Es mag eigentümlich klingen, aber der Kurzfilm von Resnais über die französische Staatsbibliothek - Beigabe auf der DVD - ist kurzweiliger, interessanter und ästhetisch nahezu gleichwertig gegenüber seinem zweiten Spielfilm, der unter einer bestimmten Teilgruppe von Cineasten Kultstatus genießt. "Kult" bedeutet aber auch, dass man ihn sich immer wieder ansieht und aufgesogen wird von dieser irritierenden Statik, den (bewusst leblos und im Grunde schlecht agierenden) Schauspielern, der manchmal recht nervtötenden Orgelei auf der Tonspur usw. Ein solches Rezeptionsverhalten kann ich mir nicht erklären, das eine Mal hat mir gereicht. Gewiss ist die Kameraarbeit exzellent (allein die langsamen, langen Fahrten über Deckenmuster), das Schwarz-Weiß wunderbar konturenscharf, der Schnitt teilweise gewagt und heute noch originell. Man sollte sich aber darüber im Klaren sein, dass man praktisch Marionetten zuschaut. Menschen, Figuren, Charaktere sind das nicht. Das gehört zum Prinzip und fügt sich recht gut ein (ist fast amüsant) - aber nach einer Stunde monotoner (im wahrsten Sinne) Dialoge/gemurmelter Monologe, die zu nichts führen (wollen), musste ich mit der Müdigkeit kämpfen. Vielleicht sollte man dieses Enigma von Film eher als Skulptur betrachten, voller Geheimnisse, die man nicht decodieren muss. Man kann es aber mit der Anleitung der Filmwissenschafterin im Extra-Material oder mit Hilfe des "Sekundärfilms" - übrigens ganz hervorragend und wirklich erhellend. Doch selbst mit den mitunter schlüssigen Interpretationsansätzen gewinnt der Film nicht. Eine der Auffassungen zur Erklärung des Ganzen ist recht simpel: Es handele sich um einen intellektuellen Witz, ein Versuch, Sperrigkeit zu zelebrieren und dabei willkürliche Subtexte quasi als Abfallprodukt zu generieren. Also eine Bedeutungsmaschine, die ziellos vage Bedeutungsmuster webt, ohne einen Masterplan zu haben. So habe ich es zumindest in Erinnerung - die DVD habe ich gleich weiter verkauft. So sehr ich Resnais schätze (z. B. Smoking/No Smoking), ich befürchte ein wenig, an dieser Idee ist etwas Wahres dran. Wäre "Letzes Jahr in Marienbad" ein halbstündiges filmisches Experiment, dann würde ich mich anders dazu äußern. Mich interessiert im nachhinein überhaupt nicht, wer im Jahr zuvor in Marienbad war oder auch nicht. Ein schwaches Geheimnis, mit Achselzucken aus der Distanz in Augenschein genommen - und nahezu vergessen. Das ist der Film heute für mich. Ein Kuriosum der ernsten Art. Ein anspruchsvolles Schlafmittel.