Ja, ja, das alte Vorurteil: Gitarren-Rock = erdig und ehrlich, Synthesiser-Pop = steril und künstlich. Fragt man Westernhagen-Fans - solche, die im Rudel bei "Freiheit" mitgrölen -, dann ist "Lausige Zeiten" das schlechteste Album ihres Idols. "Zu viel Plastik, zu wenig echtes Gefühl", heißt der Standardvorwurf. Jene aber, die Westernhagen hassen, werden bei "Lausige Zeiten" ins Grübeln geraten. All der Manierismus, das verlogene Pathos, das spätere Alben so ungenießbar machte, fehlt hier. Stattdessen zeigt Westernhagen - ein letztes Mal - jene Ironie, die schon "Pfefferminz" und "Stinker" auszeichnete. Auf Reime wie "Lausige Zeiten, sagte der Ami, lausige Zeiten, und fraß die Salami" muss erst mal einer kommen. Auch ist es für die Ohren angenehm, dass emotionale Schwüle sich nicht in Gitarrengewittern entlädt, sondern stattdessen die Synthesiser munter flirren dürfen - "Mir ist so heiß" widerlegt das Gewäsch von der kühlen Elektronik: Soul ist programmierbar. Erfolg nicht. Weshalb Herr Westernhagen nach "Lausige Zeiten" die Lederjacke anzog und Prollhymnen für die Großarenen schrieb. Aber das ist eine andere Geschichte. Eine lausige.