Für die Älteren wird sein Name immer verbunden bleiben mit dem "Laufen", auch wenn sie ihn, wie der 1954 geborene Rezensent, nie haben laufen sehen. Die Rede ist von der "tschechischen Lokomotive" Emil Zatopek, dem der französische Schriftsteller Jean Echenoz mit dem vorliegenden, nur schlanken 125 Seiten umfassenden Roman ein wunderbare literarisches Denkmal gesetzt hat.
Schon in seinem Buch über Maurice Ravel hat Echenoz gezeigt, wie er ein Leben in seinen Facetten so zwischen zwei Buchdeckel bringen kann, dass man das Gefühl hat, man wäre mitten in diesem Leben drin.
Zunächst hatte der später berühmte Läufer mit dem Sport nichts im Sinne. Bei einem Wettkampf im "Reichprotektorat" wird, er ist gerade siebzehn Jahre alt, das Talent Emil Zatopeks entdeckt. Er läuft, um anderen einen Gefallen zu tun, und gewinnt erst mit der Zeit eine eigene Freude an der laufenden Bewegung. Zwar hebt er sich durch einen eigenen Laufstil von allen anderen ab - er sollte ihm bald den Vergleich mit der Lokomotive einhandeln, den er nie wieder loswurde-, er besteht auch bis zum Ende seiner Laufbahn auf seinen eigenen Trainingsmethoden, doch schon vor dem Krieg , und erst unter den neuen kommunistischen Machthabern nach 1945 wird er zum Objekt andere Interessen. Seine Erfolge und Siege sind für die kommunistischen Diktatoren unter der Fuchtel Moskaus willkommene Zeichen für die Überlegenheit ihres Systems, das glauben sie tatsächlich. Emil läuft immer in einem roten Trikot, der Farbe der Revolution, um seine Vorgesetzten im Militär zu beeindrucken, in das er bald aufgenommen wird und in dessen Hierarchie er mit jedem seiner glorreichen Siege weiter aufsteigt. 1948 bei der ersten Nachkriegsolympiade in London holt er Gold und 4 Jahre später in Helsinki, läuft er über 5000 Meter, über 10 000 Meter und über die Marathonstrecke zu unglaublichen drei Goldmedaillen.
Jean Echenoz nähert sich dem Leben dieses Ausnahmesportlers sehr feinfühlig und zurückhaltend. Dabei wechselt er dauernd ab zwischen Nähe und auch ironisch getönter Distanz.
Als Emil Zatopek, seine aktive Laufbahn ist längst vorbei, während des Prager Frühlings 1968 zum ersten Mal in seinem Leben auf der falschen Seite steht, wird er aus der Armee ausgeschlossen und in die Uranminen geschickt. Später, als man ihn wieder nach Prag zurücklässt und ihn als Müllfahrer beschäftigt, hat das auch keine lange Dauer, denn die Menschen kommen morgens aus ihren Häusern und feuern ihren Müllmann an wie früher.
"Laufen" ist so nicht nur eine wunderbare erzählte, zum Teil fiktionale Geschichte über einen beeindruckenden Menschen, sondern es ist gleichzeitig eine stille Anklage gegen die Diktatur in jeder Form.
Das Buch ist ein absoluter Lesegenuss, seine Sprache ist stellenweise fast poetisch.