Aus der Amazon.de-Redaktion
Worüber redet ein 46-jähriger Professor angesichts einer Aussicht, die keine mehr ist? Reminiszenzen über Tod, Vergänglichkeit und Wiederkehr? Nicht so Randy Pausch, der beinahe generalstabsmäßig und mit Overheadfolien präpariert vor seinem Publikum nichts weniger als das pralle Leben feiert. In den USA diesem klassischen Tropengebiet für Ratgeber und Lebenshilfen -, besitzen das Video der Vorlesung (auf You Tube einsehbar), sowie die erweiterte Buchfassung inzwischen fast schon so etwas wie Erweckungscharakter. Insofern darf man auf die Rezeption im Alten Europa durchaus gespannt sein.
Die wahren Adressaten der Vorlesung sind Pauschs minderjährige Kinder. Dylan, Logan und die kleine Chloe sollten später einmal erfahren, wer der Vater war, der nur kurz ihr Leben streifte und was er ihnen mitzuteilen gehabt hätte. Auch verschweigt Pausch nicht, dass seine Frau Jai mit dem lebenszeitraubenden Plan der Vorlesung anfänglich alles andere als einverstanden war. Worauf nun gründet der immense Erfolg, der Pauschs Vorlesung anhaftet: Hindernisse überwinden? Ungelebte Träume verwirklichen? Anderen helfen? Niemals aufgeben? Auch aus dem Munde eines Todgeweihten sind dies keine sonderlich originären Erkenntnisse. Pausch ist nicht Heidegger. Philosophisch gesehen ist sein Buch kein Gewinn. Bleibt also nur diese fast schon disneyhaft reine uramerikanische Wir können es schaffen-Mentalität, von der Pauschs Weckruf durchdrungen ist, und die ihre ganz eigene suggestive Kraft entwickelt. In Amerika haben die Lehren seines Lebens bereits breiteste Bevölkerungsschichten rauschhaft erfasst. Hierzulande bleibt die Reaktion noch abzuwarten! Professor Pausch und seinen Lieben inzwischen alles erdenklich Gute! Ravi Unger
Pressestimmen
"Ein bewegendes Vermächtnis." (Stern.de )
"Seine Last Lecture wurde zum Symbol für einen beispiellosen Lebenswillen." (Stern.de )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Focus
"Ein bewegendes Vermächtnis."
Stern.de
"Seine Last Lecture wurde zum Symbol für einen beispiellosen Lebenswillen."
Stern.de
Über den Autor
Jeffrey Zaslow, Journalist und Kolumnist beim Wall Street Journal, war bereits Co-Autor des Weltbestsellers »Last Lecture« von Randy Pausch.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich habe eine Funktionsstörung.
Obwohl ich im großen Ganzen in bester physischer Verfassung bin, habe ich zehn Tumore in meiner Leber und nur noch wenige Monate zu leben.
Ich bin Vater von drei kleinen Kindern und mit der Frau meiner Träume verheiratet. Ich könnte mir leidtun, aber das würde weder ihnen noch mir gut bekommen.
Wie soll ich meine drastisch verkürzte Lebenszeit also verbringen?
Dass ich bei meiner Familie bin und mich um sie kümmere, liegt auf der Hand. Solange ich es kann, werde ich mich an jeden Moment mit ihnen klammern und all die notwendigen logistischen Dinge tun, die ihren Weg in ein Leben ohne mich erleichtern können.
Weniger auf der Hand liegt, wie ich meinen Kindern beibringen kann, was ich ihnen im Laufe der nächsten zwanzig Jahre beigebracht hätte. Im Moment sind sie noch zu klein, um richtige Gespräche führen zu können. Eltern wollen ihren Kindern nicht nur den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beibringen, sie wollen sie auch auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten. Und das tun sie oft, indem sie ihren Kindern Geschichten aus dem eigenen Leben erzählen, in der Hoffnung, ihnen damit zu helfen, ihr Leben leben zu lernen. Auch ich habe diese Hoffnung. Sie war es, die mich veranlasste, eine »Last Lecture« an der Carnegie Mellon University zu halten.
