Aus der Amazon.de-Redaktion
Das Klischee vom Gauloise schmauchenden Schnauzbart mit Baguette und Rotwein unter dem Arm -- kurz blitzt es noch einmal vor unserem inneren Auge auf, dann aber packen wir es endgültig in die Abstellkammer. Denn hier ist der Soundtrack zu einem neuen Frankreich:
Le Tour entrollt mit einer unorthodoxen, spritzigen Kollektion die aktuelle Musik unserer Nachbarn mit all ihren liebenswerten Kanten. Kleine Geschichten von der nächsten Straßenecke treffen auf brodelndes Multikulti-Parkett, rotziger Alternative-Rock auf Afro-Reggae. Musette-Melodien werden punkig aufgemotzt, bei alldem das Chanson ungeniert als verpflichtendes Erbe anerkannt.
Da warten charmante Entdeckungen auf alle Frankophilen und jene, die es noch werden wollen: Vincent Delerm, ein aufgehender Stern des Nouvelle Chanson, enthüllt am Klavier seine Schwärmerei für Truffaut; Dominique A, Studiopartner des Amélie-Soundtrackers Yann Tiersen, mimt den Rockpoeten, während Luke -- ja, auch das können die Franzosen! -- selbstversunkenem, melancholischem Gitarrenpop huldigen. Speed-Folk mit kreisender Fiedel gibt es von den international schon gut eingeführten Louise Attaque; Les Hurlements D'Léo bringen das Nationalinstrument Akkordeon rasant auf Vordermann.
Mediterraner Spaß kommt von Zebda und dem Massilia Sound System, und in einer Vielvölkergesellschaft wie Frankreich darf der Blick auf den Schwarzen Kontinent natürlich auch nicht fehlen: Stellvertretend für die arabische Szene an der Seine erhebt der Raï-Rock-Pionier Rachid Taha seine rauchige Stimme, erstklassigen Reggae mit Wurzeln in der Elfenbeinküste gibt es von Tiken Jah Fakoly. Schließlich eine Überraschung auf der Zielgeraden: Der Chanson-Klassiker "Poupée de Cire..." von France Gall kommt ausgerechnet von den Schweizer Aeronauten und zeigt, wie unbekümmert die Vorliebe für Französisches Grenzen überquert. --Stefan Franzen
Ein leicht schlechtes Gewissen beschleicht mich ja doch immer bei meiner Begeisterung für Le Pop: Liebe ich tatsächlich Benjamin Biolay, oder liebe ich mehr das Gefühl, auf Gottes gesegnetem Kontinent zu leben, savoir vivre zu praktizieren im Gegensatz zur US-amerikanischen Grobschlächtigkeit? "LeTour" kann diese Zweifel nicht ganz zerstreuen. Gefeiert wird ein grenzenloses Frankreich, das längst nicht so alternativ ist, wie der Titel suggeriert. Viel arabische und nordafrikanische Einflüsse gibt es zu hören, viel klassisch-pathetischen Indierock, auch skurrile Ausreißer wie die schweizer Aeronauten. Also Musik, wie sie Les Negresses Vertes vor 15 Jahren gemacht haben: schön und gut und von der Zeit überholt. Die üblen Auswüchse der French-House-Welle muss man nicht toll finden; dass sich aber ein Großteil des französischen Pop-Selbstverständnisses der letzten Jahre auf dem Dancefoor entwickelte, hört man bei "LeTour" kaum - genauso wenig wie den riesigen Einfluss des französischen HipHop. (fis)
Der Künstler über die CD
Seitdem ich Mitte der Neunziger Jahre in meiner alten Heimat Konstanz begann, unter dem Titel "Tour de France" Partyabende mit französischer Musik zu veranstalten, bekomme ich eine Frage immer wieder gestellt: Kannst Du mir keinen guten Sampler empfehlen, auf dem diese Stücke zu finden sind?" Bislang musste ich immer verneinen: Denn wo gab es die eine Compilation, auf der Indierock von Dionysos, Ska-Knaller von Zebda und alternativer Folkrock von Louise Attaque zusammen zu finden waren?
So entstand die Idee, in Kooperation mit local records und Amazon.de eine eigene Compilation zu produzieren: leTour - the best in french alternative music.
Musikalisch liegt das Hauptgewicht auf dem französischen Alternative-Indierock der letzten Jahre. Ein kleiner Schritt in Richtung neues Chanson, etwas French Reggae und Ska, arabisches und afrikanisches runden das Ganze ab. Die Titel entstanden fast ausnahmslos in den letzten fünf Jahren, und ein beträchtlicher Anteil von ihnen war bis dato im deutschen Sprachraum noch gar nicht veröffentlicht. DJ Thomas Bohnet