In Maike Wetzels Erzählungen geht es um alltägliche, zwischenmenschliche Beziehungen, die zumeist scheitern. Ihre Figuren sind nicht oder nur kaum fähig deutlich zu machen, was sie denken und wollen – wenn es ihnen überhaupt gelingt eine Atmosphäre zu schaffen, in der miteinander Reden möglich ist. Die Menschen aus ihren Geschichten, die sich fast alle zwischen Kindesalter und Mitte dreißig bewegen, werden häufig nicht verstanden, verstehen nicht oder werden übersehen.
Da ist ein Mädchen von zwölf Jahren, deren Leben stark durch die Magersucht ihrer älteren Schwester geprägt ist. Die Eltern legen alle Aufmerksamkeit auf die Schwester. Sie gehen zu Therapeuten, die Mutter kocht Essen, das ihr nicht schmeckt, damit die Schwester wenigstens ein bisschen isst, die Eltern sorgen sich, verzweifeln, resignieren, streiten, sprechen kaum mehr. Auch die Protagonistin denkt viel über ihre Schwester nach, ist aber noch weniger fähig sie auf ihre Krankheit anzusprechen als die Eltern. Sie wird übersehen, verhält sich zu Hause still und flüchtet so oft wie möglich. Plötzlich beginnt die Schwester wieder zu essen. Heimlich nur, aber sie isst. Die Eltern wagen kaum erleichtert zu sein. Sie schweigen immer noch. Jetzt aus Angst, dass ein Wort die Schwester wieder zum Hungern bringen könnte. Die Schwester isst wieder und die Lebensbedrohung scheint gebannt, aber an der Situation der Familie, dem ewigen Schweigen, hat sich nichts verändert.
Das Schweigen ist eines von Maike Wetzels großen Themen. Dadurch, dass sie schreibt, was ihre Charaktere sagen, wird deutlich, was sie nicht sagen – und das ist sicherlich auch das wichtigere. Das, das deutlich macht, was diese Menschen versäumen, das die Frage aufwirft, was wir verpassen, wo wir zu viel schweigen und weggucken. Wo uns Angst und Unsicherheit lähmen, wo Unachtsamkeiten oder scheinbar harmlose „Klein-Boshaftigkeiten“ verheerende Folgen nach sich ziehen.
Maike Wetzel, die an der Münchener Filmhochschule studierte und bereits einige Drehbücher geschrieben hat, baut in wenigen Sätzen eine dichte, bildgeprägte Atmosphäre auf. Diese Atmosphäre ermöglicht es ihr mehr zu zeigen als zu erzählen. Die Personen leben ihren Alltag, Lesende beobachten sie und finden vielleicht einen Spiegel ihrer selbst. Maike Wetzel wertet nicht das Verhalten ihrer Figuren. Das hat sie auch gar nicht nötig, denn sie beleuchtet die Situationen so, dass Lesende unweigerlich von selbst reflektieren und eigene Schlüsse ziehen.
Eine junge Frau erzählt ihrem Freund, wie sie vor Jahren einen Autounfall beobachtete. Obwohl sie an dem Unfall scheinbar nicht beteiligt ist, fühlt sie sich schuldig. Sie vermutet, dass Arslan, mit dem sie Monate vorher „gespielt“ hatte, absichtlich gegen den Baum gefahren ist. Aus Verzweiflung, weil seine Freundin mit ihm Schluss gemacht hat. Sie ist geplagt von Gewissensbissen und versucht gleichzeitig ihre Unschuld zu erklären. Anscheinend ist es erst Arslans tragischer Tod, der die Ich-Erzählerin dazu bringt an ihrem Verhalten zu zweifeln.
In der Erzählung „Arme Ritter“ zieht ein junges Zwillingspaar in eine Stadt. Sie sollen bei ihrer Tante bleiben, bis sie eine Wohnung gefunden haben. In der Wir-Perspektive erzählt die Autorin, wie die Schwestern, die für andere immer schon nicht zu unterscheiden waren und somit austauschbar sind oder als ein Wir wahrgenommen werden, nach und nach Gudruns Wohnung nach ihrem Geschmack umgestalten und sie schließlich aussperren. Diese ist schüchtern, irritiert und bemüht sich zaghaft um Vermittlungsversuche – jedoch ohne dabei eindeutig zu fordern. Die Zwillingsschwestern kümmert Gudrun nicht. Mit einer gelangweilten Gleichgültigkeit und ohne jegliches Schuldbewusstsein, fast schon über die nachgiebige Gudrun belustigt, erzählen sie, wie sie sie aus ihrer Wohnung jagten, als handele es sich um einen harmlosen Jugendstreich.
Diese Erzählung mag skurril sein, ist jedoch nicht völlig unmöglich. Und das ist das Erschreckende, das bleibt wenn der letzte Satz „Wir wollen nicht wirklich wissen, wie es ihr geht. Uns geht es gut.“ gelesen ist: etwas in uns schreit „Das kann doch nicht sein! So viel Egoismus. Und dann die eigene Tante.“. Aber dieser letzte Satz, wenn wir ehrlich sind, dann begleitet er uns doch leise, so weit wie möglich im Hinterkopf, durch den Tag.
Es sind die kleinen, scheinbar harmlosen Sätze, die uns dann alle zusammen doch das eigene Handeln hinterfragen lassen. Es sind die alltäglichen Menschen aus den Erzählungen, die uns so nahe gehen, die wir so gut verstehen können, weil es uns häufig ähnlich geht. Aber dann stellen sich unsere Identifikationsfiguren plötzlich als Spiegel in den Weg und zeigen gnadenlos auf die schwarzen Stellen unseres Verhaltens. Die, die wir lieber nicht sehen wollen, weil es uns gut geht. Sie zeigen das ganze Schweigen und die Einsamkeit, das nebeneinander herleben und die Ignoranz. Die FAZ hat Recht, wenn sie schreibt „Maike Wetzels Sätze sind wie kleine Widerhaken: Irgendwann sind es so viele, dass sich jede Welt damit aus den Angeln heben lässt.“ Irgendwann haben wir so viele kleine, widerborstige Sätze gelesen, dass wir und doch fragen müssen, was hinter unserem „Uns geht es gut.“ steht.