In keiner gut sortierten Sammlung von Jazz-CDs dürfen diese Aufnahmen fehlen!!! Diese Doppel-CD fungiert als ein Dokument, dessen Einzigartigkeit für sich selbst spricht: Ca. 2 Wochen vor seinem plötzlichen Ableben durch den Sturz aus dem Fenster seines Amsterdamer Hotels spielte Chet Baker hier in Deutschland, zusammen mit der NDR Bigband und z.T. auch mit dem Hannover Rundfunk Orchester, live vor Publikum noch einmal seine letzten, wirklich bedeutenden Aufnahmen ein.
Da Chet Baker in Amerika nach seiner Erfolgsdekade, den 50ern Jahren, im Ansehen der Öffentlichkeit mehr und mehr verblasste und nur noch 'eingefleischte Jazzer' zu begeistern vermochte, ging er, nachdem er in den 70ern wieder musikalisch aktiver wurde, nach Europa, wo er seit den 80ern fast nur noch auftrat. In Europa wurde ihm als Künstler immer noch die Anerkennung gezollt, die er in seiner Heimat wohl vermisste.
Lange zuvor war bereits Alt-Saphonist Herb Geller(ebenfalls von der Westküste stammend) nach Europa gekommen und hatte sich mittlerweile in Hamburg etabliert (u.a. spielte er auch in Bert Kaempfert's Orchester), und zwar als Saxophonist in der NDR Bigband. Und das war er auch noch zum Zeitpunkt dieser Aufnahmen (Wolfgang Schlüter bediente zu dieser Zeit noch das Vibraphon, die Leitung hatte Dieter Glawischnig).
Die Arrangements für diese Aufnahmen sind gut, im Falle der 9 Minuten Version von "My Funny Valentine" sogar einmalig. Vom Schatten des Todes kann noch keine Rede sein, nichts deutete auf ein baldiges Ableben Chet Bakers hin. Aber der Schatten des Alters, der vergangenen Erfolge aus jüngeren Jahren scheint diese Aufnahme zu durchwirken, sie klingt ein wenig schwer, getragen ... und es paßt! Chet Baker ist alt geworden und er war gut 35 Jahre jünger, als ihm dieser Titel erstmalig große Erfolge bescherte. Mittlerweile aber ließ die Stimme des lange drogensüchtigen Trompeters deutliche Einbußen erkennen (auch der größte Fan kann diese Tatsache nicht wegdiskutieren). Man hört dennoch heraus, daß Chet versuchte aus der Stimme noch einmal heraus zu holen, was sie noch hergab - setzt man diese Aufnahme in einen Vergleich mit anderen aus ähnlichen Zeiträumen (die auch in der ENJA-Reihe erschienen sind), in denen er oft eher salopp am Scatten war.
Chet Baker spielte über Jahre überwiegend vor kleinerem Publikum in Nachtclubs. Ein Anlaß wie dieser, zusammen mit Bigband und Orchester vor einem größeren Publikum zu spielen, war für ihn längst die Seltenheit geworden, dem verlieh er durch ein paar Worte des Dankes an das Publikum zur Reprise-Version von "My Funny Valentine" auf CD 2 auch Ausdruck. In der 9 Minuten Version (CD 1, #2) repräsentiert "My Funny Valentine" das absolute Highlight dieser Doppel CD.
Und bereits in "My Funny Valentine", wie darüber hinaus in jedem anderen Stück dieser CD, bewies Chet Baker, daß sein Trompetenspiel sich über alle stimmlichen Defizite hinweg zu setzen verstand ... sein Ton stimmte bis zuletzt! Souverän, vollkommen mühelos manövriert er die Trompete durch die Arrangements, denen allen sein Spiel die Krone aufsetzt. Aufgenommen wurden die Stücke seinerzeit vom NDR, an der Klangqualität gibt's also nichts auszusetzen.
Die gesamten Stücke, die zu hören sind, wurden auf Chet's eigenen Wunsch hin gespielt, er hatte die freie Wahl beim Repertoire (= "My Favourite Songs"). So finden sich, neben seiner Miles Davis Homage "All Blues", auch einige der Stücke wieder, die Chet Baker bereits in seiner Frühzeit aufgenommen hatte, wie etwa "I Fall In Love Too Easily", "There's A Small Hotel", "Look For The Silver Lining" oder "I Get Along Without You Very Well". In manchen Stücken hatte auch Herb Geller sein Solo, so spielten also diese beiden 'Veteranen' kurz vor dem Tod des Trompeters auch noch mal zusammen ... das taten sie nämlich bereits in den 50ern, damals noch in L.A. (davon gibt's auch Aufnahmen auf CD). In dem Film "Let's Get Lost" von Bruce Weber (gibt's auf DVD) sowie in diesen Aufnahmen sehe ich eine Art von Vermächtnis, für das Chet Baker noch ganz zuletzt gesorgt hat ... danach soll er in Holland nur noch ca. vier mal in Clubs aufgetreten sein (auch davon scheinen Aufnahmen zu existieren), bevor er starb.
Diese Aufnahmen mit der NDR Bigband und dem Hannover Rundfunk Orchester stellen das Schluß-Highlight in der Laufbahn dieses Ausnahmetrompeters dar und das sollte man haben.
-- theSilentNoirFreak