Winterhoff ist ein Meister der Analyse. So gelingt es ihm in seinem neuen Buch Lasst Kinder wieder Kinder sein trefflich, die durch die veränderte Medienkultur wie auch durch unseren gesamten gegenwärtigen Lebensstil verursachte Belastungssituation für unsere Psyche nachvollziehbar zu analysieren und zu beschreiben: Wir befinden uns ständig im Katastrophen Alarm und treiben deswegen das Hamsterrad, in dem wir uns befinden, unaufhaltsam weiter an. Der Verlust der Mitte, der inneren Ruhe, ist die Folge davon. Der Zugriff auf unsere Intuition ist verstellt.
Eine gelungene Ergänzung und Weiterführung seiner bisherigen Bücher. Wenngleich der Titel des Buches eine andere Erwartungshaltung weckt, nämlich die, dass dieses Buch sich schwerpunktmäßig mit der gesunden Entwicklungsbegleitung von Kindern beschäftigt, was es jedoch nur peripher tut. Dennoch lohnt sich das Lesen allein für die Wissenserweiterung durch o.g. Analyse. Sie ist kurz und knapp dargestellt, mit Beispielen verdeutlicht. Das kann Winterhoff: Er ist, wie gesagt, ein Meister der Analyse, allerdings kein Meister des Wortes. Nein. Sprache fließt ihm nicht zu. Bei seinem neuesten Buch hatte er jedoch offensichtlich gute Berater, denn es liest sich stilistisch sehr viel glatter als seine ersten drei Bücher. Es ist schriftstellerisch deutlich besser.
Dennoch erscheint es, bei aller Bedeutung der Kernaussage, eine merkwürdige Konstruktion verschiedener Teile zu sein. Das erste Drittel - samt Vorwort - überzeugt als authentisch, ebenso das letzte Drittel, wenngleich das wieder etwas schwerfälliger geschrieben ist. Das mittlere Drittel hätte auf wenige Sätze reduziert werden können, da es zu diesen Themen schon sehr viel Literatur von Autoren gibt, die das viel besser können als Winterhoff. Einige Passagen, ebenso wie das zum ersten Mal in einem Winterhoff Buch gehäuft auftretende Zitieren anderer Autoren, befremden und sind aus meiner Sicht gänzlich entbehrlich. Warum traut sich Winterhoff nicht, einfach einen Erfahrungsbericht zu schreiben: Das beobachte ich, das könnte daraus entstehen, so könnte man es auf einen anderen Weg bringen. Punkt.? Ist das zu unpopulär? Wissenschaftlich ist seine Arbeit sowieso nicht. Dazu wäre mehr als das Einbauen einiger Zitate nötig. Aber der Praxis genügen Erfahrungen mit fachlich plausiblen Schlussfolgerungen vollkommen. Noch immer war es so, dass die Praxis die Theorie überholt hat. Nur ein wenig Mut braucht es dazu. Hat Winterhoff den nicht?
In seinem Buch sind zudem weder der umständlich bemühte gute alte Kierkegaard noch das Interview mit der sowieso in allen Medien ständig präsenten Margot Käßmann inhaltlich zielführend. Ebenfalls nicht nachvollziehbar ist das Darstellen von Gesprächen mit gesellschaftlich anerkannten oder hochrangigen Persönlichkeiten oder solchen, von denen man meint, dass es so wäre, wie dem BMW-Personalchef Harald Krüger oder dem Thomas-Kantor Georg Christoph Biller. Will Winterhoff seiner Arbeit damit mehr Autorität, ihr mehr Gewicht verleihen? Oder geht es nur darum deutlich zu machen, mit welchen bekannten Persönlichkeiten er Gespräche geführt hat, um dieses Buchergebnis erarbeiten zu können? Mich hat das nicht überzeugt. Bei den Ausführungen von Georg Christoph Biller beispielsweise frage ich mich als Leser ebenso wie bei den Erläuterungen von Harald Krüger, wie sich das wohl aus Sicht der anderen Seite, der Mitarbeiter bzw. der Jugendlichen des Chores, anhören würde. Ich denke, Winterhoff hätte gut darauf verzichten können.
Was er richtig gut kann ist das Analysieren psychischer Abläufe und Zustände. Aufgrund seiner vielfältigen, langjährigen Praxiserfahrungen kann er das, sowohl in seinen Vorträgen wie auch in seinen Büchern, mit Hilfe zahlreicher Beispiele sehr überzeugend und anschaulich verdeutlichen. Dabei sollte er es schriftstellerisch und vortragend aber auch belassen und sich stattdessen stärker in die praktische Umsetzung seiner Forderungen einbringen, um zu beweisen, dass die von ihm beschriebenen Fehlentwicklungen tatsächlich umkehrbar sind. Dass es keine Utopien sind, dass hier eine Wende herbeigeführt werden kann. Das würde den Menschen Hoffnung geben und gerade die fehlt uns allen so sehr in diesen Tagen.
Allerdings habe ich den Eindruck, dass sich Winterhoff derzeit nicht so recht entscheiden kann, was er eigentlich will. Tatsächlich muss es jemandem, der nach vielen Jahren fleißiger Arbeit quasi im Verborgenen, von einer solchen Welle der Popularität überrollt wird, der medial zu einem neuen Heilsbringer hochstilisiert wird, einfach schwer fallen, hier nicht die Orientierung zu verlieren. Insofern ist dieses mediale Interesse mit seinen Zwängen und Forderungen vermutlich Winterhoffs Hamsterrad.
Ich würde mir sehr wünschen, Winterhoff konzentrierte sich auf sein Handwerk, auf das der Analyse und würde ohne allen verkaufsträchtigen und medienwirksamen Schnickschnack irgendwann einmal die Winterhoffschen Analysen gleichsam als Lose Blattsammlung mit ständig durch ihn zu ergänzenden Nachlieferungen - nämlich immer dann, wenn er gerade mal Zeit und Lust zum Schreiben hätte (!) - veröffentlichen. In der Zwischenzeit könnte er sich mit seinen Kompetenzen sehr viel aktiver beratend und unterstützend in die gegenwärtige Bildungs- und Erziehungsarbeit einmischen. Das wäre sicherlich ein großer Gewinn für unsere psychisch angeschlagene Gesellschaft und eine echte Chance für unsere Kinder.