Irgendwie fühlten sich die professionellen Kritiker anlässlich dieser CD anscheinend verpflichtet, irgendeinen Kritikpunkt zu finden -- hemmungslose Begeisterung dürfen sich wohl nur Laien erlauben. Jedenfalls las ich immer wieder bei Besprechungen dieser CD, dass der Jerry Lee Lewis auch nur noch seinen alten Gaul reite. Dagegen wende ich ein: Warum soll er'n neuen Gaul besteigen, wenn der alte noch Pfeffer hat für drei? -- Abgesehen davon stimmt es auch garnicht, dass dem "Killer" nix mehr einfalle. Der tobt mit seinen 70 Jahren noch rum, dass alles zu spät ist, legt Piano-Läufe hin wie in seinen besten Zeiten, und schon das Spektrum der illustren Gäste (von Paddy Maloney bis Kid Rock) deutet drauf hin, welche Spannweite dieser alte Haudegen immer noch hat:
"Last Man Standing" enthält 21 Duette mit allem, was Rang und Namen hat in Sachen Blues (B.B. King! Eric Clapton!), Rock'n'Roll, Boogie (Little Richard!), Rock (Jimmy Page! Mick Jagger, Ron Wood! Robbie Robertson!), Punk (Kid Rock!) Folk und Country (richtig gelesen! Neben George Jones und den alten Outlaws der 70er -- Willie Nelson, Kris Kristofferson und Merle Haggard -- präsentiert sich auch Keith Richard als bemerkenswert stilsicherer Country-Sänger). Hier die komplette Gästeliste: Jimmy Page, B.B. King, Bruce Springsteen, Mick Jagger & Ron Wood, Neil Young, Robbie Robertson, John Fogerty, Keith Richards, Ringo Starr, Merle Haggard, Kid Rock, Rod Stewart, George Jones, Willie Nelson, Toby Keith, Eric Clapton, Little Richard, Delaney Bramlett, Buddy Guy, Don Henley, Kris Kristofferson. Dazu kommen noch weitere Herrschaften, deren Namen einen gierigen Blick machen beim Lesen: Jim Keltner zum Beispiel, Ken Lovelace, Hutch Hutchinson oder Paddy Maloney...
"Last Man Standing" bietet nicht nur allerbrillantesten "Killer"-Sound, sondern auch noch Überraschungen en masse: Mal lässt Lewis sich bei Van Morrisons "What Makes My Irish Heart Beat" von Don Henley und -- Chieftains-Chief Paddy Maloney begleiten, mal fegt er zusammen mit Ringo Starr den Chuck-Berry-Klassiker "Sweet Little Sixteen" über die Tasten, mal bewährt sich im Duett mit Springsteen ein Saxophon als veritables Boogie-Instrument, mal unternimmt er einen hörenswerten Folk-Ausflug zusammen mit Kristofferson, mal nimmt er zusammen mit Kid Rock "Honky Tonk Woman" auseinander... und dass John Lennon diese Version von "I Saw Her Standing There" (Jerry Lee Lewis & Little Richard) nicht mehr erleben kann, ist mehr als schade. Sogar Rod Stewart lässt sich ertragen, wenn "the Killer" das Kommando hat.
Langsam frag ich mich ja, woran es liegt, dass es all diese Urgesteine im satten Rentenalter immer noch voll bringen -- gelernt ist halt gelernt, vermutlich. Beim "Killer" ist's auf jeden Fall so -- was der zusammen mit der teilweise auch schon in Ehren ergrauten Crème der Szene(n) auf die Beine gestellt hat, sprüht vor Rhythm'n'Blues und Rock'n'Roll, hat den Blues, bietet gediegene Schwofnummern, brilliert mit Country und Folk.
Die Linie von "Last Man Standing" ist klar: Rock'n'Roll, Boogie und Rockabilly bilden das Rückgrat dieser CD; gleich der erste Song, "Rock and Roll", ein Duett mit Jimmy Page, zeigt, wo's langgeht. Unverkennbar sind immer noch Lewis' Piano-Läufe; die klingen so frisch und sind nicht zu bremsen, wie vor Jahr und Tag. Höchstens die beiden letzten Tracks weichen ein wenig von der Grundlinie ab; hier bleibt Lewis' Piano ein wenig im Hintergrund. An der Qualität ändert das freilich nichts.
Jerry Lee Lewis, tatsächlich der letzte Überlebende des legendären One Million Dollar Quartet des Sun-Labels (die andern drei waren Elvis Presley, Carl Perkins und Johnny Cash), steht immer noch aufrecht. Aber sowas von aufrecht!