Kabarett muss sich einmischen, aufmischen und darf nicht vermischen. Georg Schramm gelingt wieder mal eine überzeugende Mischung aus Einmischung in die Politik, Aufzeigen des gesellschaftlichen Alltags und aufklärerischer Arbeit. Auch wenn es stellenweise einer höheren Bildung bedarf, um seinen Ausführungen zu folgen, so vermag man hier wieder herausgefordert werden, die tagtägliche Ab-Bildung" zu überdenken. Jeden Tag werden neue Themen über die Medien ans Volk gebracht. Es bleibt kaum mehr Zeit, sich gründlich mit Bildung, Hartz IV oder Ausländerintegration zu befassen. Schon wird ein neues Thema angefasst und das noch vermeintlich frische Thema wird vom großen Nachrichtenstrom erfasst und gerät in turbulente Strudel. Was oftmals mit Bildungsanspruch daherkommt, entpuppt sich rasch als Beginn einer Kampagne zur Verblödung.
Georg Schramm und seine Protagonisten Lothar Dombrowski, der Sozialdemokrat August, Oberstleutnant Sanftleben sowie die rheinische Frohnatur Rüdi analysieren den Fluss an Aussagen und Taten vermeintlich hoch verantwortlicher Personen und sezieren deren Worte und Handlungen mit einem scharfen, erbarmungslosen Messer, dass alles dahingehend misst, ob es sittlich-moralisch standhaft bleiben kann.
In 14 Kapiteln wird man durch die deutsche Geschichte geführt und wird sich an so manchen schon fast vergessenen Skandal oder Zusammenhang erinnern. Ob nun das Verhältnis Ost-Westdeutschland, Neonazis, die vorgezogene Neuwahl 2005, die Tsunami-Katastrophe, die Bundeswehrauslands-"Einsätze", der Berliner Bankenskandal, die PISA-Bildungsmisere oder der Gnadengesuch von Christian Klar - immer zeigt Schramm: hier sind die deutschen Wunden, die geleckt werden müssen. Hier sind die Wunden noch nicht verheilt, da sind Narben übrig geblieben und woanders bedarf es besonderer Medizin. In gekonnter sprachlicher Akribie stellt Schramm einen unerwarteten Kontext her, lässt Fragen offen oder entschuldigt sich sogleich für seine Polemik.
Zynisch, ironisch und äußerst scharfzüngig lässt Schramm Leuchtraketen aufsteigen, zeigt auf Wunden und lichtet die Nebel der Verschleierung.
Georg Schramms Auftritte bei unterschiedlichen Anlässen werden hier wiedergegeben und man ist erstaunt über das immerwährende hohe Niveau, das die unterschiedlichen Auftritte begleitet.
Ein besonderes Highlight des deutschen Kabaretts bleibt der Leserschaft nicht erspart, und man muss sagen: Gott sei Dank!
Der unvergessliche, phänomenale Auftritt zum Abschied von Dieter Hildebrandts Scheibenwischer" ist hier vortrefflich platziert. Herrlich aktuell bleibt da vor allem der Satz in Erinnerung: Diese Politkasperle dürfen auf der Bühne der öffentlich-rechtlichen Bedürfnisanstalten bei den Klofrauen Christiansen und Illner ihre Sprechblasen entleeren, und wenn es nach Verrichten ihrer intellektuellen Notdurft noch nachtröpfelt, dann können sie sich noch bei Beckmann und Kerner an der emotionalen Pissrinne unters Volk mischen!" (S. 154). Vortrefflicher lässt sich wohl kaum formulieren, wie die Zuschauer/-innen oftmals für dumm verkauft werden oder mit vermeintlich hilfreicher Medialdemokratie ruhig gestellt werden.
Georg Schramm nimmt kein Blatt vor dem Mund und wirkt mit seiner in die Wunden stechenden Art wie ein Fels in der Brandung der Beliebigkeiten und der Political Correctness, wo Fehler, Unzulänglichkeiten und gravierende Irreführungen unter den Schaumkronen der Aufgewühltheiten verborgen bleiben.
Historisch aufklärend, philosophisch deutend, prägnant informiert sowie kritisch-reflektiert unterhält sich Georg Schramm mit den Leserinnen und Lesern. Seine Unterhaltung ist außerparlamentarische Opposition per Exzellenz, die mehr als nötig ist. So wie dieser groß(un)artige Kabarettist die Zeiten der Zeit deutet, kann man nur sagen: Lassen Sie es sich so mal sagen...und hören sie gut zu!"
Eine unbedingt zu empfehlende Lektüre für alle, die noch mitsprechen möchten, wenn andere nichts mehr zu sagen haben!