Das alle Erwartungen übertreffende 'College Dropout' katapultierte den guten Herrn West quasi über Nacht vom aufstrebenden Produzenten zum international gefeiertem Rap-Superstar. Durch beinahe völlig fehlende Straßenattitüde, seine durchdachten, beinahe philosophischen Lyrics und (etwas übertriebener) Hang zu gepflegtem Aussehen liefert er für den mittelständigen Afroamerikaner ebenso eine Identifikationsquelle wie für einen deutschen Jura-Studenten. Er wird von U2 und Maroon 5 mit Lob überhäuft und Tom Cruise zählt zu seinen grössten Fans. Mit dem Nachfolger 'Late Registration' will Kanye an das Qualitätsmaß des Erstlings anknüpfen und seine Ausnahmeposition in der Industrie festigen.
Am Anfang des Albums stehen auch direkt die drei Singleauskopplungen; 'Heard Em Say' ist dank des etwas unoriginellen Pianogeklimpers und schmalziger Hook von Adam Levine eher lahm, während das von Just Blaze zusammengeschraubte 'Touch The Sky' durch genialen Bläsereinsatz und in großspuriger Ignoranz hingespuckte Hook von Kanye einige Tanzflächen zerstören wird. Die darauf gefeaturte MC-Hoffnung Lupe Fiasco macht seinen Job OK, mann hätte ihn auch ruhig zu Hause lassen können. Das wohlbekannte 'Gold Digger' basiert auf 'I Got A Woman' und ist Bombe mit von Jamie Foxx eingesungenen Vocals, die dem historischem Verweis auf den großartigen Ray Charles (R.I.P.) dienen. Das wirklich schöne 'Drive Slow' mit Paul Wall und GLC inklusive gescrewtem Ende sorgt für Begeisterung, obwohl der Beat fast Eins zu Eins von Tupac's 'Shorty Wanna Be A Thug' gebitet ist. Wer will meckern, wenn auf 'My Way Home' ein gut aufgelegter Common ein Paar nette Bars raushaut und Brandy auf 'Bring Me Down' die Seele baumeln lässt.
Leider Gottes konnte The Game es nicht sein lassen, auf seinem Guestspot für 'Crack Music' über 50 Cent herzuziehen, weswegen Kanye den Part herausgeschnitten hat und Game letztendlich als Feature angegeben ist, ohne dass man mehr als einen Satz von ihm hört. Schade, der Beat marschiert heftig nach vorn und die Chöre lassen das Ganze sehr fresh wirken. Das auf's Nötigste reduzierte 'Addiction' hat einen lateinamerikanischen Flair und definitiv Hitpotential. Der Track mit Nas geht vom Beat her zwar klar, zieht sich aber unheimlich aufgrund der siebeneinhalb Minuten Länge, der Song mit Cam'ron ist aus einem von Common abgelehntem Beat entstanden und klingt austauschbar.
Der wahre Banger des Albums ist dennoch unangefochten 'Diamonds From Sierra Leone' mit Shirley Bassey-Vocals, grossartigen Live-Drums und Kanye-typischer Sozialkritik. Auch seine Weiterentwicklung als Rapper ist hier deutlich zu spüren, man spürt richtig, wie er auf der Suche nach komplexen Doppelreimen und Killerpunchlines seinen künstlerischen Ehrgeiz zu stillen versucht. Man möchte ihm am liebsten auf die Schulter klopfen und sagen: "Is jut Kanye, du biss et!", aber dass weiss er ja selbst besser als jeder Andere. Dennoch schaut auf dem Remix Chef Jay-Z vorbei, lässt Kanye alt aussehen und Memphis Bleek's Herz höher schlagen: "Bleek could be one hit away his whole career/As long as I'm alive he's a millionaire/And even if I die he's in my will somewhere/So he could just kick back and chill somewhere". Na, mit so einem netten Chef kann nicht einmal was schiefgehen, wenn die Mucke schlecht ist. Und da braucht man sich bei Kanye wenig Sorgen machen.