Manchmal sind Bücher wie Wegweiser, die einen auf andere Bücher führen. An den "Laubsturm" kam ich durch die Lektüre des ersten Bandes von Garcia Marquez Autobiographie "Leben um davon zu erzählen", einer poetisch gestalteten Lebensbeschreibung, in der die dreißig ersten Lebensjahre des kolumbianischen Nobelpreisträger vorgestellt werden. Im letzten Teil dieses bemerkenswerten und ungemein unterhaltsamen Buches berichtet Garcia Marquez von seinem Werdegang als Schriftsteller, von der mühsamen Suche nach dem magischen Realismus, seinen Kafka- und Faulkner- Lektüren, und auf nicht weniger als fünfzig Seiten ( 456-510) wird der Leser zum Zaungast von Gesprächen des damals noch recht jungen Autors mit seinen literarischen Kumpanen über sein erstes wirkliches Buch - eben den "Laubsturm". Donnerwetter, dachte ich, erst gut zwanzig Jahre alt ist der künftige Nobelpreisträger, doch er schwadroniert über die Literatur bereits wie ein Großer. Kann sein Erstling "Laubsturm" diese Ambition auch wirklich decken? Eben das wollte ich wissen, und so marschierte ich, da das kleine Buch vergriffen war, ins Antiquariat und besorgte mir den 120- Seiten Roman in einer Insel-Ausgabe aus dem Jahre 1955 und begann zu lesen. "Laubsturm" ist die erste Geschichte in der Garcia Marquez das berühmte Macondo aus "Hundert Jahre Einsamkeit" entstehen lässt, die literarische Dublette seiner Heimatstadt Aratacata, die in den Jahren vor dem ersten Weltkrieg durch die Aktivitäten einer Bananengesellschaft und den Bau der Eisenbahn vorübergehend zu ein wenig Wohlstand gekommen war, ehe sie im allgemeinen Niedergang des kolumbianischen Lebens wieder versank. Inmitten dieses kurzen Intermezzos einer kolumbianischen Erbaulichkeit kommt ein Fremder in die Stadt, ein vermeintlicher Arzt, der sich bei Obert Buenita ( Freunde von "Hundert Jahre Einsamkeit": aufgepasst!) niederlässt, nach und nach das ganze Dorf vergrault, jedermann, der ihm Gutes tut, vor den Kopf stößt und schließlich völlig vereinsamt sich das Leben nimmt. Der Oberst, seine Tochter und sein Enkel sind die einzigen, die dem Widerling ein christliches Begräbnis ausrichten wollen, was auf Unverständnis und Befremden bei der Nachbarschaft stößt, weil der Doktor selbst die Dorfgemeinde in einem entscheidenden Augenblick die Hilfe versagte. Aber das ist nur der Rahmen einer dreifach erzählten Geschichte von Macondo, seinen Menschen, Leidenschaften und Verhängnissen. Ganz gleich ob der Oberst, die Tochter oder der Enkel erzählen, ist es frappierend wie es der blutjunge Garcia Marquez versteht, eine üppige und zugleich morbide karibische Welt vor den Augen des Lebens in alle ihrer Größe und Verfallenheit entstehen zu lassen. Wie die Geschichte ausgeht, wird natürlich nicht verraten, aber soviel ist schon mal sicher: der junge "Gabito" aus "Leben, um davon zu erzählen" hat sein Handwerk schon in den frühen Zwanzigern beherrscht. Für alle Garcia Marquez Fans, insbesondere für die Leser der Autobiographie ein unbedingtes muss. Und der Leser von "Leben, um davon zu erzählen" kann beruhigt weiter lesen. Der junge Gabito weiß wovon er spricht.