Die Universität zeichnet solche Vorlesungen auf Video auf, deshalb war mir sofort klar, was mir dabei gelingen musste — nämlich mich sozusagen unter dem Vorwand einer akademischen Veranstaltung in eine Flasche zu zwängen, die eines Tages meinen Kindern am Strand vor die Füße gespült würde. Wäre ich ein Maler, hätte ich ihnen ein Selbstporträt gemalt. Wäre ich ein Musiker, hätte ich ihnen etwas komponiert. Aber ich bin Dozent. Also dozierte ich.
Ich sprach über die Freuden des Lebens, erzählte, wie sehr ich das Leben schätze, selbst jetzt, da nur noch so wenig von meinem eigenen übrig ist. Ich sprach von Aufrichtigkeit, Integrität, Dankbarkeit und all den anderen Dingen, die mir lieb und teuer sind. Und ich gab mir alle Mühe, dabei niemanden zu langweilen.
Dieses Buch gibt mir die Möglichkeit, das fortzusetzen, was ich am Rednerpult im Hörsaal begann. Weil Zeit kostbar ist und ich so viel wie nur möglich davon mit meinen Kindern verbringen möchte, bat ich Jeffrey Zaslow um Hilfe. Ich radle ohnedies täglich in meiner Nachbarschaft herum, um mich so fit wie möglich zu halten. Also sprach ich während dreiundfünfzig langer Radtouren über das Headset meines Handys mit Jeff — man könnte das wohl meine dreiundfünfzig Lectures nennen —, und er verbrachte dann unzählige Stunden damit, um aus diesen Erzählungen das vorliegende Buch zu machen.
Wir wussten von Anfang an: Nichts davon kann einen lebenden Elternteil ersetzen. Doch wenn man etwas konstruieren will, dann geht es nicht um perfekte Lösungen. Es geht darum, das Bestmögliche aus den begrenzten Ressourcen zu machen. Das versuchte ich mit meiner »Last Lecture« und diesem Buch.
»LAST LECTURE«
Ein verletzter Löwe will noch brüllen
Viele Professoren halten eine »Last Lecture«. Vielleicht habt ihr auch schon bei einer dieser typisch amerikanischen Uni-Veranstaltungen im Auditorium gesessen:
Professoren werden gebeten, über das zu reden, was ihnen am wichtigsten ist, so, als wäre es die letzte Vorlesung ihres Lebens. Und die Zuhörer fragen sich automatisch, welche Lebensweisheiten sie selbst der Welt vermitteln würden, wenn sie ein letztes Mal die Chance dazu hätten. Was würden wir gerne als unser Vermächtnis hinterlassen, wenn wir morgen vom Erdboden verschwänden?
An der Carnegie Mellon University gab es jahrelang eine Last Lecture Series, doch bis die Veranstalter schließlich fanden, dass nun ich an der Reihe sei, war diese Vorlesungsreihe umbenannt worden. Nun lief sie unter dem Titel Journeys: Den ausgewählten Professoren wurde vorgegeben, »Reflexionen über ihre persönliche und berufliche Reise« anzubieten. Das war nicht gerade eine aufregende Definition, aber ich erklärte mich einverstanden. Man trug mich für den Veranstaltungstermin im September ein.
Zu dieser Zeit war mein Pankreaskrebs bereits diagnostiziert worden, aber ich war optimistisch. Vielleicht würde ich ja zu den Glücklichen zählen, die ihn überlebten.
Während ich die Behandlungen über mich ergehen ließ, bombardierten mich die Veranstalter mit E-Mails. »Worüber wirst du reden?«, fragten sie. »Maile uns bitte eine kurze Zusammenfassung.« Es gibt Formalien im akademischen Leben, die man nicht einfach ignorieren kann, selbst wenn man gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist und beispielsweise versucht, nicht zu sterben. Mitte August wurde mir mitgeteilt, dass das Plakat für die Vorlesung gedruckt werden solle und ich mich endlich für ein Thema entscheiden müsse.
In genau dieser Woche erhielt ich die Nachricht, dass die letzte Behandlung nicht angeschlagen hatte und ich nur noch ein paar Monate leben würde.
