Aus der Amazon.de-Redaktion
Die couragierte Brennan hat sich diesen zuweilen recht unappetitlichen Job selbst zuzuschreiben, war ihr doch vor Jahren ihre rein archäologische Arbeit ein wenig fad geworden. Auch in ihrem neuen Fall steht die "Knochenbeschwörerin" zunächst vor einem schier unlösbaren Problem. Ein kleines Mädchen wurde unschuldiges Opfer eines Bandenkampfes von kriminellen Bikern. Zwei Mitglieder einer Biker-Gang wurden außerdem von rivalisierenden Genossen in die Luft gejagt -- an Tempe Brennan liegt es nun, die Teile korrekt zu sortieren. Doch damit beginnen erst die dramatischen Ermittlungen in einem Krieg verfeindeter Motorradgangs, die um die Kontrolle des Drogenhandels in Montreal kämpfen. Zudem ist Brennan nervlich stark angekratzt. Ihr Freund Ryan, selbst Polizist, scheint ins kriminelle Milieu abgedriftet zu sein und wurde bereits von der Arbeit suspendiert. Ihre zugeteilten Kollegen Claudel und Quickwater scheinen sie alles andere als ernst zu nehmen. Richtig haarig wird es dann, als Tempes Neffe Kit, auf Besuch in Montreal und selbst Motorradfan, in den Dunstkreis der Biker und damit in höchste Lebensgefahr gerät. Die Anthropologin sieht sich zum Handeln außerhalb ihres Labors gezwungen.
Kathy Reichs schlägt in ihrem neuen Roman zunächst eine ruhige Gangart an, vermag jedoch Spannung und Tempo bis zu einem fulminanten Showdown stetig zu steigern. Dabei werden die meisten Leser über die zuweilen arg akademisch anmutenden Dialoge und die Selbstverständlichkeit, mit der wieder einmal eine Ermittlerin persönlich in einen Fall involviert ist, wohlwollend hinweglesen. --Ulrich Deurer -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Pressestimmen
"Tempe Brennans Abenteuer haben Kathy Reichs weit hinauf befördert ans Firmament der Krimiautoren!" (FOCUS )
Kurzbeschreibung
Klappentext
Der Spiegel
"Tempe Brennans Abenteuer haben Kathy Reichs weit hinauf befördert ans Firmament der Krimiautoren!"
FOCUS
Über den Autor
Klaus Berr, geb. 1957 in Schongau, Studium der Germanistik und Anglistik in München, einjähriger Aufenthalt in Wales als "Assistant Teacher", ist der Übersetzer von u.a. Lawrence Ferlinghetti, Tony Parsons, William Owen Roberts, Will Self.
Leseprobe. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
Ihr Name war Emily Anne. Sie war neun Jahre alt, hatte schwarze Locken, lange Wimpern und eine karamellfarbene Haut. Ihre Ohren waren von winzigen goldenen Ringen durchlöchert. Ihre Stirn war durchlöchert von zwei Kugeln aus einer Cobray 9-mm-Halbautomatik.
Es war Samstag, und ich arbeitete, weil mein Chef, Pierre LaManche, mich extra darum gebeten hatte. Seit vier Stunden stand ich im Labor und sortierte Gewebefetzen, als die Tür des großen Autopsiesaals aufging und Sergeant-Detective Luc Claudel hereinmarschiert kam.
Claudel und ich hatten schon öfter zusammengearbeitet, und obwohl er mich inzwischen tolerierte, ja vielleicht sogar schätzte, war das an seiner barschen Art nicht zu erkennen.
»Wo ist LaManche?«, fragte er, warf einen kurzen Blick auf den Untersuchungstisch vor mir und wandte sich dann schnell wieder ab.
Ich sagte nichts. Wenn Claudel schlechte Laune hatte, ignorierte ich ihn einfach.
»Ist Dr. LaManche schon angekommen?« Der Detective vermied es, meine schmierigen Handschuhe anzusehen.
