Über Herrn Westernhagens musikalische Verirrung während der 80er Jahre ist schon viel geschrieben worden; mit "Lausige Zeiten" war 1986 der absolute Tiefpunkt erreicht. Steril und kalt, künstliche Synthie-Klangteppiche statt "echte" Gitarren, wirre Texte - wer den rockigen, direkten Westernhagen Ende der 70er Jahre schätzt, dem muss dieses Album wie ein Faustschlag ins Gesicht vorkommen. Dennoch kann man dem Album - vielleicht nur aufgrund nostalgischer Fan-Gefühle - auch Gutes abgewinnen. "Wir sitzen alle in einem Boot", die damalige Single-Ausklopplung, ist sowohl musikalisch als auch textlich stark, und die Ballade "Kein Gefühl" geht unter die Haut und wird von Westernhagen noch heute live gespielt. Wegen dieser beiden Songs ertappe ich mich hin und wieder dabei, wie ich das Album als angenehme Abwechslung zu den von Westernhagen in den 90er Jahren mit viel Pathos eingespielten Stadionrock-Machtwerken auf den Plattenteller lege und einsehe: unterdurchschnittlich bis unhörbar, aber irgendwie kreativ. Es soll ja vorkommen, dass man sich im schwülen Hochsommer hin und wieder einen kalten Wintertag wünscht.