"Der typische Anarchist hat eine niedrige Stirn und einen grossen Mund. Das fliehende Kinn und die hervortretenden Wangenknochen werden von zwei grossen, affenartigen Ohren eingerahmt." So der rassistische Text zu einem Foto, welches 1908 in der "Chicago Tribune" veröffentlicht wurde. Auf dem Foto präsentiert wird der tote Lazarus Averbuch. Er sitzt, mit zerrissener Hose und ebensolchen Socken auf einem Stuhl. Ein Polizist hält den Kopf des Toten hoch - hohlwangig, die Augen nicht ganz geschlossen.
Lazarus Averbuch, auch im Tod noch seiner Würde beraubt. Ein Foto, welches mich auf eine Art berührte, wie schon lange kein Foto mehr...
Lazarus Averbuch war ein 19jähriger, russischer Jude, der ein schreckliches Pogrom in Kischinjow (Moldawien) überlebt und sich bis nach Chicago durchgeschlagen hatte. Am 2. März 1908 klingelte er an der Haustür des Polizeipräsidenten von Chicago. Er war unbewaffnet, was er wollte verliert sich im Nebel von 100 Jahren. Vielleicht wollte er nur einen Brief abgeben. Der Polizeichef hielt ihn jedenfalls für einen Anarchisten und möglichen Attentäter und erschoss ihn in Panik.
Averbuchs "Verbrechen" bestand wohl vor allem darin, dass er zu einer Zeit verheerenden Anarchistenwahns zur falschen Zeit am falschen Ort war.
Diese dramatische, traurige Geschichte aus der nicht allzu fernen Vergangenheit verwebt der Autor Aleksandar Hemon (selber als Emigrant aus Sarajewo in den USA gestrandet im Jahre 1992) mit der Geschichte des imaginären Protagonisten der Gegenwart, des Schriftstellers Vladimir Brik. Dieser Vladimir Brik, ein mehr oder weniger erfolgloser Schreiber mehr oder weniger gelesener Artikel, beschliesst, die Geschichte des Lazarus Averbuch als Roman zu Papier zu bringen.
Der Stoff ist da, die Parallele der Vergangenheit zur Gegenwart ebenso. Panisch-paranoide Angst vor fremdländisch aussehenden Attentätern (vermeintlichen oder tatsächlichen) reicht ihm aber noch nicht. Auch dass er, Brik, ebenfalls Emigrant ist, will ihm nicht genügen. Er braucht Inspiration und um zu schreiben muss er sehen, was er sich nicht vorstellen kann. Und um dieses zu sehen, macht er sich auf um Lazarus Spuren in Europa zu verfolgen, begleitet von einem Freund aus vergangenen Tagen, dem Fotografen Rora.
Eine bunte und schmutzige Welt tut sich jetzt auf - angefüllt mit Anekdoten, Geschichten und Grausamkeiten. Der Roman springt zwischen zwei Zeiten und zwei Themen hin und her - hier der Mord und die damit verbundenen Schicksale sowie den Versuchen, eben diesen Mord zu vertuschen, bzw. aufzuklären, und da die Spurensuche in Osteuropa, 100 Jahre später. Den einen Strang könnte man als historischen Kriminalfall und Sozialdrama bezeichnen, den anderen als Reisereportage, als literarisches "Roadmovie" der abenteuerlichen Art.
Auch wenn die Erzählstränge immer mehr ineinander übergehen und manchmal nicht von Kapitel zu Kapitel sondern von Absatz zu Absatz wechseln, werden die beiden Geschichten stets durch ihre Tonart klar voneinander abgegrenzt. In den historischen Teilen herrscht distanzierte, fast kühle Sachlichkeit, welche sich umso bedrückender liest, je herzloser Amerika die zugewanderten Juden quält, und hier sei im besonderen die tragisch-traurige Figur von Olga, Lazarus Schwester erwähnt.
Die Road-Movie-Passagen hingegen erinnern mich in ihrer Bissigkeit an T.C. Boyle in seinen besten Tagen. Ein galliger, manchmal spöttischer Humor, trocken wie die Sahara im Hochsommer, Ironie und Sarkasmus helfen unseren "Helden" sich die Welt erträglicher zu machen.
Aleksandar Hemon hat ausgehend vom tragischen Lazarus Averbuch eine mitreissende Geschichte geschrieben über Heimat, bzw. Heimatlosigkeit, über Hoffnung, über Grenzen, über Menschen.... Der Roman ist gespickt mit interessanten und schrägen Gestalten jeglicher Coleur und ebensolchen Geschichten, und immer wieder geht es ums Abreisen und ums Ankommen. Die grandios beschriebene Fahrt muss einmal enden. Was bleibt ist die Erkenntnis: "Wenn du nicht nach Hause kannst, kannst du nirgendwohin, und Nirgendwo ist das grösste Land der Welt."