»Heute ist Samstag, Monsieur Claudel. Er arbeitet ni-«
In diesem Augenblick streckte Michel Charbonneau den Kopf zur Tür herein. Durch den Spalt konnte ich das Surren und Scheppern der elektrischen Tür im hinteren Teil des Gebäudes hören.
»Le cadavre est arrivé«, sagte Charbonneau zu seinem Partner.
Cadavre? Was für eine Leiche? Was hatten zwei Detectives der Mordkommission an einem Samstagnachmittag im Leichenschauhaus zu suchen?
Charbonneau begrüßte mich auf Englisch. Er war ein großer Mann mit stacheligen Haaren, die ein bisschen an einen Igel erinnerten.
»Hey, Doc.«
»Was ist denn los?«, fragte ich, pulte die Handschuhe herunter und zog mir die Maske vom Gesicht.
Claudel antwortete mit angespanntem Gesicht und Augen, die im grellen Neonlicht freudlos wirkten.
»Dr. LaManche wird gleich hier sein. Er kann es Ihnen erklären.«
Schon jetzt glitzerte Schweiß auf seiner Stirn, und sein Mund war zu einer schmalen Linie zusammengekniffen. Claudel hasste Autopsien, und er mied das Leichenschauhaus, wann immer es ging. Ohne ein weiteres Wort zog er die Tür ganz auf und schob sich an seinem Partner vorbei. Charbonneau sah ihm nach und wandte sich dann wieder mir zu.
»Das ist schwer für ihn. Er hat Kinder.«
»Kinder?« Ich spürte etwas Kaltes in meiner Brust.
»Die Heathens haben heute Morgen zugeschlagen. Schon mal was von Richard Marcotte gehört?«
Der Name kam mir irgendwie bekannt vor.
»Vielleicht kennen Sie ihn als Araignée. Spinne.« Er bewegte die Finger wie Spinnenbeine. »Klasse Kerl. Und ein gewählter Offizieller der Outlaw Biker, der kriminellen Motorradbanden. Die Spinne ist der Spieß der Vipers, aber heute hatte er einen wirklich schlechten Tag. Als er am Morgen auf dem Weg zum Fitness-Center war, haben die Heathens aus einem fahrenden Auto heraus auf ihn geschossen. Seine werte Begleiterin konnte sich mit einem Sprung in einen Fliederbusch gerade noch retten.«
Charbonneau fuhr sich durch die Haare und schluckte.
Ich wartete.
»Dabei wurde allerdings ein Kind getötet.«
»O Gott.« Meine Finger umklammerten die Handschuhe.
»Ein kleines Mädchen. Man brachte die Kleine ins Kinderkrankenhaus von Montreal, aber sie kam nicht durch. Sie ist jetzt unterwegs hierher. Marcotte war bereits tot, als er im Krankenhaus eintraf. Er liegt da draußen.«
»LaManche kommt?«
Charbonneau nickte.
Die fünf Pathologen im Labor wechseln sich mit der Rufbereitschaft ab. Es kommt zwar selten vor, wenn aber einmal eine Autopsie außerhalb der regulären Dienststunden für notwendig erachtet wird, dann ist immer jemand verfügbar. An diesem Tag war LaManche an der Reihe.
Ein Kind. Ich spürte ein vertrautes Gefühl in mir aufsteigen und musste hier raus.
Auf meiner Uhr war es zwölf Uhr vierzig. Ich riss mir die Plastikschürze herunter, knüllte sie mit der Maske und den Handschuhen zusammen und warf alles in den Behälter für biologischen Abfall. Dann wusch ich mir die Hände und fuhr mit dem Aufzug in den zwölften Stock.
Ich weiß nicht, wie lange ich in meinem Büro saß, auf den St. Lawrence hinunterstarrte und meinen Becher mit Joghurt unberührt ließ. Irgendwann glaubte ich, LaManches Tür zu hören und dann das Zischen der gläsernen Sicherheitstüren, die unseren Flügel unterteilen.
