Lily blätterte durch die vergilbten, müffelnden Buchseiten und schimpfte leise. Das Buch war voller Flecken, vermutlich tummelten sich darin Millionen klitzekleiner fieser Bakterien. Sie knallte es auf den Haufen zu den anderen.
Wie bringt man den Gewinn eines Jahres in einer einzigen Transaktion durch? Ganz einfach, drück Robbie eine Kreditkarte in die Hand und schick ihn nach Afrika! Dort hatte er sich bestimmt in den hinterletzten Ecken von Nairobi herumgetrieben und nichts Besseres zu tun gewusst, als das gesamte Inventar von Mr. V. P. Sindrahs Secondhand-Buchladen aufzukaufen. Robbie, dieser Traumtänzer, hatte die ganzen Kisten nach Sydney transportiert, in der Hoffnung, dort einen guten Preis für den alten Krempel zu erzielen. Sie öffnete noch ein paar Kisten, dann gab sie frustriert auf. Robbie konnte heute Nacht bei Otto in der Hundehütte übernachten! Und wenn ihm dort kalt wurde? Pah, dann konnte er sich mit einem Stapel verschimmelter und halb zerfledderter Taschenbücher zudecken. Davon waren schließlich reichlich genug vorhanden.
William spähte aus dem Flugzeugfenster. Rote Dächer und blau glitzernde Swimmingpools erstreckten sich unter ihm. Das Druckgefühl in seinem rechten Ohr nahm unangenehm zu, und er wandte sich wieder seinen Notizen zu.
Schwartzman und Trevennen, Antiquarian Booksellers, Paddington, Sydney. Wenn die wüssten, was sie gerade gekauft und in welche gefährliche Situation sie sich damit gebracht hatten, würden sie ihre Adresse nicht mal eben so locker rausrücken.
Das Flugzeug setzte mit einem dumpfen Knirschen auf, der röhrende Lärm der Triebwerke erstarb. Einige Passagiere klatschten. Als wäre ein Flug von Nairobi nach Sydney eine weltbewegende Glanzleistung. Auf dem Weg durch den Zoll zupfte er sich abwesend an seinem rechten Ohr. Menschenmassen tummelten sich am Arrival Gate, musterten ihn gelangweilt und starrten dann den Nächsten an, auf der Suche nach ihren Lieben. Kreischen und Lachen hallten durch das Terminal, Familien umarmten einander, Paare herzten und küssten einander stürmisch, kleine Kinder wurden ihren Großeltern in die Arme gedrückt. William checkte sein Handy und ging zum Taxistand.
Robbie beobachtete, wie der Hund schwanzwedelnd an den letzten Kisten herumschnüffelte. Wenigstens einer, der von seinem Einkaufstrip begeistert war. Seufzend öffnete er einen weiteren Karton und rückte dem verstaubten Inhalt zu Leibe. Ein dicker Foliant, in braunes Packpapier gewickelt, machte ihn neugierig. Er wickelte ihn vorsichtig aus, wischte den Staub vom Schutzumschlag - ein richtiges Altertümchen, aus echtem Pergament, und der französische Titel in einer Schriftart, die er bislang ausschließlich auf Büchern aus dem i8. Jahrhundert gesehen hatte.
Seine Müdigkeit war mit einem Mal wie weggeblasen.
Er schnappte sich den Laptop und tippte den Buchtitel in eine Suchmaschine ein. Starrte unter der summenden Neonröhre, die die Garage in grellweißes Licht tauchte, ungläubig auf den kleinen Bildschirm, bevor er das Buch durchblätterte. Und Bilder von nackten Nymphen, Phallusstatuen, trunkenen Bacchanten, unzüchtigen Satyrn und römischen Bürgern in ihrer Hochzeitsnacht zu sehen bekam.
Es war jedoch nicht der Inhalt, der Robbie verblüffte; vielmehr war es die Erkenntnis, dass der Titel, den er da eben aus einer der muffigen Bücherkisten gefischt hatte, eine Rarität auf dem Buchmarkt war — kostbar und heiß begehrt — und er gehörte ihm.
Und Lily natürlich.
Robbie lief ins Haus. Solange Lily noch schlief, hatte er Zeit und Muße zu überlegen, was er mit dem Buch machen wollte. Er setzte sich an den Schreibtisch im Laden, drehte nachdenklich einen Stift in den Händen und ließ ihn erschrocken fallen, als plötzlich das Telefon klingelte.
»Bitte verbinden Sie mich mit Robert Schwartzman.«
»Am Apparat.«
»Mein Name ist William Isyanov. Ich arbeite für Weston's Fine Arts in London.«
Robbie nahm automatisch seine Füße vom Schreibtisch. Weston's Fine Arts in London? Die renommierte Kunstgalerie? Das hörte sich vielversprechend an. Nach einem Kunden mit ordentlich Kohle. Ob der Typ sich verwählt hatte? Sie hatten in ihrem Antiquariat bestimmt kein Buch auf Lager, das einen so angesehenen Laden interessieren könnte.