Ich wusste, dass ich die Vorlesung jederzeit absagen konnte. Alle hätten das verstanden. Plötzlich gab es so viel Wichtigeres zu tun. Ich musste mit meinem eigenen Kummer und mit der Trauer all derer klarkommen, die mich liebten. Ich musste mich mit aller Kraft ins Zeug werfen, um die Angelegenheiten meiner Familie in Ordnung bringen. Trotzdem konnte ich den Gedanken an diese Vorlesung nicht abschütteln. Ich war wie besessen von der Idee, eine Last Lecture zu halten, die wirklich eine letzte sein würde. Aber was sollte ich sagen? Wie würde man es aufnehmen? Würde ich es überhaupt durchstehen können?
»Sie würden es akzeptieren, wenn ich einen Rückzieher mache«, erklärte ich meiner Frau Jai, »aber ich will es wirklich tun.«
Jai war von jeher mein Cheerleader. Wenn ich mich für etwas begeisterte, tat sie es auch. Doch die Idee von einer letzten Vorlesung kam nicht gut bei ihr an. Gerade erst waren wir von Pittsburgh ins südöstliche Virginia gezogen, damit Jai und die Kinder nach meinem Tod in der
Nähe ihrer Familie sein könnten. Jai fand, dass ich meine kostbare Zeit lieber mit unseren Kindern verbringen sollte oder damit, die Kisten in unserem neuen Haus auszupacken, als Stunden für die Vorbereitung einer Vorlesung zu verschwenden und dann nach Pittsburgh zurückzureisen, um sie zu halten.
»Nenne mich meinetwegen egoistisch«, sagte Jai, »aber ich will dich ganz. Die Zeit, die du mit der Ausarbeitung des Vortrags verbringst, ist verlorene Zeit, denn sie wird dich ständig von den Kindern und mir fernhalten.«
Ich verstand ihre Vorbehalte. Als ich krank wurde, hatte ich mir geschworen, auf Jai einzugehen und ihre Wünsche zu berücksichtigen. Ich empfand es geradezu als meine Mission, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ihr Leben von den Bürden zu entlasten, die ihr durch meine Krankheit auferlegt wurden. Deshalb verbrachte ich viele Stunden zwischen Schlafen und Wachen damit, Arrangements für die Zukunft meiner Familie zu treffen, die ohne mich stattfinden wird. Trotzdem kam ich nicht gegen den Drang an, diese letzte Vorlesung zu halten.
Im Laufe meiner akademischen Karriere hielt ich so manche ziemlich gute Rede. Doch wenn man als der beste Redner eines Computer Science Department gilt, dann ist das, als hielten sie dich für den größten der sieben Zwerge. Diesmal hatte ich jedoch tatsächlich das Gefühl, dass mehr in mir steckt und ich den Menschen etwas Besonderes anbieten könnte, wenn ich alles gäbe. »Weisheit« ist ein großes Wort, aber vielleicht ist es das passende für diesen Moment der Erkenntnis.
Jai war noch immer unglücklich über meine Entscheidung. Schließlich beschlossen wir, die ganze Sache mit Michele Reiss zu besprechen, einer Psychotherapeutin, zu der wir seit ein paar Monaten gingen, weil sie sich darauf spezialisiert hatte, Paaren beizustehen, die mit der tödlichen Krankheit eines Partners konfrontiert sind.
»Ich kenne Randy«, sagte Jai zu Dr. Reiss. »Er ist ein...
Auszug aus Last Lecture - Die Lehren meines Lebens von Randy Pausch, Jeffrey Zaslow, Yvonne Badal. Copyright © 2008. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ich habe eine Funktionsstörung.
Obwohl ich im großen Ganzen in bester physischer Verfassung bin, habe ich zehn Tumore in meiner Leber und nur noch wenige Monate zu leben.
Ich bin Vater von drei kleinen Kindern und mit der Frau meiner Träume verheiratet. Ich könnte mir leidtun, aber das würde weder ihnen noch mir gut bekommen.
Wie soll ich meine drastisch verkürzte Lebenszeit also verbringen?