Als forensische Anthropologin habe ich eine gewisse Immunität gegenüber gewaltsamen Toden entwickelt. Da der ärztliche Leichenbeschauer sich an mich wendet, wenn er Informationen über die Knochen der Verstümmelten, Verbrannten und Verwesten braucht, habe ich das Schlimmstmögliche gesehen. Meine Arbeitsplätze sind das Leichenschauhaus und der Autopsiesaal, und deshalb weiß ich, wie eine Leiche aussieht und riecht, wie es sich anfühlt, wenn man sie betastet oder mit einem Skalpell aufschneidet. Ich bin gewöhnt an blutige Kleidung, die auf Ständern trocknet, an das Geräusch einer Stryker-Säge, die durch Knochen schneidet, an den Anblick von Organen, die in nummerierten Glasbehältern schwimmen.
Aber der Anblick toter Kinder bringt mich immer noch aus der Fassung. Der zu Tode geschüttelte Säugling, das erschlagene Kleinkind, das kaum zehnjährige Opfer eines gewalttätigen Pädophilen. Gewaltverbrechen an jungen, unschuldigen Opfern erzürnen und bestürzen mich noch immer.
Vor noch nicht allzu langer Zeit arbeitete ich an einem Fall, in dem es um Kleinkinder ging, Zwillingsjungen, die getötet und verstümmelt worden waren. Es war eine der schwierigsten Erfahrungen in meiner Karriere gewesen, und auf dieses Karussell der Gefühle wollte ich nicht noch einmal aufsteigen.
Andererseits war dieser Fall aber auch eine Quelle der Befriedigung gewesen. Nachdem der fanatische Täter eingesperrt war und keine Hinrichtungen mehr befehlen konnte, hatte ich wirklich das Gefühl, etwas Gutes vollbracht zu haben.
Ich riss den Deckel vom Becher ab und rührte den Joghurt um.
Bilder dieser Kinder gingen mir durch den Kopf. Ich erinnerte mich an meine Gefühle an diesem Tag im Leichenschauhaus, an die plötzlich aufblitzenden Erinnerungen an meine Tochter als Kleinkind.
Mein Gott, warum ein solcher Wahnsinn? Die verstümmelten Männer, die ich unten zurückgelassen hatte, waren ebenfalls Opfer des gegenwärtigen Biker-Kriegs.
Nicht verzweifeln, Brennan. Du musst wütend werden. Wütend auf eine kalte, entschlossene Art. Und dann benutze dein Wissen und deine Fähigkeiten, um diese Schweinehunde hinter Gitter zu bringen.
»Ja«, stimmte ich mir laut zu.
Ich aß meinen Joghurt, trank meinen Kaffee aus und fuhr nach unten.
Charbonneau war im Vorzimmer von einem der kleineren Autopsieräume und blätterte in seinem Spiralblock. Der Plastikstuhl, auf dem er saß, wirkte viel zu klein für seinen großen Körper. Claudel war nirgendwo zu sehen.
»Wie heißt sie?«
»Emily Anne Toussaint. Sie war unterwegs zur Ballettstunde.«
»Wo?«
»Auf der Verdun.« Er nickte in Richtung des angrenzenden Raums. »LaManche hat mit der Autopsie schon angefangen.«
Ich ging an dem Detective vorbei in den Autopsieraum.
Ein Fotograf machte eben Bilder, während der Pathologe sich Notizen machte und zur Sicherheit Polaroids schoss.
Ich sah zu, wie LaManche eine Kamera bei den Seitengriffen fasste und sie über die Leiche hob und senkte, um sie zu fokussieren. Nachdem er die Linse über einer der Wunden in der Stirn des Kindes scharf gestellt hatte, drückte er auf den Auslöser. Ein weißes Rechteck glitt heraus, LaManche zog es ganz aus dem Apparat und legte es zu den anderen auf einen Beistelltisch.
Emily Annes Leiche zeigte Spuren der intensiven Bemühungen, ihr Leben zu retten. Ihr Kopf war zum Teil bandagiert, aber ich konnte einen transparenten Schlauch sehen, der aus ihrem Schädel herausragte und den man ihr eingesetzt hatte, um den Druck im Schädelinneren zu kontrollieren. Außerdem hatten ihr die Ärzte einen Trachealtubus über den...
