Mit den beiden sinfonischen Hauptwerken des Komponisten und dem reizenden Konzert für Klavier und Orchester bekommt der Hörer auf dieser CD eine ganze Menge Musik geboten, und das von einem prachtvollen Orchester und einem nicht minder bedeutenden Dirigenten.
Mit dem 1908 entstandenen Poeme de l'Extase" hatte sich Boulez schon einmal (1972 mit den New Yorker Philharmonikern in einer allerdings wenig inspirierten Aufnahme) auseinandergesetzt. Es nimmt Bezug auf die Gedankenwelt des gleichnamigen vom Komponisten selbst verfassten Gedichts, in dem er das eigene Ich mit seiner geistig schöpferischen Kraft feiert und es kühn dem Weltall gegenüberstellt: Der Geist, / Vom Lebensdurst beflügelt, / Schwingt sich auf zum kühnen Flug / In die Höhen der Verneinung ... Vom Rausche besessen, / Nur noch genießend / Ganz dies freie, / Göttliche Spiel", so heißt es da. Die sinfonische Dichtung ist also von vorneherein belastet mit einem ungeheuren Anspruch, dem sie nicht ganz gerecht werden kann. Der riesige Apparat des spätromantischen Orchesters wird aufgeboten, um in sinnlichen Farben zu schwelgen, eine Fülle von Themen wird vorgestellt - viele haben den für Scriabin bezeichnenden auffliegend-schwebenden Charakter - und in der gewaltigen Schlussapotheose überlagern sich mehrere rhythmische Schichten. Dabei handelt es sich jedoch eher um eine geistig verfeinerte, eine apollinische Ekstase als um eine dionysische, was auch das Klangbild in den vorwiegend hohen Registern zum Ausdruck bringt. Die einzige Grobheit stellt ausgerechnet das zentrale Thema der Selbstbehauptung" dar, das bis zum Überdruss wiederholt wird (besonders krass bei 10:25). Es ist Boulez zu danken, dass er diese Schwäche des Werks mildert, indem er die Solotrompete deutlich zurücknimmt. Er konzentriert sich auf die zarten fragilen Stellen (die eigentlich mehr erotisch als ekstatisch sind) und arbeitet - wie zu erwarten - sehr schön Scriabins Verwandtschaft mit Debussy heraus. Doch all der strahlende Glanz, die zart schwebenden Töne wirken auf die Dauer leicht einförmig (was dem Komponisten bereits Rimsky-Korsakow vorhielt). Der Hörer ist dankbar für die selteneren kräftigen Klänge, das Thema der unruhigen" Hörner z.B., oder die Septimabstürze in den Posaunen.
Gleichsam zur Erholung von diesem abenteuerlichen Flug auf den Schwingen des Ikarus folgt Scriabins einziges Klavierkonzert (ein Frühwerk des 25-jährigen, das er wohl hauptsächlich für Promotionszwecke komponiert hatte). Es ist relativ einfach gehalten und steht in der Tradition der großen romantischen Klavierkonzerte, hat aber eine durchaus originelle Dramaturgie. Anatol Ugorski spielt seinen Part einfühlsam mit weichem Anschlag und kann gleichwohl an den dynamischen Höhepunkten vitale Fülle entfalten. Besonders liebevoll versenkt er sich in die schlichten und doch feierlichen Variationen des 2. Satzes (dessen liedhaftes Thema hatte Scriabin bereits als 11-jähriger notiert).
Ganz ohne Zweifel ist das abschließende Poème du Feu, auch Promethée" genannt, nach dem mythischen Halbgott der Antike, Scriabins bedeutendstes Werk für Orchester und eines der kühnsten sinfonischen Werke überhaupt. Statt einer Grundtonart gibt es hier einen mystischen Sechsklang, der aus Quarten aufgeschichtet ist und aus dessen Schoß alle Motive wie aus einem Urchaos entspringen. Er ertönt gleich zu Beginn (wunderbar wie hier das Orchester die Teiltöne mischt und sie doch zugleich voneinander absetzen kann). Wenn in diesem geheimnisvollen Dunkel die gedämpften Hörner aus mythischer Ferne das Prometheus-Thema des schöpferischen Wollens intonieren und das Tremolo der tiefen Streicher das Feuer beschwört, das der Halbgott bald darauf vom Himmel auf die Erde herunter bringt, kann sich kein Hörer der Wirkung entziehen. Diese archetypische Grundstimmung frevelhafter Kühnheit durchzieht das ganze Werk, auch wenn das Solopiano (das Werk ist ja nebenbei ein verkapptes Klavierkonzert) mit seinem Thema des Verstandes" heiter tänzerische Momente beisteuert. Aus umher fliegenden Motiven bilden sich immer wieder Klangstrudel, aus denen sich das Thema der Behauptung himmelwärts aufschwingt. Das Flackern des Feuers ist allgegenwärtig. Von der Schlusssteigerung mit Vokalisenchor und erst recht von der angehängten Coda wird der Hörer geradezu überrumpelt. Boulez (und mit ihm der Pianist) geht dieses rätselhafte Werk ruhig an, an manchen Stellen wünschte sich der Rezensent ein energischeres feurigeres" Dirigat. Immerhin kommen so die klanglichen Feinheiten der Partitur (z.B. die zarten Streicherglissandi bei 14:00) bestens heraus. Das Klangbild ist - erstaunlich für eine 4D-Aufnahme - angenehm weich ausgefallen.
Alles in allem eine rundum erfreuliche Produktion, ja eine Referenzaufnahme, geeignet, dem oft verkannten Komponisten eine neue Hörerschaft zu erschließen.