich ein Buch - er selbst nennt sein Werk Novelle" - so gefesselt wie Lea".
In der Novelle schreibt Mercier über eine Vater-Tochter-Beziehung, die in ihrer Tragweite wahrscheinlich nur Väter empfinden können, die ihre Tochter so lieben wie Van Vliet in seiner Geschichte (Ich weiß, wovon ich spreche). Lea hatte schon früh ihre Mutter verloren und durch Zufall ihre Liebe zur Geigenmusik entdeckt, für die sie eine außergewöhnliche Begabung besaß. Ihr Vater tat alles, um die Begabung zu fördern, um damit die Liebe seiner Tochter zu gewinnen, die niemandem außer ihren Geigenlehrern Zugang zu sich gestattete,. Er ging dabei so weit, Geld zu veruntreuen, um ihr eine Guarneri zu kaufen. Obwohl Lea schon internationale Erfolge errang, fand sie real nie Boden unter den Füßen und kämpfte stets gegen ihre Furcht an, Teile der Partitur in Konzerten zu vergessen.
Die Geschichte konnte kein gutes Ende nehmen. Lea zerbricht an ihren Ängsten und zerstört die Geige, Van Vliet, der die Geschichte einem zufälligen Bekannten erzählt, landet im Gefängnis.
Ich las in manchen Rezensionen Einschätzungen wie Kitsch" und nicht spannend". Solche Beurteilungen kann ich nicht teilen. Das Buch ist hervorragend aufgebaut und außerordentlich spannend, wenn vielleicht auch nicht in der Art eines Thrillers.
Ferner ist einmal mehr Merciers Sprache zu loben und bewundern. Er ist einer der besten deutschsprachigen Autoren und weiß noch in Bildern zu schildern, die anderen in dieser poetischen Perfektion nur noch selten gelingen.
Dass ich dennoch nicht die volle Punktzahl vergebe, ist ein Verweis für den Carl Hanser Verlag, der noch immer nicht die neue Rechtschreibung benutzt. Ich empfinde das als Anmaßung all jenen gegenüber, die täglich mit der Sprache zu tun und beispielsweise Jugendlichen die korrekte Muttersprache zu lehren haben.