Dass ich bei meiner Familie bin und mich um sie kümmere, liegt auf der Hand. Solange ich es kann, werde ich mich an jeden Moment mit ihnen klammern und all die notwendigen logistischen Dinge tun, die ihren Weg in ein Leben ohne mich erleichtern können.
Weniger auf der Hand liegt, wie ich meinen Kindern beibringen kann, was ich ihnen im Laufe der nächsten zwanzig Jahre beigebracht hätte. Im Moment sind sie noch zu klein, um richtige Gespräche führen zu können. Eltern wollen ihren Kindern nicht nur den Unterschied zwischen Recht und Unrecht beibringen, sie wollen sie auch auf die Herausforderungen des Lebens vorbereiten. Und das tun sie oft, indem sie ihren Kindern Geschichten aus dem eigenen Leben erzählen, in der Hoffnung, ihnen damit zu helfen, ihr Leben leben zu lernen. Auch ich habe diese Hoffnung. Sie war es, die mich veranlasste, eine »Last Lecture« an der Carnegie Mellon University zu halten.
Die Universität zeichnet solche Vorlesungen auf Video auf, deshalb war mir sofort klar, was mir dabei gelingen musste - nämlich mich sozusagen unter dem Vorwand einer akademischen Veranstaltung in eine Flasche zu zwängen, die eines Tages meinen Kindern am Strand vor die Füße gespült würde. Wäre ich ein Maler, hätte ich ihnen ein Selbstporträt gemalt. Wäre ich ein Musiker, hätte ich ihnen etwas komponiert. Aber ich bin Dozent. Also dozierte ich.
Ich sprach über die Freuden des Lebens, erzählte, wie sehr ich das Leben schätze, selbst jetzt, da nur noch so wenig von meinem eigenen übrig ist. Ich sprach von Aufrichtigkeit, Integrität, Dankbarkeit und all den anderen Dingen, die mir lieb und teuer sind. Und ich gab mir alle Mühe, dabei niemanden zu langweilen.
Dieses Buch gibt mir die Möglichkeit, das fortzusetzen, was ich am Rednerpult im Hörsaal begann. Weil Zeit kostbar ist und ich so viel wie nur möglich davon mit meinen Kindern verbringen möchte, bat ich Jeffrey Zaslow um Hilfe. Ich radle ohnedies täglich in meiner Nachbarschaft herum, um mich so fit wie möglich zu halten. Also sprach ich während dreiundfünfzig langer Radtouren über das Headset meines Handys mit Jeff - man könnte das wohl meine dreiundfünfzig Lectures nennen -, und er verbrachte dann unzählige Stunden damit, um aus diesen Erzählungen das vorliegende Buch zu machen.
Wir wussten von Anfang an: Nichts davon kann einen lebenden Elternteil ersetzen. Doch wenn man etwas konstruieren will, dann geht es nicht um perfekte Lösungen. Es geht darum, das Bestmögliche aus den begrenzten Ressourcen zu machen. Das versuchte ich mit meiner »Last Lecture« und diesem Buch.
»LAST LECTURE«
Ein verletzter Löwe will noch brüllen
Viele Professoren halten eine »Last Lecture«. Vielleicht habt ihr auch schon bei einer dieser typisch amerikanischen Uni-Veranstaltungen im Auditorium gesessen:
Professoren werden gebeten, über das zu reden, was ihnen am wichtigsten ist, so, als wäre es die letzte Vorlesung ihres Lebens. Und die Zuhörer fragen sich automatisch, welche Lebensweisheiten sie selbst der Welt vermitteln würden, wenn sie ein letztes Mal die Chance dazu hätten. Was würden wir gerne als unser Vermächtnis hinterlassen, wenn wir morgen vom Erdboden verschwänden?
An der Carnegie Mellon University gab es jahrelang eine Last Lecture Series, doch bis die Veranstalter schließlich fanden, dass nun ich an der Reihe sei, war diese Vorlesungsreihe umbenannt worden. Nun lief sie unter dem Titel Journeys: Den ausgewählten Professoren wurde vorgegeben, »Reflexionen über ihre persönliche und berufliche Reise« anzubieten. Das war nicht gerade eine aufregende Definition, aber ich erklärte mich einverstanden. Man trug mich für den Veranstaltungstermin im September ein.