Auszug aus Lasst Knochen sprechen von Kathy Reichs, Klaus Berr. Copyright © 2004. Abdruck erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Rechteinhaber. Alle Rechte vorbehalten.
lange Wimpern und eine karamellfarbene Haut. Ihre Ohren waren von
winzigen goldenen Ringen durchlöchert. Ihre Stirn war durchlöchert
von zwei Kugeln aus einer Cobray 9-mm-Halbautomatik.
Es war Samstag, und ich arbeitete, weil mein Chef, Pierre LaManche,
mich extra darum gebeten hatte. Seit vier Stunden stand ich im Labor
und sortierte Gewebefetzen, als die Tür des großen Autopsiesaals aufging
und Sergeant-Detective Luc Claudel hereinmarschiert kam.
Claudel und ich hatten schon öfter zusammengearbeitet, und obwohl er
mich inzwischen tolerierte, ja vielleicht sogar schätzte, war das
an seiner barschen Art nicht zu erkennen.
"Wo ist LaManche?", fragte er, warf einen kurzen Blick auf den Untersuchungstisch
vor mir und wandte sich dann schnell wieder ab.
Ich sagte nichts. Wenn Claudel schlechte Laune hatte, ignorierte ich
ihn einfach.
"Ist Dr. LaManche schon angekommen?" Der Detective vermied es, meine
schmierigen Handschuhe anzusehen.
"Heute ist Samstag, Monsieur Claudel. Er arbeitet ni-"
In diesem Augenblick streckte Michel Charbonneau den Kopf zur Tür herein.
Durch den Spalt konnte ich das Surren und Scheppern der elektrischen
Tür im hinteren Teil des Gebäudes hören.
"Le cadavre est arrivé", sagte Charbonneau zu seinem Partner.
Cadavre? Was für eine Leiche? Was hatten zwei Detectives der Mordkommission
an einem Samstagnachmittag im Leichenschauhaus zu suchen?
Charbonneau begrüßte mich auf Englisch. Er war ein großer Mann mit
stacheligen Haaren, die ein bisschen an einen Igel erinnerten.
"Hey, Doc."
"Was ist denn los?", fragte ich, pulte die Handschuhe herunter und
zog mir die Maske vom Gesicht.
Claudel antwortete mit angespanntem Gesicht und Augen, die im grellen
Neonlicht freudlos wirkten.
"Dr. LaManche wird gleich hier sein. Er kann es Ihnen erklären."
Schon jetzt glitzerte Schweiß auf seiner Stirn, und sein Mund war zu
einer schmalen Linie zusammengekniffen. Claudel hasste Autopsien,
und er mied das Leichenschauhaus, wann immer es ging. Ohne ein weiteres
Wort zog er die Tür ganz auf und schob sich an seinem Partner vorbei.
Charbonneau sah ihm nach und wandte sich dann wieder mir zu.
"Das ist schwer für ihn. Er hat Kinder."
"Kinder?" Ich spürte etwas Kaltes in meiner Brust.
"Die Heathens haben heute Morgen zugeschlagen. Schon mal was von Richard
Marcotte gehört?"
Der Name kam mir irgendwie bekannt vor.
"Vielleicht kennen Sie ihn als Araignée. Spinne." Er bewegte die Finger
wie Spinnenbeine. "Klasse Kerl. Und ein gewählter Offizieller der
Outlaw Biker, der kriminellen Motorradbanden. Die Spinne ist der Spieß
der Vipers, aber heute hatte er einen wirklich schlechten Tag. Als
er am Morgen auf dem Weg zum Fitness-Center war, haben die Heathens
aus einem fahrenden Auto heraus auf ihn geschossen. Seine werte Begleiterin
konnte sich mit einem Sprung in einen Fliederbusch gerade noch retten."
Charbonneau fuhr sich durch die Haare und schluckte. -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.