Die Lektüre von Norbert Apings neuem Buch "Laurel und Hardy auf dem Atoll" macht klar: Über ATOLL K, den letzten Film des großen US-Komiker-Duos, hat man bis zu diesem Buch eigentlich so gut wie nichts gewusst. So steht am Anfang der Dank an den Autor, diese Lücke im Werk von Laurel und Hardy endlich nach über fünf Jahrzehnten geschlossen zu haben.
Und wie ausgezeichnet ihm diese Studie gelungen ist! Nach seinem "Dick-und-Doof-Buch", das mittlerweile als opulentes Standardwerk über Laurel und Hardy gilt und vor wenigen Monaten in der zweiten Auflage erschienen ist, konnte man schon große Erwartungen haben. Norbert Aping hat sie uneingeschränkt erfüllt. Er legt wieder ein überzeugendes Beispiel dafür vor, wie Filmgeschichtsschreibung sein sollte. Nicht wiederkäuen, was ohnehin irgendwer schon einmal erzählt hat, und schnell ein paar Bilder dazu, sondern Grundlagenforschung von Beginn an. Bei einem solchen Ansatz verwundert es kaum, dass unglaublich viel Neues zu Tage gekommen ist. Wer hätte schon geglaubt, dass sich nach so vielen Jahrzehnten und nach so vielen Büchern über Laurel und Hardy zu ATOLL K noch eine solche Fülle von Material finden lässt? Und das, obwohl es von den europäischen Firmen, die den Film produziert haben, Archive nicht (mehr) existieren - ganz im Gegensatz zu den Filmen, die Laurel und Hardy für Hal Roach, die Fox und MGM in den USA gedreht haben!
So kann der Autor durch seine beharrlichen Nachforschungen sogar den Zeitpunkt nennen, wann die Planungen für das nachher aus dem Ruder gelaufene Projekt begonnen und die Produzenten ihre Kooperation beschlossen haben. Wie merkwürdig sich die Arbeiten am Stoff des Filmes über viele Stationen gestaltet haben, ist ein einer von vielen Höhepunkten des Buches. Zu denen gehört auch, wie trotz der chaotischen Drehbedingungen immer weiter an der Story gearbeitet wurde, um schließlich immerhin zu einem halbwegs vorzeigbaren Film zu kommen.
Beeindruckend ist Norbert Aping auch die Rekonstruktion gelungen, wie der Film ursprünglich aussah, eher an ihm überall herumgeschnippelt wurde bis hin zu der US-Fassung UTOPIA, die offenbar einen völlig falschen Eindruck von ATOLL K gibt und auch noch schlimm synchronisiert ist. Überhaupt ist es eine Geschichte für sich, wie man mit ATOLL K in den einzelnen Ländern umgegangen ist. Hatte der Autor schon die Vorbereitungen, die Dreharbeiten und die Rekonstruktion wie ein Detektiv spannend nachgezeichnet, geht es bei der Vermarktung des Films genauso weiter. Man liest auch das wie einen Krimi, den man nicht aus der Hand legt, ehe das Buch zu Ende ist, um dann sprachlos festzustellen, wie einzigartig ATOLL K in Laurel und Hardys Werk dasteht.
Die Buchanhänge beweisen einmal mehr, wie präzise Norbert Aping gearbeitet hat. Die Filmografie ist mustergültig wie das ganze Buch. Davon können sich andere Arbeiten sicher ein Scheibe abschneiden. Besonders gut hat mir auch der Anhang gefallen, in dem ausgezeichnet bebildert die verschiedenen Filmfassungen noch einmal visuell miteinander verglichen werden.
Natürlich ist Norbert Aping auch ein Laurel-und-Hardy-Fan. Dennoch geht ihm nie der kritische Abstand verloren. Denn er lässt sich nicht dazu hinreißen, den Film, wenn man schon mal dabei ist, einfach schön zu reden. Er macht einerseits deutlich, dass ATOLL K sehr viel zu bieten hat. Andererseits legt er kompromisslos den Finger in die Wunden, wo es sein muss. In jedem Fall macht er damit den Weg frei, ATOLL K neu zu bewerten. Es bleibt zu hoffen, dass eines - hoffentlich nicht zu fernen - Tages ein DVD-Label eine umfangreiche Edition herausbringt, die das ATOLL-K-Wechselbad für jede Filmsammlung verfügbar macht.
"Laurel und Hardy auf dem Atoll" ist reichhaltig und durchweg ausgezeichnet bebildert (über 300 Abbildungen!). Es lässt keine Wünsche offen, da der Autor flüssig, unterhaltsam und spannend zugleich zu erzählen versteht. Gewiss ein Glücksfall in Forscherkreisen.
Bücher dieser Qualität gibt es nur selten. Und mit Sicherheit ist es nicht nur für Laurel-und-Hardy-Fans von großer Bedeutung, sondern für Filminteressierte allgemein. Denn der Autor bietet am Beispiel einer ungewöhnlichen Produktion eben auch einen tiefen Einblick in das Filmgeschäft der frühen 1950er Jahre. Damit steht "Laurel und Hardy auf dem Atoll" in einer Reihe von grundlegenden Filmbüchern wie François Truffauts "Mr. Hitchcock, wie haben Sie das gemacht?" Kein Wunder, bei Hitchcock kennt Norbert Aping sich offensichtlich auch aus.