Im Jahr 1964, kurz bevor die Welle der Aufführungen barocker Musik auf historischen Instrumenten und in entsprechend kleiner Besetzung richtig hochschwappte, hat Otto Klemperer Händels "Messias" mit hervorragenden Kräften aufgenommen, und zwar noch ganz in der Aufführungstradition des 19. Jahrhunderts, wie sie damals allgemein, aber in besonderer Weise in England, praktiziert wurde.
Klemperer, der sich vornehmlich mit den symphonischen Werken des 19. Jahrhunderts identifizierte, war sicher kein geborener Händel-Spezialist, aber ein Vollblutmusiker, der den "Messias", der ja in England in ganz besonderer Weise gepflegt wird, mit sicherer Hand und trotz großer Besetzung ganz ohne Pathos und falsche Weihrauchschwaden zum Erklingen brachte. Leider liegt zur Zeit nur der hier besprochene repräsentative Ausschnitt vor, während die Gesamtaufnahme seit Jahren nicht mehr im Handel ist.
Die Auswahl der einzelnen Stücke ist recht gut gelungen, und man kann sagen, dass alle wesentlichen Teile auf dieser CD vorhanden sind. Trotzdem wäre es höchst wünschenswert, dass EMI recht bald eine Neuauflage des gesamten Oratoriums vorlegen würde.
Die Solistenbesetzung kann nur schlicht als luxuriös bezeichnet werden. Elisabeth Schwarzkopf (Sopran), Grace Hoffman (Alt), Nicolai Gedda (Tenor) und Jerome Hines (Bass) sind sämtlich in Top-Form, insbesondere die Sopranistin und der Tenor glänzen durch ihre einfühlsame, höchst sensible Werkauffassung. Der Philharmonia Chorus wurde von Wilhelm Pitz, dem erfahrenen Bayreuther Chorleiter, bestens einstudiert und ist in allen Stimmlagen höchst präsent. Ein Sonderlob gilt dem Philharmonia Orchestra London, das von seinem Chefdirigenten souverän und mit höchster Konzentration durch die Riesenpartitur geführt wird. Ein Extra-Kompliment hat auch Ralph Downes verdient, der den Orgelpart übernommen hat.
Es handelt sich im übrigen um eines der letzten Zeugnisse der überaus fruchtbaren Zusammenarbeit zwischen dem Dirigenten Otto Klemperer und dem legendären EMI-Produzenten Walter Legge. Schon allein diese Tatsache verleiht der Aufnahme dokumentarischen Wert. Die technische Seite der Einspielung ist von hoher Qualität, es handelt sich um eine hervorragend gestaffelte, rauscharme Stereo-Produktion. Die Textbeilage hätte allerdings ein wenig ausführlicher sein dürfen. Es handelt sich um eine Import-CD der französischen EMI.