Bitten Sie einfach die Schule Ihres Kindes, das Lateinbuch zu wechseln! Es sei denn, Sie können selber gut Latein, alle Hilfsmittel bedienen, haben didaktische Erfahrungen im Unterricht von Fremdsprachen und können Ihr durchaus überdurchschnittlich begabtes Kind motivieren, pro Tag ca. 1 zusätzliche Stunde mit Ihnen oder einer entsprechend qualifizierten Nachhilfe zu lernen. WARUM?
Die Präsentation der Grammatik folgt dem Prinzip des kommunikativen Fremdsprachenunterrichts, der den Unterricht in den modernen FS zu Recht prägt: Es wird Grammatik nur dann eingeführt und nur in der Intensität, wie sie aus kommunikativen Gründen benötigt wird, um bestimmte sprachliche Handlungen zu beherrschen. Mangels Kommunikation auf Latein macht das hier aber keinen Sinn: Warum werden drei Deklinationen gleichzeitig eingeführt, warum drei Konjugationen gleichzeitig? Der Vorteil des Lateinischen, systematischen Erwerb der Struktur einer Sprache am Beispiel des Lateinischen zu bieten, wird verschenkt zugunsten von ein paar Spielereien zur Alten Geschichte und zur antiken Mythologie, die alle ganz nett sind, die Kinder aber nur verwirren.
Die Übungstypologie, die dem Buch zugrunde liegt, krankt an der überbordenden Phantasie des Autors. Was im Unterricht selber, vom Lehrer kommend, sicher die perfekte Auflockerung sturer alter Übungsformen wäre, ist in diesem Buch nur Chaos anstiftend und garantiert, dass die Kinder keine einzige Übung alleine machen können; nichts ist selbsterklärend!
Die Gliederung des Buches in Lektionen, einen Grammatikteil, einen Übersetzungsteil (dt. - lat.) und Wörterlisten ohne eigentliche Verbtabellen dient nicht der einfachen Orientierung; wenn die Lehrkraft dann den Kindern nicht in einer Lehrbuchrallye erklärt, wie man mit dem Buch arbeitet, finden sich die Kinder gar nicht zurecht.
Dazu kommt, dass das Konzept darauf basiert, dass auf zusätzliche Hilfmittel wie Grammatiken und Verbtabellen verzichtet werden kann. Dies ist aber Augenwischerei, da der Aufbau so chaotisch ist (Stichwort "kommunikativ", s.o.), brauchen Kinder ein starkes grammatikalisches Gerüst, das ihre Lernerfahrung verstärkt ("das hatte ich schon, da bin ich jetzt, das gibt es auch noch, da will ich hin, dann kann ich ....").
Mich als Althistorikerin freut es natürlich, wenn den Kindern Fakten aus der Alten Geschichte vermittelt werden, auch viel Kunstgeschichtliches und einiges über Kulturgeschichte!
Dennoch, dieses Buch bleibt eine Zumutung!
Qualifikation der Mutter: promovierte Althistorikerin, Dokorarbeit auf der Basis von 7000 Seiten Latein (spätantik, unübersetzt), Leistungskurs an einem bayerischen Gymnasium, heutzutage im Bereich Deutschunterricht für Ausländer tätig.