Bei diesem Werk von Godin-Dunckel liegt die Sache anders als bei den meisten anderen ihrer Alben, da die Musik wie bereits im redaktionellen Amazon-Begleittext erläutert, zunächst als Soundtrack für den gleichnamigen Film komponiert, und erst nach der Vorstellung des restaurierten Films zu einem ganzen Album komplettiert wurde.
Aus diesem Entstehungsweg heraus fand ich es angebracht, nicht mit der CD, sondern mit dem Ansehen des auf der DVD enthaltenen Films zu beginnen. Die Geschichte über die mühevolle Wiederherstellung des Films begeisterte mich zusätzlich.
Das CD-Cover, der Mond mit der Projektil-Rakete im Auge, ist ein der Allgemeinheit mehr oder weniger bekanntes Bild, ganz im Gegensatz zum Film selbst. Dessen für heutige Verhältnisse äußerst schnell ablaufende Handlung (6 Männer werden per besagter Rakete auf den Mond geschossen, benehmen sich den dortigen Einwohnern gegenüber ziemlich daneben und müssen, kaum gelandet, auch schon wieder flüchten) spiegelt sich daher auch in der Musik.
Zur Verdeutlichung, und weil diese Info leider im ansonsten guten redaktionellen Teil fehlt: Der Kurzfilm besitzt 14 Minuten Länge - und das gesamte CD-Album lediglich ca. 31 Minuten! Freunde des gepflegten Abtauchens für längere Zeit sollten sich also vorsehen: Kaum begonnen, ist das Ganze auch schon wieder vorbei.
Das ging zwar auch mit dem Air-Frühwerk Premier Symptômes schon so (33 Minuten Gesamtdauer), allerdings fiel bei jenem Album der Wiedereintritt in die Atmosphäre der Realität ziemlich hart aus, da alles extrem entschleunigt, leise und unerreicht cool dahinschwebte, und man als verzückter Zuhörer noch nicht im Mindesten auf das Ende der Scheibe eingestellt war.
Mit Le Voyage Dans La Lune passiert dies gewiss nicht mehr. Air kommen angesichts des komprimierten Film-Handlungsstrangs einfach viel schneller auf den musikalischen Punkt, pulsierend, mit verdichteren, teils lautstärker miteinander verwobenen Klängen als bisher. Paukenschläge künden gleich zu Beginn des ersten Stücks Astronomic Club von der neuen Gangart. Auch das folgende Seven Stars gibt sich perkussionsbetont. Dennoch finden sich ruhigere Stücke: Retour sur Terre wäre eigentlich zu nennen. Eigentlich, weil es mit 33 Sekunden eben eigentlich nichts anderes als ein Intermezzo ist. Moon Fever, als 5. Albumtitel in der Mitte des Albums angesiedelt, ist wieder einer dieser unvergleichlich lässigen Titel unserer Freunde. Auch zu Beginn des Finales, Lava, lässt man es wunderbar beschaulich anfangen.
Air klingen zusammengefasst nach wie vor nach Air. Die typisch wabernden Keyboardpassagen, und die Pianokaskaden, die sich durch die Oktaven winden, gelegentliche Banjo-Begleitung gibt es auch hier zu hören, und man erkennt sofort, wem man da gerade zuhört. Doch es ist die Kombination aus schnellem Takt - einige Stücke laufen mit beschleunigtem Puls - gepaart mit lautem, an einigen wenigen Stellen fast schon gewaltig (gewalttätig, siehe Inhalt des Films) anmutendem Sound. Genau hier sind die Unterschiede für mich am deutlichsten zu Tage getreten. Schnellere Stücke an sich sind den Air-Fans nicht unbekannt. In dieser Deutlichkeit und Dichte aber treten sie aus ihrem bisherigen klanglichen Rahmen heraus. Dem aufmerksamen Leser mag es vielleicht nicht entgangen sein, dass ich ein Liebhaber der ruhigeren Air-Gangart bin. Trotzdem fand sich schnell ein Zugang zu diesem Album. Daher lautet meine Empfehlung: mit dem Film beginnen, danach die CD hören! Daher sollte vor dem Kauf nicht lange über-, sondern besser gleich das Doppelpack CD+DVD zugelegt werden!
Den Soundtrack für einen französischen Film zu kreieren, der bereits über 100 Jahre alt ist und auf einem solchen Ehrenpodest steht, ist auch für ebenfalls sehr erfolgreiche Künstler wie Air ein gewagtes Unterfagen. Insbesondere, wenn man mit seiner Musik längst etabliert und somit im Hinblick auf die Erwartungshaltung seiner Anhänger oftmals schon ziemlich festgelegt ist. Sich einerseits diesem Druck entziehen, stattdessen einfach machen zu können, was man machen möchte, ist mit Sicherheit eine große Herausforderung. Aber diese Aufgabe ist nicht nur würdig, sondern ausgesprochen kunstfertig erledigt worden. Zudem kann dieses Album bedenkenlos auch sehr laut gehört werden (was bisher nicht unbedingt meine Art Air zu hören war). Die Klangqualität ist als ordentlich zu bezeichnen, so dass als einziges echtes Manko nur die zu kurze Laufzeit übrig bleibt. Mir persönlich reicht dies aber nicht für einen Sterne-Abzug in der B-Note, zumal DVD + CD immerhin schon 45 Minuten ergeben!