Zu dieser Zeit war mein Pankreaskrebs bereits diagnostiziert worden, aber ich war optimistisch. Vielleicht würde ich ja zu den Glücklichen zählen, die ihn überlebten.
Während ich die Behandlungen über mich ergehen ließ, bombardierten mich die Veranstalter mit E-Mails. »Worüber wirst du reden?«, fragten sie. »Maile uns bitte eine kurze Zusammenfassung.« Es gibt Formalien im akademischen Leben, die man nicht einfach ignorieren kann, selbst wenn man gerade mit anderen Dingen beschäftigt ist und beispielsweise versucht, nicht zu sterben. Mitte August wurde mir mitgeteilt, dass das Plakat für die Vorlesung gedruckt werden solle und ich mich endlich für ein Thema entscheiden müsse.
In genau dieser Woche erhielt ich die Nachricht, dass die letzte Behandlung nicht angeschlagen hatte und ich nur noch ein paar Monate leben würde.
Ich wusste, dass ich die Vorlesung jederzeit absagen konnte. Alle hätten das verstanden. Plötzlich gab es so viel Wichtigeres zu tun. Ich musste mit meinem eigenen Kummer und mit der Trauer all derer klarkommen, die mich liebten. Ich musste mich mit aller Kraft ins Zeug werfen, um die Angelegenheiten meiner Familie in Ordnung bringen. Trotzdem konnte ich den Gedanken an diese Vorlesung nicht abschütteln. Ich war wie besessen von der Idee, eine Last Lecture zu halten, die wirklich eine letzte sein würde. Aber was sollte ich sagen? Wie würde man es aufnehmen? Würde ich es überhaupt durchstehen können?
»Sie würden es akzeptieren, wenn ich einen Rückzieher mache«, erklärte ich meiner Frau Jai, »aber ich will es wirklich tun.«
Jai war von jeher mein Cheerleader. Wenn ich mich für etwas begeisterte, tat sie es auch. Doch die Idee von einer letzten Vorlesung kam nicht gut bei ihr an. Gerade erst waren wir von Pittsburgh ins südöstliche Virginia gezogen, damit Jai und die Kinder nach meinem Tod in der
Nähe ihrer Familie sein könnten. Jai fand, dass ich meine kostbare Zeit lieber mit unseren Kindern verbringen sollte oder damit, die Kisten in unserem neuen Haus auszupacken, als Stunden für die Vorbereitung einer Vorlesung zu verschwenden und dann nach Pittsburgh zurückzureisen, um sie zu halten.
»Nenne mich meinetwegen egoistisch«, sagte Jai, »aber ich will dich ganz. Die Zeit, die du mit der Ausarbeitung des Vortrags verbringst, ist verlorene Zeit, denn sie wird dich ständig von den Kindern und mir fernhalten.«
Ich verstand ihre Vorbehalte. Als ich krank wurde, hatte ich mir geschworen, auf Jai einzugehen und ihre Wünsche zu berücksichtigen. Ich empfand es geradezu als meine Mission, alles in meiner Macht Stehende zu tun, um ihr Leben von den Bürden zu entlasten, die ihr durch meine Krankheit auferlegt wurden. Deshalb verbrachte ich viele Stunden zwischen Schlafen und Wachen damit, Arrangements für die Zukunft meiner Familie zu treffen, die ohne mich stattfinden wird. Trotzdem kam ich nicht gegen den Drang an, diese letzte Vorlesung zu halten.
Im Laufe meiner akademischen Karriere hielt ich so manche ziemlich gute Rede. Doch wenn man als der beste Redner eines Computer Science Department gilt, dann ist das, als hielten sie dich für den größten der sieben Zwerge. Diesmal hatte ich jedoch tatsächlich das Gefühl, dass mehr in mir steckt und ich den Menschen etwas Besonderes anbieten könnte, wenn ich alles gäbe. »Weisheit« ist ein großes Wort, aber vielleicht ist es das passende für diesen Moment der Erkenntnis.
