Neue Zürcher Zeitung
Matthias Altenburgs «Landschaft mit Wölfen»
Vor einigen Jahren veröffentlichte Matthias Altenburg eine gewollt ungerechte Attacke gegen den anämischen Zustand der deutschen Belletristik, zumal der von jüngeren Autoren verfassten. Als Rezept empfahl er ihnen die Auffütterung ihrer blassen Erzählungen und schlaffen Romane mit jener Materie, die allgemein Leben genannt wird. Von diesem machte sich Altenburg ein einfaches, wenn auch ein wenig ödipal gefärbtes Bild. Er verglich das Leben, die unermüdliche Versorgungsquelle der Literatur, mit einer «dicken Mama». Die Erinnerung an diese Metapher stellt sich bei der Lektüre von Altenburgs neuer Erzählung deshalb ein, weil der Ich-Erzähler nach einigen Seiten seiner Mutter den Tod wünscht, was durchaus Folgen hat für den Gang der Erzählung. Denn sie spielt keineswegs auf Mamas Schoss, anders gesagt: keineswegs mitten im Leben, sondern im Übergangsbereich zu dessen Imitation.
«Es ist alles wie im Film», «Es ist alles wie im Fernsehen», äussert der Ich-Erzähler in Abständen, verbittert von der Gefälschtheit seiner Umgebung, angewidert von der Abgestandenheit einer Szene, die eben noch Handlung, Spannung, Echtheit versprach und nun unter seinem bösen Blick in sich zusammenfällt. Denn unschuldig ist er an der Leblosigkeit nicht. Sie ist ein Resultat seiner entwertenden Wahrnehmungsweise und seiner Liquidierungsphantasien. Sie löschen einen Erzählmonolog aus, in dem die Realität gründlich abserviert wird.
Die Menschen sind verformt, ohne Würde und Anstand, sie sind blöde und verfressen. Die Gesellschaft stellt eine Mischung aus Psychiatrie und Talk-Show dar, die Zivilisation einen Haufen ungetrennten Mülls. Die Stadt ist «voller Rotz», und die Liebe ist ein Billigangebot. Einmal folgt der Ich-Erzähler einem der Hoffnung nahestehenden Impuls und geht über die Strasse zum gegenüberliegenden Haus, um die drei jungen Asiatinnen kennenzulernen, die er seit einiger Zeit beobachtet und deren junge, pausenlos vergnügte Gesichter eine gewisse Unverbrauchtheit versprechen. Vor der Wohnung der Asiatinnen trifft der Besucher auf eine kleine Warteschlange von Männern. Denn natürlich ist es so, wie jeder Fernsehzuschauer aus jeder Thailand-Reportage weiss die Frauen gehen dem Gewerbe nach.
Der Erzähler läuft sofort weg. Weniger enttäuscht denn in der mit sich selbst getroffenen Verabredung bestätigt, dass eine derart abgenutzte, «abgenudelte» Realität sich keinesfalls als Schauplatz eignet, in dem Mama Leben sich einrichten und entfalten könnte. So entsteht aus der Erzählung «Landschaft mit Wölfen» zwar ein grossformatiges Stimmungsbild, genauer gesagt das Bild einer allgemeinen, aggressiven Katerstimmung. Aber eine in der Aussenwelt spielende kräftige Geschichte entsteht nicht.
Vor drei Jahren veröffentlichte Matthias Altenburg die schöne Novelle «Die Toten von Laroque», deren Held die Realität ebenfalls durch den Schleier der Entfremdung sah. Aber der kam dort nicht auf die Idee, dass ihn hinter jeder Tür nur ein Déjà vu der Medienrealität erwarte. In der Geschichte, die ihm widerfuhr, machte er keine besonders gute Figur. Doch sie widerfuhr ihm. Die Voraussetzung dafür war allerdings, dass er überraschbar war von den Dingen, Räumen, Personen, Konstellationen um ihn herum. Das ist bei seinem Nachfolger anders. Er weiss Bescheid, wenn er nur hinsieht.