»Mr. Schwartzman?«
»Ja. Wie kann ich Ihnen weiterhelfen?« Seine Stimme zitterte kaum merklich.
»Ich suche einen ganz bestimmten Titel, und ich glaube, dass ich bei Ihnen fündig werde. Es handelt sich um einen Faksimiledruck. Der Autor ist ein gewisser Colonel César Fanin, die Publikation stammt aus dem Jahr 1816 und trägt den Titel Musée royale de Naples: peintures, bronzes et statues erotiques du cabinet secret, avec leur explication (Königliches Museum von Neapel: Gemälde, Bronzen und erotische Statuen aus dem Geheimarchiv, mit Erklärungen). Das Buch enthält Originallithografien von erotischen Kunstwerken, die bei der ersten Ausgrabung Pompejis entdeckt wurden.«
Robbie zögerte. Er blinzelte zu Otto, und der Hund blinzelte treuherzig zurück. Otto hing an Robbie wie ein kleines Kind an einem Vater, der selten zu Hause war.
»Ja, ich kenne das Buch.«
Ein Käufer. Und das so schnell. Wahnsinn! Er tastete mit spitzen Fingern über den Schreibtisch. Das reinste Chaos. Nagellackfläschchen, aus Zeitungen ausgeschnittene Rezepte und Buchbesprechungen, Rechnungen, Quittungen, Mahnungen. Lily sollte wirklich dringend mal wieder aufräumen. Der Stift war unter ein Rezept für Pikante Pflaumensauce gerollt. Er hob ihn auf und wartete.
»Ich handle im Auftrag eines Kunden, dem das Buch gestohlen wurde.«
Robbie war schwer versucht, den Hörer auf die Gabel zu knallen.
»Ich hoffe, Sie können mir bei meinen Nachforschungen behilflich sein. Was halten Sie davon, wenn wir uns morgen treffen? In Ihrem Geschäft?«
Robbie funkelte den Hörer an. Nein, davon hielt er ganz und gar nichts! Weder morgen noch sonst irgendwann.
»Hier in meinem Geschäft? Morgen? Äh… nein. Dienstag wäre mir lieber. Am Dienstag bin ich den ganzen Tag im Geschäft.«
»Gut. Also dann bis Dienstag.«
William schaltete sein Handy aus, streckte ein Bein aus und betätigte mit seinem Fuß den Warmwasserhebel. Wer dauernd um die Welt jettete, um gestohlene Kunstobjekte wiederzubeschaffen, durfte sich wenigstens was Gutes gönnen. Und er fuhr voll auf Hotelbäder ab. Da er in seinem Londoner Apartment keine Wanne hatte, logierte er ausschließlich in Hotels mit großen, luxuriös ausgestatteten Bädern. Und gigantischen Wannen! Immerhin war er über einen Meter achtzig groß, da waren Länge und Tiefe entscheidend - und die hier war optimal.
Er tauchte bis zum Kinn in das angenehm temperierte Wasser. Schloss die Augen und ließ die Seele baumeln. Wenn alles gut lief, überlegte er, konnte er Dienstagabend wieder nach Hause fliegen. Schwartzman hatte das Buch, hundertpro. Jetzt musste er es ihm bloß noch abluchsen. Bevor ihm jemand anderes zuvorkam.
Robbie starrte Otto an, und der Hund ließ schuldbewusst den Kopf hängen, obwohl er nichts verbrochen hatte.
»Scheiße, was mach ich bloß, Otto?«, murmelte Robbie. Er umrundete den Schreibtisch und schlenderte an den antiquarischen Landkarten auf und ab, die an den Wänden und vis-à-vis des großen Schaufensters hingen. Lily hatte das Fenster mit alten Schönheitsratgebern und Modezeitschriften dekoriert. Schals und Parfümflakons waren kunstvoll zwischen den Titeln drapiert; ein Filmplakat, auf dem Jane Russell sich lasziv im Heu fläzte, hing an einer Wand neben den Landkarten. Lily dekorierte alle paar Wochen um. Ihr fielen immer wieder neue Themenschwerpunkte ein, das nannte sie dann hochtrabend Buchmarketing.
Er stapfte abermals zum Schreibtisch, trat missmutig mit dem Fuß vor ein Schubfach und lief wieder zum Fenster. Da konnte ja jeder kommen und irgendwelche alten Schwarten zurückfordern! Er war jedenfalls nicht bereit, das Buch rauszurücken, es sei denn, der Typ zahlte dafür eine...