Seit der Reunion der Band ist nun mit Last Look at Eden das dritte Studioalbum erschienen. Wenn man die Almost-Unplugged-Scheibe dazurechnet, ist es sogar der vierte Longplayer innerhalb von fünf Jahren.
Europe sind aber nicht nur erstaunlich produktiv, sondern verblüffen seit Start from the Dark mit Alben die vom Charakter her unterschiedlicher kaum sein könnten. Man gewinnt zunehmend den Eindruck, dass sie sich sämtliche "Altlasten" (Haarspray-Rock und was dergleichen Stempel mehr sind) von der Seele spielen und nur noch machen, was ihnen selbst am meisten Spaß macht: Unglaublich gute Rockmusik mit einer enormen stilistischen Bandbreite!
Wer die Cover-Versionen von Almost Unplugged einmal gehört hat (z. B. den Led-Zeppelin-Klassiker Since I've Been Loving You oder U.F.O's Love to Love), der konnte ahnen, dass es auf dem neuen Album mächtig 70er-Jahre orientiert zugehen würde. Die Rhythm-Section grooved, Gitarrist John Norum lebt den Blues wie außer ihm nur Gary Moore und Sänger Joey Tempest bietet die volle Bandbreite seiner bekannt eindrucksvollen Stimme: Rockröhre, teasender Blues, einfühlsame Ballade.
Der Title Track Last Look at Eden schiebt das Album in feinster Bombast-Rock-Manier an. Der geschickte Einsatz des tschechischen Landessymphonieorchesters lässt an Led Zeppelin und Aerosmith denken, der Chorus ist eingängig und geht so schnell nicht wieder aus dem Ohr. Kein Wunder, dass es die erste Single-Auskopplung ist!
Mit den Midtempo-Nummern Gonna Get Ready und Catch That Plane geht es dann etwas langsamer weiter, bevor mit New Love in Town die erste Ballade des Albums ertönt. Klare Melodie, tolle Harmonien und ein wunderbar unkitschiger Text: Eine Ballade für Erwachsene, bei der ein Jon Bon Jovi wahrscheinlich vor Neid in die Tischplatte beißen würde!
Mit The Beast folgt der härteste Song des Albums. Hier sind Europe so nah am Metal wie nur möglich. Seit Scream of Anger vom 84er Album Wings of Tomorrow hat man die Band nicht mehr so loshämmern hören! Der Song entwickelt einen unglaublichen Drive, sodass man froh über den ruhigeren Mittelpart ist, weil man mal verschnaufen muss und sich im Kopf eh schon alles vom Headbangen dreht. Oder um es mit dem Song selbst zu sagen: It's a ride worthwhile, my friend, Go!
Mojito Girl ist Blues-Rock par excellence. Musik und Text passen perfekt zusammen (Mic Michaelis Hammond-Sounds, John Norums Solo) und ergeben einen Cocktail, der sexier (ja ja) und schwofiger kaum sein könnte.
Bei No Stone Unturned fiel mir doch glatt die Kinnlade runter: Sphärisches Intro, orientalisch angehauchte Rhythmen und Riffs, starke Melodie und wieder das Symphonieorchester, das sich perfekt in den Soudteppich einwebt ohne aufdringlich zu sein. Das Solo leitet ein Keyboard-Lauf ein, der in seinem Sound ziemlich an Jean Michel Jarre erinnert. Dieser Song ist wie ein fliegender Teppich, zumal einer von der handwerklich anspruchsvollen Sorte!
Bei Only Young Twice kann man dann wieder durchatmen, es sei denn man versucht Joey Tempest beim Mitsingen des Chorus zu übertrumpfen: Der Mann hat so viel Power in der Stimme, dass einem selbige bloß wegbleiben kann.
U Devil U war schon auf der Vorab-EP zu hören und wirkte neben Last Look at Eden etwas fehl am Platz. Im Gesamtzusammenhang des Albums gewinnt der Song aber definitiv dazu. Wenn er auch zu den musikalisch vielleicht unauffälligeren Songs des Albums gehört, glänzt er jedoch durch einen ironisch-humorvollen Text. Also genau zuhören und denken, was Ihr Euch vielleicht nicht zu denken traut ohne Rot zu werden! ;-)
Auf das kräftig daherrumpelnde Run with the Angels - auch hier wieder eine erstaunliche Gesangsleistung und ein ungewöhnliches Solo - folgt mit In my Time wohl eine der größten Blues-Balladen, die es gibt. John Norum spielt einfach nur göttlich, Tempest singt wunderbar gefühlvoll, der Text ist unendlich traurig und es ist wohl nicht zu weit hergeholt hier einen Zusammenhang mit dem viel zu frühen Tod von Norums Ehefrau Michelle Meldrum zu vermuten. Chapeau, John!
Last Look at Eden ist ein außerordentlich reifes Rock-Album, wie man es heutzutage kaum für möglich gehalten hätte. Man hat den Eindruck die Schweden hätten bereits in den 70ern erfolgreich Musik gemacht, die 80er und 90er übersprungen und einfach im 21. Jahrhundert weitergemacht.
Wer geglaubt hat, er würde eine Fortsetzung von Start from the Dark oder Secret Society bekommen, der hat sich getäuscht. Drin stecken zwar immer unverkennbar Europe, aber mit jedem Album seit der Reunion haben sie ein neues musikalisches Kapitel aufgeschlagen. Man darf gespannt sein, in welche musikalischen Gefilde uns diese kreative und spielfreudige Band noch führen wird!