Jai war noch immer unglücklich über meine Entscheidung. Schließlich beschlossen wir, die ganze Sache mit Michele Reiss zu besprechen, einer Psychotherapeutin, zu der wir seit ein paar Monaten gingen, weil sie sich darauf spezialisiert hatte, Paaren beizustehen, die mit der tödlichen Krankheit eines Partners konfrontiert sind.
»Ich kenne Randy«, sagte Jai zu Dr. Reiss. »Er ist ein Workaholic. Ich weiß, wie er sein wird, wenn er diese Vorlesung vorbereitet. Es wird ihn völlig in Anspruch nehmen.« Sie hielt diese Lecture für eine total unnötige Ablenkung von all den erdrückenden Fragen, mit denen wir uns herumschlagen mussten.
Jai war noch wegen etwas anderem aufgebracht. Wenn ich die Vorlesung am angesetzten Termin halten wollte, dann würde ich am Tag vorher nach Pittsburgh fliegen müssen, und das war Jais einundvierzigster Geburtstag. »Es ist mein letzter Geburtstag, den wir gemeinsam feiern können«, sagte sie zu mir. »Du willst mich tatsächlich an diesem Tag alleinlassen?«
Natürlich war es ein schmerzlicher Gedanke, diesen Geburtstag nicht mit Jai zu verbringen. Trotzdem ließ mich der Gedanke an die Vorlesung nicht los. Ich hatte begonnen, sie als den letzten Akt in meiner Karriere zu betrachten, als eine Möglichkeit, mich von meiner »Arbeitsfamilie« zu verabschieden. Außerdem ertappte ich mich bei der Vorstellung, dass sie das oratorische Äquivalent jenes letzten Balls sein würde, den der Schläger vor seinem Abschied vom Baseball ins Upper Deck schmettert. Die Schlussszene aus Der Unbeugsame, in der der alternde Spieler Roy Hobbs zur Überraschung aller diesen himmelhohen Homerun schlägt, hat mir schon immer gefallen.
Dr. Reiss hörte Jai und mir zu. In Jai, sagte sie, sehe sie eine starke, liebende Frau, die Jahrzehnte eines erfüllten Lebens mit einem Ehemann vor sich gesehen hatte, der mit ihr zusammen die Kinder aufzog. Nun musste unser gemeinsames Leben auf wenige Monate verdichtet werden. In mir sah Dr. Reiss einen Mann, der noch nicht bereit war, sich vollständig ins Privatleben zurückzuziehen, und ganz gewiss nicht bereit, sich auf sein Sterbebett zu legen. »Diese Vorlesung wird für viele Menschen, die mir etwas bedeuten, eine letzte Möglichkeit sein, mich noch einmal in Fleisch und Blut zu sehen«, erklärte ich rundheraus. »Und mir gibt sie nicht nur die Möglichkeit, darüber nachzudenken, was mir am meisten bedeutet, sondern auch die Chance, noch einmal alles zu tun, was mir auf dem Weg aus dem Leben möglich ist, um das Bild zu zementieren, das die Menschen von mir in Erinnerung behalten werden.«
Mehr als nur einmal hatte Dr. Reiss Jai und mich auf ihrer Bürocouch sitzen sehen, eng aneinandergeschmiegt, beide in Tränen aufgelöst. Sie sagte, sie nehme den großen Respekt wahr, den wir einander entgegenbrächten, und sei oft tief bewegt gewesen von unserer Entschlossenheit, unsere letzte Zeit zusammen wirklich gut hinzukriegen. Doch bei der Frage, ob ich diese letzte Vorlesung halten sollte oder nicht, könne sie sich nicht einschalten, das sei nicht ihre Aufgabe. »Das müsst ihr selbst entscheiden«, sagte sie und drängte uns, einander genau zuzuhören, damit wir einen Beschluss fassen konnten, der für uns beide richtig war.
