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Pressenotiz zu : Die Zeit, 03.08.2000
In einer kurzen Sammelrezension bespricht Franz Schuh drei Bände mit Gedichten von Ernst Jandl.
1) Ernst Jandl: "Laut und Luise" (Reclam Universalbibliothek)
Schuh glaubt, dass dieser Band (ebenso wie der Band "Sprechblasen") dem Dichter "besonders viel bedeutet hat". Auf den Inhalt geht er jedoch nicht näher ein. Er äußert lediglich die Ansicht, dass die Verteidigung der Gedichte gegen den Vorwurf, "sie wären keine" durch Helmut Heißenbüttel im Nachwort, heute nicht mehr nötig ist: Ohne `falamaleikum/falamaleitum/falnamaleutum/falnamalsooovielleutum` sei heute kein Kanon deutscher Lyrik mehr denkbar, stellt der Rezensent mit Genugtuung fest.
2) Ernst Jandl: "Sprechblasen" (Reclam Universalbibliothek)
Schuh weist darauf hin, dass es sich hier um "Sprechtexte" handelt, die aber nicht nur von Jandl selbst gelesen werden müssten, um sie zum Leben zu erwecken. Jeder kann das. Dies sei auch Jandls eigene Überzeugung gewesen. Vielmehr handelt es sich hier, wie Schuh anmerkt, um Texte, die "eine Möglichkeit der menschlichen Stimme überhaupt verkörpern".
3) Ernst Jandl: "lechts und rinks" (dtv)
Schuh betont, dass Jandl die "gewichtige Auswahl" für diesen Band selbst vorgenommen hat und sich der Titel auf sein berühmtes Gedicht "lichtung" bezieht. Hier bezeichnet es Jandl als einen "`illtum`, dass man lechts und rinks nicht `velwechsern` kann". Besser als jeder andere habe Jandl damit deutlich gemacht, das "rechts und links jederzeit zur Verwechslung anstehen". Schuh weist darauf hin, dass sich in diesem Band auch ein politischer Text befindet, der sich mit dem österreichischen Beitritt zur EU befasst.
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Buch der 1000 Bücher
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Das Buch der 1000 Bücher (Harenberg Verlag)
Laut und Luise
OA 1966 Form Gedichtsammlung Epoche Moderne
Der Gedichtband Laut und Luise war die bahnbrechende Arbeit im Werk von Ernst Jandl. In ihrer Absage an die übliche Syntax und den konventionalisierten Wortgebrauch spiegelt diese Gedichtsammlung eindrucksvoll den radikalen Anspruch des Autors an die Poesie.
Entstehung: Seit den späten 1950er Jahren hatten Einzelveröffentlichungen experimenteller Gedichte von Jandl Entrüstungsstürme bei der konservativen Kritik ausgelöst, die diese Art der Dichtung als Provokation empfand. Die Suche nach einem Verlag, der das Wagnis unternahm, eine Sammlung dieser Gedichte herauszugeben, gestaltete sich äußerst schwierig. Unter dem Titel Laut und Luise erschien sie schließlich im Walter Verlag mit weitreichenden Folgen für den Lektor Otto F. Walter. Das Buch wurde auch innerhalb des Verlags als unerträgliche Provokation angesehen. Walter musste den Verlag verlassen; mit ihm gingen 17 deutschsprachige Autoren.
Inhalt: In Laut und Luise hat Jandl Sprechgedichte, Lautgedichte und visuell wirkende Texte vereint. Es finden sich darin aber auch Gedichte traditioneller Form, da es dem Autor nicht um das Sprachexperiment an sich ging, sondern um die Suche nach einer seinen Vorstellungen entsprechenden Form der Poesie und nach Gedichten, »die nicht kalt lassen«.
Unter Sprechgedichten verstand Jandl Gedichte, die ihre volle Wirkung erst bei lautem Lesen entfalten. Sie arbeiten mit der Zusammenziehung oder Dehnung von Wörtern, der Zerlegung und Neuanordnung ihrer Silben, des Auslassens der Vokale etc. Eindrucksvolles Beispiel für ein Gedicht auf der Grundlage dieser Technik ist »schtzngrmm«, das die akustische Situation in einem Schützengraben nahe zu bringen versucht und sich in reiner Buchstaben- bzw. Lautreihung auflöst: t-t-t-t. Im Gegensatz zum Sprechgedicht bleibt beim Lautgedicht das Wort nicht mehr Gegenstand der Dichtung. Es wird seines Aussagewerts beraubt und in seine einzelnen Buchstaben bzw. Laute zerlegt, die isoliert oder neu zusammengefügt werden, so im Gedicht »Bericht über Malmö«:
m/l/am/ öm/ma/lö/mal
Der den Band abschließende Zyklus »klare gerührt« führt visuell wirkende Poesie vor Augen. In 17 Variationen werden die beiden titelgebenden Wörter bzw. Wortteile bis hin zu einzelnen Buchstaben in den Zeilen und auf der Seite so angeordnet, dass grafische Figuren entstehen. Hier ist nicht mehr nur der Satz seiner Syntax und das Wort seiner Bedeutung entleert, auch der dem Buchstaben zugehörige Laut ist von untergeordneter Bedeutung. Da die Gedichte einen anderen Sinn ansprechen, bleiben sie jedoch sinnvoll.
Sinn und Bedeutung dieser Dichtung erschließen sich am leichtesten in der Zusammenschau der einzelnen Teile des Buchs. Traditionelle Versformen stehen neben grafischen Gedichten, witzige und groteske Sprachspiele (BESSEMERBIRNEN/als mehr kanonen) neben Gedichten über die Sprache und das Gebaren des Faschismus (wien:heldenplatz). Es ist die formale wie inhaltliche Vielfalt, die dieses Buch zu einem wahren Lese- und Sehvergnügen werden lässt.
Wirkung: Der Versuch des Lyrikers, die Sprache aus den Fesseln konventionellen Sprechens und Schreibens zu befreien, war erfolgreich. Jandl ist der meistgelesene und meistgehörte Autor experimenteller Literatur im deutschsprachigen Raum und auch international anerkannt. Mit Laut und Luise hat er ein »Musterbuch moderner Textverfahren« (Karl Riha) vorgelegt, das die Lyrik revolutionierte. R. F.
-- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.