Wahrscheinlich der bedeutendste Roman des 19. Jahrhunderts.
Wir befinden uns im Jahre 1837. Julien Sorel kommt mit 17 Jahren, selbst noch ein Kind, als Lehrer ins Haus des Bürgermeisters des kleinen Ortes am Lande, an dem die Geschichte beginnt.
Julien, aus armen Verhältnissen stammend, aber sehr begabt und ehrgeizig, fühlt sich sein ganzes Leben lang als Außenseiter. Unverstanden von seiner Familie - weil er liest, findet er nur im alten Pfarrer des Ortes einen väterlichen Freund. Er fühlt sich zu Höherem berufen, will einerseits Priester werden, oder doch lieber Soldat? Er bewundert Napoleon, der trotz seiner einfachen Herkunft zum mächtigsten Mann Frankreichs aufgestiegen ist.
Als sich die Gelegenheit ergibt, geht er nach Paris, wo er zunächst noch mehr unter den gesellschaftlichen Konventionen leidet und sich ausgestossen fühlt. Aber er lernt schnell, benutzt seinen Verstand und passt sich an. Er gewinnt die Liebe einer jungen Adeligen, er macht Karriere. Er scheint seinen Weg gefunden zu haben, aber er mußte dazu seine Gefühle vergessen. Er läßt sich nur von seinem Ehrgeiz, seinem Stolz leiten. Als Julien diesen Fehler erkennt ist es bereits zu spät.
Stendhals in der Form eher distanzierte Darstellung fesselt dennoch vom Anfang bis zum Ende. Im Schicksal Juliens spiegelt sich Kritik an der Gesellschaft des 19. Jahrhunderts. Kritik an der Bigotterie der Kirche, der Gleichgültigkeit des Adels, der Verlogenheit und dem Materialismus des Bürgertums, dem Verlust von Idealen,.... Julien ist ein Gefangener der gesellschaflichen Rahmenbedingungen, seine Ausbruchsversuche sind von vorne herein zum Scheitern verurteilt.
Man glaubt gar nicht wie aktuell das Buch in manchen Aussagen heute noch ist. Stendhal wußte selbst, daß er seiner Zeit voraus war, er meinte, daß dieses Buch erst um 1900 verstanden werden würde.
Alles in allem ein sehr leidenschaftliches Buch, dessen tragischer Held in seinem Kontrast von kindlicher Naivität, leidenschaftlichem Ehrgeiz und ernüchternder Selbsterkenntnis fasziniert.