Von der Aussenwelt nichts mehr erwartend, hat er Entwicklungen für sein Innenleben reserviert. Er erzählt die aufsteigende Linie seiner psychischen Verfassung von der Übellaunigkeit, mit der er am Textanfang aus dem Schlaf aufwacht, zum Hass, von diesem zum Vernichtungswunsch und zuletzt zum Amoklauf. Am Ende schiesst er in eine Menschenmenge. Einiges spricht allerdings dafür, dass sich auch das in seinem Kopf zuträgt, in einem Tagtraum; als Imitation des Lebens also.
Ganz echt ist der Held und Erzähler auch selber nicht. Er ist eine Genrefigur. Die Figur des einsamen Wolfs, der unterwegs ist in der Grossstadtsteppe. Seine Heimat ist die amerikanische, vor allem die kriminalistische Literatur. Aus dieser verpflanzte Matthias Altenburg ihn in die heutige Bundesrepublik, in die Stadt Frankfurt. Doch die Gefahren, die zwischen Konstabler Wache und Glauburgstrasse drohen, gehen nicht von der Unterwelt aus, sondern von der Welt der Mittelmässigkeit.
Daran ändern auch kleine Berührungen mit dem Kriminellen nichts. Einmal unternimmt der Erzähler eine Sauftour mit einem schrägen Vogel aus dem Milieu. Ein andermal gibt er sich, aus Langeweile und ohne recht zu wissen warum, dafür her, einen Drogentransport auszuführen. Und auf einer gedämpft entgleisenden Wohlstandsparty steckt er genauso gedankenlos eine Pistole ein.
Es gelingt Matthias Altenburg allerdings, den Zustand seines Helden zwischen Getriebenheit und Dahintreiben, zwischen Hektik und Apathie, Suche und Flucht deutlich zu machen. Und er verfügt über eine abrupte, elliptische Erzählweise, die geeignet ist, fiebriges und zwanghaftes Denken abzubilden, die Kurzschlüsse im Kopf aufs Papier zu bringen. Aber es ist das Format der Erzählerfigur, das nicht stimmt. Sie ist zu krank und zugleich zu gesund. Zu gewaltsam und zugleich zu zahm. Zu paranoid für den Typus des sozial abgerutschten Grossstadteremiten. Zu gewissenhaft für einen Paranoiker. Selbst in seinen militantesten Verwünschungstiraden hört er nicht auf, darauf zu achten, sich als Polemiker verständlich zu machen.
Matthias Altenburg hat einen ziemlichen Horror vor intellektueller Korrektheit, vor Versöhntheit, geistiger Gruppenbildung und kulturbürgerlichem Schmus. Er hat einen Hang zur gedanklichen Drastik, zum starken Wort und zur Übertretung. Und er hat Angst vor der eigenen Courage. Wenn der zu diesem Zeitpunkt schon recht durchgeknallte Erzähler das Kapitel über den sechsten Tag mit dem Satz beginnt: «Manchmal denkt man, der Krieg sei die Lösung», kommt er schon mit dem Anschlusssatz wieder zur Vernunft: «Natürlich weiss man, dass das Unfug ist, dass er nur Schmerzen und Elend bringt.» Vermutlich ist es der Überschuss an provokanter Absicht einerseits und der Mangel an Konsequenz andererseits, die solche Passagen aus dem Gleichgewicht bringen. Es sind Mitteilungen eines Schafs im Wolfspelz.
Ursula März -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.
Kurzbeschreibung
Landschaft mit Wölfen, das sind sieben heiße Julitage im Leben von Neuhaus, dem Helden dieses Romans. Er streift durch sein Viertel, geht auf Partys, schaut in alle Fenster und mustert seine Umgebung wie ein hellwacher Gott seine verkommene Schöpfung: Eine Welt, die aussieht, als warte sie auf Erlösung.
Mit seiner schnellen, klaren Sprache bringt Matthias Altenburg einen Ton in die neue deutsche Literatur, der am ehesten an die Songs von Tom Waits und die Filme von Jim Jarmusch erinnert.
carpe.com
Matthias Altenburg gelingt in Landschaft mit Wölfen der Versuch der Annäherung an die Single-Gesellschaft.
Früher dachte ich immer, das Eigentliche werde erst noch kommen. Heute glaube ich das nicht mehr. Heute glaube ich, daß das Eigentliche immer gerade jetzt passiert oder man es womöglich schon hinter sich hat.