Angesichts von Jais Zurückhaltung wusste ich, dass ich meine Motive ganz ehrlich betrachten musste. Warum bedeutete mir diese Vorlesung so viel? Bot sie sich als eine Möglichkeit an, mir und allen anderen zu beweisen, dass ich noch immer höchst lebendig war? Oder zu zeigen, dass ich noch immer genug Kraft hatte, um zu funktionieren? War es das Bedürfnis eines Mannes, der das Rampenlicht liebt, ein letztes Mal auf den Putz zu hauen? Die Antwort auf all diese Fragen war: Ja. »Ein verletzter Löwe will wissen, ob er noch brüllen kann«, sagte ich zu Jai. »Es geht um Würde und Selbstachtung, und das ist nicht ganz das Gleiche wie Eitelkeit.«
Aber hier spielte noch etwas anderes eine Rolle: Ich begann diese Vorlesung als mein Medium zu betrachten, auf dem ich in jene Zukunft gleiten konnte, die ich nie sehen würde.
Ich erinnerte Jai an das Alter unserer Kinder: fünf Jahre, zwei Jahre, ein Jahr. »Schau«, sagte ich, »mit seinen fünf
Jahren wird sich Dylan vermutlich ein paar Erinnerungen an mich bewahren. Aber an wie viel wird er sich wirklich erinnern? Was wissen wir denn noch aus der Zeit, als wir fünf waren? Wird Dylan noch wissen, wie ich mit ihm gespielt habe und worüber er mit mir gelacht hat? Bestenfalls wird er sich vage erinnern. Und was ist mit Logan und Chloe? Sie werden sich vermutlich an gar nichts erinnern. Null. Vor allem Chloe. Und ich sage dir, wenn die Kinder älter sind, dann werden sie durch diese Phase gehen, dann werden sie sich schmerzlich danach sehnen, etwas zu erfahren: Wer war mein Vater? Wie war er? Diese Vorlesung könnte ihnen einmal helfen, Antworten auf ihre Fragen zu finden.« Ich würde sicherstellen, erklärte ich Jai, dass Carnegie Mellon den Vortrag aufzeichnete. »Ich besorge dir eine DVD. Wenn die Kinder älter sind, kannst du sie ihnen vorspielen. Es wird ihnen helfen, zu verstehen, wer ich war und was mir wichtig war.«
Jai ließ mich ausreden, dann stellte sie die naheliegende Frage: »Wenn es etwas gibt, das du den Kindern sagen willst, oder einen Rat, den du ihnen geben willst, warum stellst du dann nicht einfach eine Videokamera auf und sagst es ihnen hier im Wohnzimmer?«
An dem Punkt hatte sie mich fast. Aber eben nur fast. Der natürliche Lebensraum des Löwen ist der Dschungel, und mein Dschungel war noch immer der Campus, umringt von meinen Studenten. »Eines habe ich gelernt«, sagte ich zu Jai, »nämlich, dass es nichts schadet, wenn Außenstehende zum ausgleichenden Element bei Dingen werden, die Eltern ihren Kindern sagen wollen. Wenn ein großes Publikum an den richtigen Stellen lacht oder applaudiert, dann kann das dem, was ich den Kindern sagen will, vielleicht noch mehr Gewicht verleihen.«
Jai lächelte mich an, ihren sterbenden Showman, und lenkte endlich ein. Sie wusste, dass ich mich nach einer Möglichkeit verzehrte, den Kindern etwas zu hinterlassen. Okay, vielleicht bot diese Vorlesung ja wirklich einen Weg.
Nachdem ich grünes Licht von Jai bekommen hatte, stand ich vor einer ziemlichen Herausforderung. Wie konnte ich diese akademische Vorlesung so gestalten, dass sie in zehn Jahren oder noch später Anklang bei meinen Kindern finden würde?
Definitiv wusste ich nur, dass ich mich dabei nicht auf den Krebs konzentrieren wollte. Meine medizinische Geschichte war, wie sie war, und ich war sie schon x-mal von vorne bis hinten durchgegangen. Eine Abhandlung über meinen intimen Umgang mit der Krankheit oder über die neuen Perspektiven, die sie mir eröffnete, interessierte mich nicht. Viele Leute erwarteten wahrscheinlich, dass ich über das Sterben reden würde. Aber ich wollte unbedingt über das Leben reden.
