Anstatt nur noch sein eigenes Archiv zu verwalten oder uns die Musik seiner Kindheit, mit der er aufgewachsen ist, nahe bringen zu wollen, geht Neil Young noch mal in die Offensive. Mit Le Noise legt Young sein wohl radikalstes, ungewöhnlichstes Werk vor. Und eins der besten seiner langen Karriere.
Walk With Me, als erster dieser 8 Songs, versetzt den Hörer in Schockstarre. Krachende Gitarrensounds, durch Verzerrer verfremdet bis zum Geht-nicht-mehr. "I feel your love/I feel your strong love/I feel the patience of unconditional love" schreit Neil Young gleich zu Beginn heraus. Gefolgt von einem Gitarrengewitter, das in Loops und Effekte mündet, dass einen trocken schlucken lässt.
Young riskiert mal wieder sehr viel, er experimentiert und dürfte damit so manchen ur-Fan vor den Kopf stossen. Auf Sign Of Love und Someone's Going To Rescue You nimmt er zwar etwas den Fuss vom Gas, doch der Grundsound des Openers bleibt erhalten. Wer diesen Soundwall durchdringt, der wird hoch belohnt. Neil Young gibt hier auch songtechnisch sein Bestes. Nur muss man sich durch diesen komplexen Sound seiner Gitarren durch hören, um zum Kern vorzustossen. Das dürfte die Herausforderung dieses Albums sein.
Love And War, meiner Meinung nach eine der eindringlichsten und besten gesellschaftlichen Kommentare Youngs der letzten Jahrzehnte, sollte auch die Folkfans wieder erfreuen. Nur zur akustischen Gitarre singt Young hier, dass einem die Haare zu Berge stehen können. Seine Stimme ist so nah beim Hörer, sie steht im Raum - fast gespenstisch.
Nachdem wir gerade mit Old Neil Frieden geschlossen hatten, kehrt It's An Angry World zum Anfang von Walk With Me zurück. Zu früh gefreut ? Im Gegenteil. Die verzerrten Gitarren werden durch Stimm-Loops weiter angeheizt, bis sie langsam verstummen.
The Hitchhiker ist neben Love And War wohl das stärkste Stück dieser CD, nur mit den elektrischen Effekten, auf die Young bei Love And War verzichtet. Man muss eintauchen in diesen ungewohnten Sound und sollte all diese gebotenen Effekte nicht als Belastung, sondern als Mittel zum Zweck auffassen.
Bevor Rumblin den verrauschten, rabiaten Rausschmeisser mimt, kredenzt uns Neil Young noch einen zweiten akustischen Cocktail aus Folk und Countrysound, der sich Peaceful Valley Boulevard nennt. Herzzerreissend schön und bewegend.
Natürlich gebühren Neil Young für Le Noise die Lorbeeren nicht allein. Produzent Daniel Lanois hat einen wesentlichen Anteil an diesem Album und eigentlich gehört sein Name genauso auf das Cover, wie es seinerzeit Pearl Jam zur Ehre gereicht hätte, das ihr Name auf Mirrorball Erwähnung gefunden hätte. Vetragliche Fallstricke haben dies damals verhindert.
Lanois hilft Neil Young auf Le Noise jedenfalls gehörig auf die Sprünge und verpasst ihm durch seine Verzerrer, Effekte und kräftigen Einsatz von Hall einen so beängstigend präsenten Sound, wie schon lange nicht mehr. Und Young lässt sich nicht lange bitten und zaubert die besten Songs seit gefühlten Ewigkeiten für diese Kollaboration aus dem Ärmel.
Da kann man nur sagen: Glückwunsch, Neil Young, Glückwunsch Daniel Lanois. Für diese Arbeit und den Mut uns das Ergebnis nicht vorzuenthalten. Einige Neil Young Alben der letzten Jahre waren entbehrlich - dieses nicht.