Ulrich Koch ist der Sänger der entvölkerten Vorstadt, der menschenleeren Provinz,
die ihre Würde durch sein Gedicht erhält. (...)
Geboren wurde er 1966 im niedersächsischen Winsen an der Luhe, einer
Kleinstadt zwischen Lüneburg und Hamburg. Heute lebt er mit Frau und Tochter
in einer Reetdachkate in Radenbeck östlich von Lüneburg, einer Gegend, in der,
wie er sagt, das Postauto vormittags im Schritttempo die Verstorbenen sucht.
Hauptberuflich ist er als Geschäftsführer einer eigenen Zeitarbeitsfirma tätig, die
Fachpersonal für die Altenpflege vermittelt. Mit den typischen Repräsentanten der
neuen Lyrik von jetzt, die in stylishen, neu gegründeten Verlagen veröffentlichen
und sich in jungen, institutsgebundenen Magazinen selbst feiern, hat er tatsächlich
allenfalls das Geburtsjahr gemeinsam.
Eine Lebensschwere haftet seinen Versen an. Es dürfte der Existenzüberdruss
sein, der sich hier immer wieder neu künstlerisch Ausdruck verschafft. Kein
Wunder, dass Koch erklärt, ein gutes Gedicht müsse auf unwiderstehlich sanfte
Art und Weise traurig machen. So gehen die schönsten seiner Gedichte eine
Synthese von Form und Inhalt ein. Sie sind formvollendet, ohne bieder zu sein,
und inhaltlich offen, doch nicht beliebig.
(...)
Dem Band merkt man die lange Entstehungsphase an. Die darin versammelten
Gedichte sind reifer und abgeklärter als die früheren. Die Souveränität, mit der hier
die Situationen atmosphärisch auf den Punkt gebracht werden, ist verblüffend,
so etwa in dem Gedicht Alter Friseursalon, in dem Koch die unter den Hauben
sitzenden Nachbarinnen als "im Orbit vergessene Astronauten" beschreibt. Die
lyrischen Formen sind noch schlichter und eingängiger. Thematisch überwiegen
die sich im Alltäglichen ereignenden Epiphanien, diese kleinen Momente im Leben,
die denjenigen beglücken, dessen Wahrnehmung noch nicht gänzlich abgestumpft
ist.
All das ließe sich auch über seinen soeben erschienenen neuesten Band "Lang
ist ein kurzes Wort" sagen, zu dem der Büchner-Preisträger Arnold Stadler ein
liebevolles Nachwort beigesteuert hat. Koch selbst bezeichnet seinen neuen Lyrik-
Band bescheiden als "das Hauptwerk der Radenbecker Spätklassik". Es wäre zu
wünschen, dass den Gedichten dieses freundlichen Misanthropen endlich eine
größere Aufmerksamkeit zuteil wird.
ZEIT ONLINE August 2009