* * *
»Was macht mich einzigartig?«
Das war die Frage, die sich mir am vordringlichsten stellte. Wenn ich sie beantworten konnte, dann konnte ich vielleicht auch herausfinden, was ich den anderen eigentlich mitteilen wollte. Ich saß mit Jai im Vorzimmer eines Arztes in der Johns-Hopkins-Klinik. Wieder einmal warteten wir auf einen Bericht der Pathologie. Da platzte ich mit meinen Gedanken heraus.
»Der Krebs macht mich nicht einzigartig«, sagte ich. So viel steht fest. Bei über 37 000 Amerikanern wird alljährlich allein Pankreaskrebs diagnostiziert.
Also grübelte ich, wie ich mich selbst definierte: als einen Lehrer, einen Computerwissenschaftler, einen Ehemann, einen Vater, einen Sohn, einen Freund, einen Bruder, einen Mentor meiner Studenten - jede dieser Rollen schätzte ich. Aber unterschied mich auch nur eine davon von anderen Menschen?
Ich hatte zwar immer schon ein gesundes Selbstbewusstsein, aber ich wusste, dass es für diese Vorlesung mehr als nur meines Stolzes und der Tapferkeit bedurfte. Also fragte ich mich: »Was habe ich als einzelner Mensch wirklich anzubieten?«
Und dann, genau dort in diesem Wartezimmer, wusste ich plötzlich, was es war. Es überkam mich wie ein Geistesblitz: Was auch immer ich erreicht hatte, es war alles eine Folge meiner kindlichen Vorlieben und aus den Träumen und Zielen meiner Kindheit entstanden - und dass ich mir fast alle diese Träume erfüllen konnte, hat viel mit meinem spezifischen Charakter zu tun. Meine Einzigartigkeit, das wurde mir nun bewusst, lag in der Besonderheit der Träume, die meine sechsundvierzig Lebensjahre definiert hatten, von den bedeutsamen bis hin zu den ausgesprochen schrulligen. Ich saß in dem Wartezimmer und wusste, dass ich mich trotz des Krebses für einen rundum glücklichen Mann hielt, weil ich diese Träume ausgelebt hatte. Aber verwirklicht hatte ich sie nicht zuletzt auch dank der außergewöhnlichen Menschen, die mich auf meinem Weg so vieles gelehrt hatten. Wenn es mir gelingen würde, meine Geschichte mit der gleichen Leidenschaft zu erzählen, mit der ich sie gelebt hatte, dann würde meine Vorlesung vielleicht auch anderen helfen, einen Weg zur Verwirklichung ihrer Träume zu finden.
Ich hatte meinen Laptop mitgenommen und begann, angefeuert von dieser Erleuchtung, eilig eine E-Mail an die
Veranstalter der Vorlesung zu schreiben. Endlich hätte ich einen Titel für sie, schrieb ich: »Ich entschuldige mich für die Verzögerung. Nennen wir's >Deine Kindheitsträume wahr machen<.«
Mein Leben in einem Laptop
Wie katalogisiert man seine Kindheitsträume? Und wie bekommt man andere dazu, sich erneut mit ihren eigenen Träumen zu vernetzen? Für mich, den Wissenschaftler, waren das nicht gerade die Fragen, mit denen ich üblicherweise zu kämpfen hatte.
Vier Tage lang saß ich in unserem neuen Haus in Virginia an meinem Computer und scannte Dias und Fotos für meine Power-Point-Präsentation ein. Ich war schon immer ein visualisierender Denker gewesen, deshalb war mir klar, dass es keine Textversion, kein Skript meiner Rede geben würde. Dafür trug ich dreihundert Bilder meiner Familie, Studenten und Kollegen zusammen, neben Dutzenden von ausgefallenen Illustrationen, die etwas über Kindheitsträume aussagen konnten. Manchen Bildern fügte ich ein paar Worte hinzu - kleine Hinweise, Sprüche, die eigentlich nur mich selbst am Rednerpult erinnern sollten, was ich jeweils dazu sagen wollte.