Neuhaus ist kein besonderer Mensch. Mitte Zwanzig, Single, mehr oder weniger ziellos und in ziemlich großem Maße Großstadtneurotiker. Mit Frauen läuft es nicht schlecht, aber das ist nicht wichtig. Sie interessieren ihn nicht wirklich, schon gar nicht die, die ihm hinterherlaufen. Neuhaus ist aber deshalb beileibe kein Kämpfer, sondern eher passiv an diesem Leben beteiligt. Sein resignatives Grundmuster liest die Ereigniswelt um ihn herum mit sarkastischer Sezierung. Er sitzt am Fenster und beobachtet die Menschen gegenüber. Hitchcocks Mann am Fenster ist er trotzdem nicht, und das weiß er auch. Obwohl von Altenburg mit Intellekt ausgestattet, nutzt er ihn nicht, sondern ergibt sich in seine Punchingball-Rolle.
Da ist die alte Sänger von oben, die nachts vorbeikommt, an ihrem Häkeldeckchen lutscht und ihn nach ihrem verstorbenen Mann Arthur nennt. Oder der Junge, der ihm auf einer Wiese tote Frösche bringt. Oder Brinkmann, der schwule Freund, der ihm Geld von einer Frau zusteckt, die er gerade auf dem Friedhof erschlagen hat. Neuhaus trottet in Woody-Allan-Manier von einer grotesken Situation zur anderen. Er führt sein kleines Leben irgendwo in einem unwichtigen Viertel der Mainmetropole Frankfurt und hat als Selbstschutz eine Art nonchalanter Lakonik wie ein Kondom über sein Kontaktverhalten gezogen.
Immer pleite, den Kopf "voller Phantasien, die man keinem erzählen kann", nimmt er an der Gesellschaft teil wie ein grauer Konsument auf einem Laufband. Er lebt, als sei das Leben eine Dokumentation, deren Essenz sich an der Uhrzeit ablesen ließe. Es wird klar, daß er trotz seines Bestrebens, Dissident mit Normalbürgertarnung zu sein, unweigerlich auf die graue Masse des Alltags stürzen wird, so wie die Fliege auf den Klebestreifen.
Die Landschaft mit Wölfen ist eigentlich ein Bild, das auf irgendeiner Party hängt und zwei Jäger nebst drei Wölfen zeigt. "Das Seltsame ist, daß die Wölfe den Jägern folgen und nicht umgekehrt". In diesem Satz treffen sich Oberfläche und Essenz des Romans. Die Wölfe sind die anderen: mal wild, mal verhärtet, mal unglücklich, mal zahnlos. Und Neuhaus weiß sie zu nehmen. "Die Wölfe sind besser als ihr Ruf. Wenn man mit ihnen umzugehen wisse, sind sie sogar recht possierlich." Mit dieser Erkenntnis ausgestattet, ist eigentlich auch er der Wolf, der den Jägern hinterherläuft -- nur wissen die das nicht.
Ungezwungen ploppen die Sätze aufs Papier, trocken und uneinholbar wie die Tennisbälle aus Kapitel drei. Das Buch durchströmt ein unverästelt sonorer Sarkasmus, in dessen Lamento scharfe Analysen eingebettet sind. So ist es, sagt uns das Buch, oder irgendwo ist es so -- oder zumindest könnte es irgendwo so sein. Dabei zeigt es immer wieder auch lyrische Momente, liebevolle Augenblicksatmungen. Der Text spricht wie ein Mensch denkt, ohne aber deshalb an literarischer Qualität zu verlieren. Die Schilderung wechselt zwischen merkwürdigen oder als merkwürdig interpretierten Situationen, nennt Eindrücke beim bitteren Namen und zeigt gekonnt die Geisteswelt eines Alleingelassenen.
Der Roman bewegt sich wunderbar zwischen neurotischem Großstadterlebnis und dem trockenen Humor literarischer Fiktion. Sieben Tage folgt man dem Helden mit Amüsement, schmunzelt über das Absurde und Wahre, ist aber am Ende doch froh, den einsamen Lebensskeptiker verlassen zu können. Altenburg gelingt der Versuch, den Zeitgeist der Singlegesellschaft zu ertappen und zu schildern. Das ist schräg, das ist humorvoll, das ist lebendig. --Ron Winkler -- Dieser Text bezieht sich auf eine vergriffene oder nicht verfügbare Ausgabe dieses Titels.