Hier liegt endlich einmal eine Künstlermonographie vor, die sich sehen lassen kann, und das auch noch zu einem unschagbaren Preis (aktuell EUR 23,90)!
Lawrence Alma-Tadema ist namentlich so gut wie niemandem bekannt. In der Künstlerszene seiner Zeit ist er eher eine Randerscheinung. Seine Bilder sind aber, wenn man es einmal genau betrachtet, eigentlich fast jedem bekannt, denn die schlanken, meist weiblichen Figuren in griechischer oder römischer Tracht; vor blauen Himmeln, in Blumenmeeren, antiken Tempeln oder vor blauem Meer tauchen tatsächlich auf vielerlei Plakaten, Postern, in Werbekampagnen oder als Illustrationen auf.
Den Künstler dahinter kennt kaum einer, doch dieses Buch bietet Gelegenheit, Lawrence Alma-Tadema und sein Werk einmal genauer kennenzulernen.
Dabei wird der (kunst)interessierte Leser so einige Überraschungen erleben.
Nicht nur präsentiert dieser schmucke Band auf 208 Seiten (fast) alle Werke Alma-Tademas in Farbe (nicht wie angegeben nur in s/w) und gestochen scharfem, großformatigen Druck. Allein deswegen lohnt sich ein Kauf, denn noch nie zuvor gab es eine komplettere Werksübersicht.
Nein, die Autorin Rosemary J. Barrow wirft in ihrer begleitenden Abhandlung auch ein Licht auf den Künstler selbst und bringt so manches zum Vorschein - wie zum Beispiel die Tatsache, dass Alma-Tadema ganz bewußt und gezielt mit Selbstinszenierung gespielt und sich alle Vorteile verschafft hat, die zu erreichen waren. Beispielsweise ist "Alma-Tadema" nicht der richtige Nachname des gebürtigen Niederländers. "Alma" ist in Wahrheit der zweite Vorname gewesen, jedoch hat der junge Künstler früh entschieden, sich "Lawrence Alma-Tadema" statt "Laurens Alma Tadema" zu nennen, und das nur zu dem Zweck, um in Kunstkatalogen unter "A", nicht weiter hinten unter "T" eingeordnet zu werden.
Auch die Werke selbst werden unter die Lupe genommen, und unter der Oberfläche weiß die Autorin so manch versteckte Bedeutung aufzudecken, die sich hier in einer Inschrift, dort in einer zufälligen Statue verbirgt und dem scheinbar harmlosen Thema schnell eine, nicht selten erotische, unterschwellige Bedeutung mitgibt, die nur für Eingeweihte zu verstehen war und ist.
Zeitgenossen Alma-Tademas, die in griechischer und römischer Literatur und Kultur bewandert waren, mögen diese Anspielungen nicht entgangen sein; doch im Laufe der Zeit gerieten bestimmte Bedeutungen in Vergessenheit, verschwanden bestimmte Assoziationen, und so ist es Rosemary J. Barrows intensiver Recherche zu verdanken, dass man heute die Bilder mit zweierlei Augen betrachten kann: Zum einen sind da herrliche Mittelmeerlandschaften, üppige Festtagsgesellschaften, zarte Mädchen und schöne Frauen; Blumen, Tempel, Märkte und Paläste - Motive, die das Auge erfreuen und den Betrachter von anderen Ländern und Zeiten träumen lassen. Zum anderen ergeben sich mit den richtigen Bildschlüsseln Bedeutungen, die nicht auf Anhieb zu erkennen sind; ja teilweise sogar sarkastische Züge oder, sofern man die zeitlichen Umstände kennt, zeitgeschichtlich-politische Anspielungen.
So macht es dann direkt Spaß, die Bilder einmal auf solche versteckten Symbole hin zu betrachten und vielleicht selbst Recherchen anzustellen - woher kommt ein bestimmtes Objekt, ein Wandgemälde, ein Vries, das Tadema in seinem Bild verwendet; welche Bedeutung hatte es für die Zeitgenossen und was möchte der Künstler damit aussagen? Ebenso schnell ist man aber auch wieder auf der "normalen" Betrachter-Ebene angelangt und siehtlediglich schöne Menschen auf schönen Bildern.
Die Autorin hat aus einem reichen Fundus an Bildquellen - teilweise aus Alma-Tademas eigenem Archiv - geschöpft und vermag so ein anschauliches Bild dieses Mannes, seiner Zeit und seiner Kunst von den Anfängen bis zu seinem Lebensende zu zeichnen.
Wer für Jugendstil, Symbolismus, Präraffaeliten oder Griechenland schwärmt und Freude an klaren, teilweise aber aus heutigen Augen leicht verkitschten Bildern hat, der kann mit diesem Band gar nichts falsch machen.