In keiner anderen Komposition des zwanzigsten Jahrhunderts ereignet sich eine so harte musikalische Revolution wie in Le Sacre du Printemps (entstanden 1913, überarbeitet 1922 und 1943). Für ihren Komponisten Igor Stravinsky (1882-1971) war sie Segen und Fluch zugleich: So sehr ihn der frühe Ruhm dieser sensationellen Schöpfung empor getragen hatte, so sehr misslangen ihm bis zu seinem Tode alle Versuche, daran anzuknüpfen. Seine Eitelkeit und sein Ehrgeiz machten ihn zur tragisch-komischen Figur. (Wer mehr dazu erfahren möchte, der greife zu Alex Ross' Geschichte der modernen Musik "The Rest is Noise".)
Le Sacre du Printemps, die "Frühlingsweihe", wurde für das Ballett komponiert und löste bei der Uraufführung 1913 in Paris einen mittelschweren Skandal aus. Der war weniger dem inszenierten heidnischen Kult geschuldet, als vielmehr der tänzerischen und musikalischen Gestaltung. Mit Le Sacre du Printemps beginnt in einer extrem gedrängten Form etwas radikal Neues; das Stück ist unerhört polytonal, dissonant, polyrhythmisch und primitiv. Percussion und Blasinstrumente nehmen einen für alle bisherige Orchestermusik völlig neuen Platz ein. Nach Le Sacre konnte nicht mehr im Stile belangloser Romantik komponiert werden.
Pierre Boulez (Jahrgang 1925), Komponist und Dirigent, hat sich als Experte für moderne Musik einen Namen gemacht; seine Einspielungen von Werken Bartoks, Debussys oder Mahlers haben immer wieder Maßstäbe gesetzt. Auch um die Interpretation Stravinskys hat sich Boulez außerordentlich verdient gemacht. Das gilt für Le Sacre du Printemps nicht minder, obwohl die ungestüme und brachiale Dynamik dieses Stückes Boulez' grundsätzlicher Gemütslage eher nicht entspricht. Boulez geht gern analytisch, verhalten, kleinteilig zu Werke; seine Interpretationen überzeugen durch pointilistisches, mikroskopisches Musizieren - daraus resultiert auch der Erfolg seiner Kooperationen mit den Berliner Philharmonikern. Waren das gute Voraussetzungen für die vorliegende Aufnahme?
Nun, tatsächlich liegen dem Ensemble mehr die dramaturgischen Miniaturen in Stravinskys Meisterwerk, mehr das Implizite, das Verhalten-Impulsive; hier arbeiten Boulez und das Cleveland Orchestra feinfühlig, exakt und souverän. Das Gewalttätige, Überwältigende indes wird von den Musizierenden insgesamt etwas gedämpft und zurückgenommen. Im Vergleich z.B. mit Simon Rattles klangmächtiger, das Bedrohliche und Exzessive der Frühlingsweihe nachempfindender Aufnahme muss Boulez' Einspielung zurückstehen. Trotzdem: eine musikalisch und klanglich akkurate Interpretation von Stravinskys Komposition. Das gilt auch für die hier ebenfalls enthaltene, nicht ganz so revolutionäre Ballettsuite L'Oiseau de Feu, eingespielt mit den Sinfonikern aus Chicago. Die attraktive Preisgestaltung der Entrée-Reihe rechtfertigt die Anschaffung in jedem Fall.